Cannabis legalisieren? „Müssen raus aus der Stigmatisierung“

Cannabis legalisieren? Das Gespräch mit Mathias Wald führten Redaktionsleiter Bertram Lenz und Redaktionsvolontärin Martina Lewinski (von links).  
+
Cannabis legalisieren? Das Gespräch mit Mathias Wald führten Redaktionsleiter Bertram Lenz und Redaktionsvolontärin Martina Lewinski (von links).  

Cannabis legalisieren? Diese Debatte hat parallel zu den politischen Gesprächen über eine Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP an Fahrt aufgenommen. Denn die drei Parteien treten zumindest für eine Entkriminalisierung ein. FDP-Chef Christian Lindner hatte erst am Montag dafür plädiert, Cannabisprodukte wie Haschisch kontrolliert verkaufen zu lassen. Konsumenten sollten „beispielsweise in einer Apotheke nach gesundheitlicher Aufklärung eine Menge für den eigenen Gebrauch erwerben dürfen“. Den Verkauf in „Coffeeshops“ nach niederländischem Vorbild bewertete Lindner dagegen skeptisch.

Fulda Über ein Viertel der Deutschen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren hat – laut Daten des Epidemiologischen Suchtsurveys von 2018 – Cannabis mindestens einmal in seinem Leben konsumiert. Die Tendenz ist steigend. Auch unter jungen Erwachsenen ist der Cannabiskonsum in den letzten Jahren angestiegen: Fast 50 Prozent der 18- bis 25-Jährigen hatten 2019 laut „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)“ mindestens einmal Cannabis ausprobiert, unter den 12- bis 17-Jährigen war es jeder Zehnte.

Zur rechtlichen Bewertung: Wie die Fuldaer Oberstaatsanwältin Alexandra Löw gegenüber unserer Zeitung erläutert, „werden der Besitz, Handel und Anbau von Cannabis gemäß § 29 Abs. 1 S. 1 BtMG mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe bestraft. Soweit eine nicht geringe Menge Cannabis betroffen ist, sieht § 29a Abs. 1 Nr. 2 BtMG Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr vor. Der bloße Konsum von Cannabis ist hingegen straflos“.

„FULDA AKTUELL“ hat über die Legalisierungsthematik mit Mathias Wald gesprochen. Der 47-Jährige aus Künzell war selbst lange von Cannabis, Amphetaminen, Kokain und LSD abhängig, bis ihm 2003 Absprung und Neustart zugleich gelangen. Heute leitet Wald seine eigene Werbeagentur, steht als Redner auf der Bühne und engagiert sich in der Suchtprävention. Er besucht Schulen und Betriebe, spricht auf Kongressen. Zudem hat er vor zwei Jahren die Videoplattform „Elternsuchthilfe“ ins Leben gerufen. Hier finden Mütter und Väter abhängiger Kinder Hilfe für sich selbst und für die ganze Familie („eltern-suchthilfe.de“.) Wald gehört der „F.Foundation“ an, die sich der „nachhaltigen Suchtprävention und Suchtaufklärung“ verschrieben hat („www.f-foundation.org).

Die aktuelle Diskusion findet er zwar „gut, aber sie kommt viel zu spät, nachdem jahrelang – auch politisch – alles zerredet worden ist“. Der 47-Jährige plädiert zugleich für eine „offene und zwanglose Auseinandersetzung“ mit dem Thema, das aus der Tabuzone herausgelöst werden müsse. „Wir müssen raus aus der Stigmatisierung“, fordert der Experte, denn erst dann könnten so wichtige Felder wie Prävention und Aufklärung offensiv angegangen werden. „Eigentlich wird diese Problematik schon seit sechs, sieben Jahren debattiert und immer der Vergleich Cannabis und Alkohol bemüht“.

Der Künzeller plädiert für eine Legalisierung von Cannabis – mit einer Einschränkung: „Der Konsum sollte erst dann erlaubt sein, wenn man mindestens 18, oder noch besser 21 Jahre alt ist. Denn dann ist das Gehirn vollständig entwickelt, außerdem haben sich Selbstbewusstsein und Charakter ausgebildet. Und der Stoff sollte nicht durch irgendwelchen Dreck gestreckt sein“.

Wald, der regen Austausch mit Eltern, Schulen, Fachkliniken und Expertenkollegen pflegt und laut eigener Aussage „mit gut 1.000 Suchtmittelkonsumenten“ gesprochen hat, misst der Prävention eine sehr hohe Bedeutung bei. Es gelte, Kindern und Jugendlichen schon früh dabei zu helfen, sie zu motivieren und zu inspirieren, Werte auszubilden und damit zu arbeiten: Selbstvertrauen, (Selbst)-Liebe, Selbstverantwortung und Glück.

Eine gute Zusammenfassung bietet der Satz, der auf dem Flyer der „F. Foundation“ steht: „. . . Wir brauchen einen neuen Umgang und bessere Aufklärung im Bereich des problematischen Konsums, der Abhängigkeitserkrankungen und der Sucht. Um dies zu erreichen, initiieren wir einen Perspektivwechsel mit Blick auf den Suchtbegriff, setzen uns für eine Entstigmatisierung von Betroffenen ein und fördern einen erkenntnisorientierten Diskursansatz“.

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

Effektiver Schutz vor Corona ist möglich
Fulda

Effektiver Schutz vor Corona ist möglich

Bernd Kronenberger (HJK) sieht keine ausreichende Disziplin gegen das Coronavirus
Effektiver Schutz vor Corona ist möglich
Klartext: Für Ungeimpfte ist das Jahr gelaufen
Fulda

Klartext: Für Ungeimpfte ist das Jahr gelaufen

Redakteur Christopher Göbel zu den neuen 2G-Regelungen im Handel und die Situation Ungeimpfter
Klartext: Für Ungeimpfte ist das Jahr gelaufen
Stadt Fulda will das Deutsche Musikfest in 2025
Fulda

Stadt Fulda will das Deutsche Musikfest in 2025

Bewerbung um vier Tage voller Musik in vier Jahren.
Stadt Fulda will das Deutsche Musikfest in 2025
Klartext: Festspiel-Absage ist eine bittere Notwendigkeit
Fulda

Klartext: Festspiel-Absage ist eine bittere Notwendigkeit

Redakteur Christopher Göbel schreibt über die Absage der Bad Hersfelder Festspiele wegen des Coronavirus.
Klartext: Festspiel-Absage ist eine bittere Notwendigkeit

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.