"Ausgesoffen": Gespräch mit Buchautor und Suchttherapeut Bernd Thränhardt

1 von 1

"Selbsthilfegruppen haben mir den Arsch gerettet" / Vom Glück der "zufriedenen Trockenheit"

Fulda - "Ausgesoffen“: Viel besser als nur dieses eine Wort kann ein Buchtitel nicht beschreiben, worum es in dem Werk geht. Der 63 Jahre alte Bernd Thränhardt, der in der Eifel zu Hause ist, hat damit nicht nur seinen Weg aus der Alkoholsucht skizziert, sondern für sich selbst auch klar gemacht, dass es endgültig „Aus!“ ist mit dem Trinken. Auf Anfrage stand Thränhardt, dessen Bruder Carlo dreifacher Hochsprung-Weltrekordler ist, „Fulda aktuell“ gern für ein Gespräch zur Verfügung.

Bernd Thränhardts Credo lautet: „Es ist ganz einfach, trocken zu werden. Man lässt das erste Glas stehen und ändert sein ganzes Leben.“ Dem Betroffenen müssten positive Anreize aufgezeigt werden, die nach dem erfolgreichen Entzug auf ihn warten. Trockenheit eröffne den Zugang zu längst verloren geglaubten Lebensbereichen, die Chance, neue Leidenschaften zu entdecken, alte Hobbys wieder aufzunehmen und ein neues, gesünderes Körpergefühl zu entwickeln. Inzwischen kann er, so wie übrigens sehr viele „trockene“ Alkoholiker, exakt den Tag benennen, an dem er sich endgültig dafür entschied, der Sucht ein „Aus!“ entgegen zu setzen. „Dabei habe ich mir früher nie vorstellen können, auch nur eine Woche lang nichts zu trinken“.

Nach dem Studium der Germanistik, Sport und Erziehungswissenschaften arbeitete Thränhardt viele Jahre erfolgreich als Journalist, Filmproduzent und Buchautor. Alkohol wurde dabei immer mehr zu einem treuen Begleiter, und ähnlich wie bei vielen Süchtigen war auch bei Thränhardt der Weg in die Abstinenz von Klinikaufenthalten und Entgiftungsversuchen geprägt. „Der Trinker muss den Tiefpunkt erreichen und kapitulieren. Und er muss erkennen, so nicht mehr weiterleben zu wollen“. Bei ihm, „der ich mich immer für einen supertollen Kerl gehalten habe“, war diese Wendemarke am 9. November 2001 erreicht. Wie es in seiner Vita heißt, „stößt er seinen Kopf mit aller Kraft gegen eine Wand. Immer wieder. Wenngleich kein wirklicher Selbstmordversuch, ist dies seine persönliche Kapitulation auf allen Ebenen. Nicht nur rational, wie so oft in den Jahren vorher, sondern auch emotional und seelisch“. Am nächsten Tag beschloss er „trocken“ zu werden und auch zu bleiben.

Geradeheraus, wie es seine Art ist, betont Thränhardt, „dass mir die Selbsthilfegruppen den Arsch gerettet haben“. Und er nennt eine Statistik, wonach es rund 70 Prozent aller Abhängigen schaffen, mit Unterstützung einer Gruppe „trocken“ zu bleiben. „Fünf Jahre lang bin ich zwei Mal in der Woche zu den Treffen gegangen. Egal, was war. Da musst Du hartnäckig sein“. Und er mahnt: „Du darfst nie glauben, dass Du es geschafft hast“. Seit zwölf Jahren moderiert Thränhardt nun schon in Köln seine eigene Gruppe und geht mit den Mitgliedern zu den Treffen „ganz normal in ein Restaurant, also in die Öffentlichkeit. Wir müssen uns doch nicht in einem Keller verstecken, sondern uns mit offenem Visier und unserer ganzen Würde zeigen“. Denn Alkoholabhängigkeit betreffe alle Schichten der Gesellschaft, „und nicht, wie ich früher einmal gedacht habe, entweder nur Penner oder Prominente“.

Nachdem er vier Jahre lang für die „Betty Ford-Klinik“ in Bad Brückenau tätig gewesen war, die auf die Behandlung von Alkoholabhängigkeit, Medikamenten- und anderen substanzgebundenen Abhängigkeitserkrankungen spezialisiert ist, arbeitet Thränhardt nun als Suchtberater und Therapeut in Köln, gibt auch Seminare für Unternehmen. Über all‘ dem schwebt der Wunsch, Betroffene zu überzeugen, wie lebenswert eine zufriedene Trockenheit sein kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Polizeieinsatz in Großenlüder: 67-jährige Frau leblos in Wohnung gefunden

69-jähriger Ehemann im Krankenhaus / Hintergründe sind noch völlig unklar  
Polizeieinsatz in Großenlüder: 67-jährige Frau leblos in Wohnung gefunden

Hygieneauflagen nicht erfüllt: Zeltlager in einem Feriendorf bei Herbstein unterbunden

Vorschriften des Gesundheitsamtes Vogelsbergkreis vom Veranstalter nicht erfüllt
Hygieneauflagen nicht erfüllt: Zeltlager in einem Feriendorf bei Herbstein unterbunden

Ab 17. August in Hessen: Kostenfreie Corona-Tests für Erzieher und  Tagespflegepersonen

Angebot gilt bis zum 8. Oktober
Ab 17. August in Hessen: Kostenfreie Corona-Tests für Erzieher und  Tagespflegepersonen

Hochrangiger Marineoffizier vor NATO-Posten auf Heimatbesuch in Osthessen

Fregattenkapitän Christian Meister bei Fuldas Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld
Hochrangiger Marineoffizier vor NATO-Posten auf Heimatbesuch in Osthessen

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.