Besorgniserregend: Wenn „Squid Game“ auf dem Pausenhof gespielt wird

Die erfolgreiche Netflix-Produktion „Squid Game“ erfreut sich auch unter jüngeren Zuschauern großer Beliebtheit. 
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Die erfolgreiche Netflix-Produktion „Squid Game“ erfreut sich auch unter jüngeren Zuschauern großer Beliebtheit. 

Wie brutale Serien die Psyche von Kindern angreifen und was Eltern dagegen tun können. Ein Interview mit Privatdozent Dr. med. Frank M. Theisen, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und dem leitenden Psychologen, Dr. rer. nat. Jan Pauschardt des „Herz-Jesu-Krankenhauses Fulda“.

Fulda Die südkoreanische Serie „Squid Game“ ist die bisher erfolgreichste „Netflix“-Produktion. Nun hat sie die deutschen Schulhöfe und Kitas erreicht.

Auf dem Bildschirm treten 456 Menschen in scheinbar harmlosen Kinderspielen gegeneinander an, um ein Preisgeld in Millionenhöhe zu gewinnen. Die Verlierer werden getötet. Das Streamingportal „Netflix“ legt für diese Serie eine Altersbeschränkung (FSK) von 16 Jahren fest. Problematisch: Einige Eltern und Kinder halten sich nicht an die Vorgabe, und so spielen Kinder in Kitas und auf Schulhöfen die brutalen Szenen der Serie nach. „Fulda aktuell“ hat zu diesem Thema mit Privatdozent Dr. med. Frank M. Theisen, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sowie dem leitenden Psychologen, Dr. rer. nat. Jan Pauschardt des „Herz-Jesu-Krankenhauses Fulda“ gesprochen.

Privatdozent Dr. med. Frank M. Theisen, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie des „Herz-Jesu-Krankenhauses Fulda“.

Fulda aktuell: Wie sinnvoll sind Altersbeschränkungen bei Filmen und Serien?

Theisen: Bei Altersbeschränkungen von Filmen und Serien spielt natürlich die freiwillige Selbstkontrolle (FSK) der Filmwirtschaft eine wichtige Rolle.

Im Prüfverfahren wird über die Freigabe von Filmen und Serien in fünf Altersklassen entschieden. Hierbei wird eine Abwägung der Grundrechte auf Meinungs- und Informationsfreiheit sowie dem Grundrecht von Kindern und Jugendlichen auf körperliche, geistige und seelische Unversehrtheit vorgenommen. Szenen, die beispielsweise Gewalt, Drogen und Sexualität beinhalten, werden beurteilt und dann einem angemessenen Altersbereich zugeordnet.

Auch wenn manchmal eine solche kategoriale Alterseinteilung dem Entwicklungsprozess eines einzelnen Kindes nicht unbedingt gerecht wird, sind diese Altersbeschränkungen als Orientierungspunkt sehr sinnvoll, um Kinder vor einer Überforderung durch nicht altersgerechte Inhalte zu schützen und sollten, gerade in der Erziehung junger Kinder, von Eltern berücksichtigt werden.

FA: Warum sollten Kinder solche Serien wie „Squid Game“ nicht schauen?

Pauschardt: Kinder sollten Serien mit altersunangemessenem Inhalt nicht schauen, um eine Überforderung zu verhindern. Diese kann vielgestaltig sein und sich ganz unterschiedlich im Alltag auswirken und zeigen. So können Gewaltszenen verstörend und traumatisierend wirken und emotionale Folgen nach sich ziehen. Auch können Kinder das Gesehene oft nicht in einen größeren Kontext einordnen, beispielsweise eine bestimmte Aussage oder Moral der Geschichte. Folgen können zum Beispiel Angst, Weinen, höhere Irritierbarkeit oder Alpträume sein. Man könnte auch umgekehrt fragen: Warum sollten Kinder altersunangemessene Filme anschauen?

FA: Was können Eltern nun tun, wenn das Kind die Serie bereits gesehen hat?

