Außer Gefecht: Wie groß ist die Gefahr von K.-o.-Tropfen?

Fulda. Darauf hätte Fulda gerne verzichtet. Am Rosenmontag war die Barockstadt bundesweit in allen Medien vertreten. Aber nicht – wie man hätte ve

Fulda. Darauf hätte Fulda gerne verzichtet. Am Rosenmontag war die Barockstadt bundesweit in allen Medien vertreten. Aber nicht – wie man hätte vermuten können – mit Hessens größtem Faschingsumzug. Nein, vielmehr mit einem Vorfall auf dem "Turnermaskenball". Dort sollen am frühen Sonntagmorgen acht Frauen im Alter zwischen 21 und 40 Jahren vermutlich Opfer von so genannten K.-o.-Tropfen geworden sein. Jedenfalls brachen die Ballbesucherinnen mit entsprechenden Symptomen zusammen. Bei der 40-Jährigen trat sogar ein kurzzeitiger Atemstillstand ein, nach der Erstversorgung durch den "Malteser-Hilfsdienst" musste sie in kritischem Zustand vorübergehend auf die Intensivstation im Klinikum Fulda verlegt werden.

Die Frauen kannten sich untereinander nicht, gehörten  keiner bestimmten Personengruppe an, saßen oder standen auch nicht an den selben Tischen, Bars oder Getränkeausgabestellen. Für die Polizei war und ist es deshalb sehr schwierig bis nahezu unmöglich, den oder die Täter zu ermitteln. Günstig wirkte sich im aktuellen "Fall Turnermaskenball" aus, dass sich die Geschädigten gleich bei der Polizei meldeten und Blut- und Urinproben zeitnah im Klinikum entnommen werden konnten, die an die Gerichtsmedizin weitergeleitet wurden.

"Es ist ein Phänomen, das immer wieder auftaucht", sagt Manfred Knoch, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Osthessen. "Wenn wir keine Zeugen haben und die Zeitspanne zwischen vermeintlicher Schädigung und der Meldung des Opfers zu groß ist, dann können die Ursachen nicht mehr exakt nachgewiesen werden. Nach fünf bis acht Stunden sind diese Substanzen in der Regel abgebaut." Bis Redaktionsschluss lag noch kein abschließendes Ergebnis der Gerichtsmedizin aus Gießen vor. "Die intensiven Untersuchungen dauern aufgrund der Brisanz noch an", informierte Christian Stahl vom Polizeipräsidium. "Es wird quasi für alle in Frage kommenden Stoffe eine exakte Positiv- und Negativ-Bilanz und daraus ein Gesamtgutachten erstellt. Zwischenstände können wir keine bekanntgeben, am Montag dürfte dann das endgültige Ergebnis vorliegen, ob tatsächlich K.-o-Tropfen im Spiel waren oder nicht."

Als K.-o.-Tropfen werden hauptsächlich die chemischen Substanzen "Gamma-Hydroxy-Buttersäure" (GHB, auch "Liquid Ecstasy" genannt) sowie die Industriechemikalie  Gamma-Butyrolacton (GBL), die sich mit einigen chemischen "Grundkenntnissen leicht in GHB umwandeln lässt, verwendet. Die im ursprünglichen Sinn als Medikament und Narkotikum eingesetzte Substanz unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz und ist in Deutschland verboten. Weil Anbieter die Droge jedoch problemlos über das Internet im Ausland offerieren, sind die deutschen Ermittlungsbehörden vielfach machtlos.  K.-o.-Tropfen sind flüssig, farb- und geschmacklos und können somit im Prinzip jedem Getränk beigemixt werden.

Nicht bei jedem Opfer von K.-o.-Tropfen treten die gleichen, jedoch meistens ähnliche Symptome auf: Müdigkeit, Übelkeit, Verwirrtheit, Benommenheit, Teilnahmslosigkeit, Schwindelgefühle, Blackout und Bewusstlosigkeit. Oder das genaue Gegenteil ist der Fall: die meist jungen, fast ausschließlich weiblichen Opfer, sind übertrieben munter, aufgekratzt, ja richtig enthemmt und willenlos. Bei beiden Arten der Betroffenheit setzt der "Stimmungsumschwung" in der Regel eine halbe bis eine Stunde nach dem Verabreichen der K.0.-Tropfen ein.

In jüngster Zeit haben sich die Meldungen vermeintlicher K.-o.-Tropfen-Fälle in der Region gehäuft, was der Polizeipressesprecher auch auf die Veröffentlichung und Warnhinweise in den Medien zurückführt. Gerade nach dem "Turnermaskenball" hätten sich viele mutmaßlich Betroffene von anderen Veranstaltungen, aus Diskotheken, Lokalen, Kneipen, Wirts- und Dorfgemeinschaftshäusern  bei der Polizei gemeldet.  Nicht immer müsse da "Liquid Ecstasy" im Spiel sein, gibt Knoch zu bedenken. "Daran kann auch übermäßiger Alkoholkonsum, ein ,Kurzer’ in Alcopops oder ein Wodka in einer zitrushaltigen Limonade schuld sein", warnt der Polizeipressesprecher vor übertriebener Hysterie. "Eine Extra-Statistik führen wir in solchen Fällen nicht. Ermittlungen sind diesbezüglich nur schwer durchzuführen und die zeitlichen Abstände meistens zu groß. Bis dato ist uns noch in keinem Fall ein entsprechender Nachweis von K.-o.-Tropfen gelungen."

Gleichwohl setzt die Polizei im Vorfeld auf Aufklärung, vor allem unter Jugendlichen und an den Schulen. Wie kann man sich also gegen "Knock-out-Tropfen" schützen? Manfred Knoch nennt folgende Vorsichtsmaßnahmen und Verhaltensweisen:• beim Ausgehen immer mit Freunden/Freundinnen verabreden, dass man sich gegenseitig "im Auge" behält•  das eigene Getränk oder das der Bekannten immer im Blickfeld haben• Bierdeckel oder ähnliches aufs Getränk legen• Gläser oder geöffnete Flaschen nicht unbeaufsichtigt abstellen, am besten in der  Hand halten• beim Gang auf die Tanzfläche oder Toilette die Freundin/den Freund mit dem Aufpassen auf das Getränk beauftragen•  das Getränk von der Bedienung direkt hinstellen und nicht von jemand Fremden mitbringen lassen• besondere Vorsicht ist bei Treffen mit Internetbekanntschaften oder "Blind Dates" geboten• bei plötzlich auftretender Übel- oder Müdigkeit Hilfe bei Vertrauenspersonen suchen• bei Bewusstseinstörungen Anzeige bei der Polizei erstatten und am Besten sofort einen Urintest beziehungsweise eine Blutprobe durchführen lassen.

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