Von Corona-Challenges und Corona-Protest

Klartext-Kommentar von "Fulda aktuell"-Redaktionsleiter Bertram Lenz über die Randerscheinungen der Pandemie

Fulda - Die Corona-Pandemie treibt mitunter seltsame Blüten. Während manche die Bedrohung durch das Virus sehr ernst nehmen und sich beziehungsweise ihre Mitmenschen hinreichend zu schützen versuchen, scheinen andere das Ganze mitunter auf die leichte Schulter zu nehmen. Oder sie probieren, der Gefahr spielerisch zu begegnen.

„Desinfektions-Challenge“ oder „Corona-Challenge“ nennen sich die mehr oder minder albernen Wettbewerbe, die im Internet über die Bühne gehen und bei denen sich Nutzer untereinander nominieren. Ähnlich wie bei Kettenbriefen. Mal posten User lustige Kinderbilder von sich, zeigen sich in Feuerwehr- oder Sanitätermontur oder erklären dem Virus den Kampf, indem sie es vor laufender Kamera mit Alkohol bekämpfen. Mag sein, dass dabei auch versucht wird, der Langeweile einer häuslichen Quarantäne oder den beruflichen Anforderungen eines Homeoffice zu entfliehen – in der Hauptsache wirken diese Bemühungen verkrampft und gänzlich unlustig. Weil erzwungen.

Von ganz anderem Kaliber, fernab von jeder Spielerei, sind die Proteste, die seit einiger Zeit landauf landab stattfinden, darunter auch in Fulda. Die Teilnehmerzahlen werden immer größer, immer mehr Menschen gehen auf die Straße, um gegen die verordneten Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Diese seien unverhältnismäßig und aufgezwungen. An dieser Bewegung zeigt sich, dass Corona auf dem besten Wege ist, unsere Gesellschaft zu spalten.

Dem Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen ist freilich unbedingt beizupflichten, wenn er konstatiert, es wäre ein Fehler, die Teilnehmer der Proteste allesamt abzuwerten und als „Spinner“ oder „Hysteriker“ abzutun. Denn dies würde zu einem „Ruin des Diskursklimas“ beitragen. Anstatt in eine „Abwertungsspirale“ einzusteigen, sei eine „respektvolle Konfrontation“ nötig.

Fakt ist, dass sich unter den Protestierenden Allianzen bilden, die man bis vor Kurzem sicherlich nicht für möglich gehalten hätte. Und Fakt ist auch, dass so mancher führender Politiker dieser Entwicklung bislang eher hilflos gegenübersteht. Ein Wesenszug unserer Demokratie ist, dass jeder seine Meinung sagen kann und demonstrieren darf. Der Spaß indes hört dann auf, wenn Verschwörungstheoretiker (zu denen inzwischen sogar hohe katholische Würdenträger zählen), Impfgegner, Antisemiten und Links- wie Rechtsradikale kräftig ihr eigenes Süppchen kochen und so noch mehr zur Verunsicherung beitragen. Und versuchen, den wachsenden Corona-Frust für sich zu instrumentalisieren und für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen.

Hier ist, und jetzt schließt sich der Kreis, die Politik gefordert. Zum einen, die durchaus berechtigten Sorgen der Bürger ernst zu nehmen, zum andern aber auch, den diversen Hetz-Spielchen mancher Zeitgenossen Einhalt zu gebieten. Denn sonst wächst sich die Corona-Krise – beginnend auf den Straßen – zu einer ernsthaften Staats-Krise aus, was in der jetzigen Situation niemand wollen kann. Von denjenigen abgesehen, die unsere Demokratie destabilisieren möchten.

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