Theisen: Wenn Kinder unangemessene Filme gesehen haben, sollten Eltern das Gespräch suchen, offen mit ihren Kindern darüber reden ohne zu schnell zu verurteilen: Welche Gedanken und Gefühle gehen ihnen durch den Kopf? Haben sie Fragen?

Damit die Kinder das Gesehene einordnen können, sollten Eltern versuchen, altersangemessen eine Orientierung zu geben, zum Beispiel, dass die Serie nicht realistisch ist, sondern reine Fiktion.

Außerdem ist wichtig zu hinterfragen, wie das Kind an diese Inhalte kam, um gerade bei jüngeren Kindern einen weiteren Zugang zu verhindern. Eltern sollten den Jugendschutz am Fernseher und insbesondere bei Kindern am Handy aktivieren, um einen unkontrollierten Zugang möglichst zu verhindern. Bei Jugendlichen hingegen sollte man mehr das Gespräch und eine inhaltliche Auseinandersetzung suchen. Zur Frage warum sie es gesehen haben, spielt möglicherweise auch ein gewisser Gruppendruck (es ist angesagt darüber zu sprechen) eine Rolle.

Während ein Spiel in der Regel Spaß und Freude bereitet, sind in der Serie „Squid Game“ die sogenannten „Spiele“ Auseinandersetzungen um Leben und Tod, also das extreme Gegenteil von einem kindlichen, sorglosen Spiel, in dem es um Spaß geht. Ohne die Serie genauer zu analysieren, geht es hier natürlich um – insbesondere für Jugendliche attraktive – Aspekte von Grenzerfahrungen, wie beispielsweise Menschen in scheinbar ausweglosen Lebenssituationen, und Fragen nach dem Wert von Leben, die Rolle von Habgier und Machterleben.

FA: . In einigen Bundesländern sind laut Medienberichten Spiele aus der Serie auf Schulhöfen von Minderjährigen nachgespielt und Kinder geschlagen, bespuckt und gedemütigt worden. Warum leben manche Kinder das Gesehene in der Art aus?

Pauschardt: Hier spielen meist mehrere Faktoren zusammen. Durch den Bekanntheitsgrad und „Hype“ in den Medien ist den Kindern schnell klar, dass es sich hier um etwas Spannungsreiches und Außergewöhnliches handelt, was im Rahmen der hohen Medienpräsenz auch Erwachsene stark beschäftigt. Hinzukommt die Altersbeschränkung, die es aufgrund des Verbotenen gerade interessant macht, sich damit zu beschäftigen. Das Nachspielen kann ganz verschiedene Gründe haben, die jeweils in den entsprechenden Situationen betrachtet werden sollten. Zu möglichen Nachahmungsgründen zählen zum Beispiel die Demonstration, die Serie überhaupt gesehen zu haben (also Angeberei), Lust an Provokation oder Machtdemonstration gegenüber anderen Kindern oder die Kanalisierung eigener aggressiver Impulse.

Leitender Psychologe, Dr. rer. nat. Jan Pauschardt des „Herz-Jesu-Krankenhauses Fulda“.

FA: Sind bestimmte Kinder eher anfällig für Gewaltszenen?

Theisen: Natürlich sind einige Kinder eher anfällig für Gewaltszenen als andere, was sehr unterschiedliche Gründe haben kann. Das ist ein gutes Beispiel, warum Eltern die elektronischen Sperrfunktionen in den Medien nutzen sollten, um eine zu frühe Konfrontation von Kindern und Jugendlichen mit nicht altersgerechten Inhalten zu verhindern. Denn vor dem Fernsehzimmer steht keine Einlasskontrolle wie beim Kino. Sicherlich sind nicht alle FSK-Einteilungen passgenau für jedes Kind, weshalb die Bedeutung der medialen Begleitung der Eltern eine hohe Rolle spielt. Beim gemeinsamen Schauen von (altersgerechten) Filmen können Eltern mit den eigenen Kindern im Gespräch bleiben und so gemeinsam als Familie die Anforderungen des medialen Zeitalters besser meistern. Da Eltern unmöglich jeden Film mit ihren Kindern gemeinsam schauen können, empfiehlt sich zumindest die Kontrolle altersangemessener Inhalte.

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