Pro und Contra: Ist die große Sexismus-Debatte gerechtfertigt?

Die Redaktionsmitglieder Bertram Lenz und Antonia Schmidt diskutieren über die große Sexismus-Debatte.

Pro von Antonia Schmidt: Darf kein Tabu-Thema bleiben

Es hat genug gedauert, bis es endlich Konsequenzen für die Täter in Hollywood gegeben hat. Bereits lange vor der „Affäre Weinstein“ war der Schauspieler Kevin Spacey der sexuellen Nötigung bezichtigt worden – wohlgemerkt vom selben Opfer. Jedoch wurde in dem damaligen Artikel der Name des Täters geschwärzt, um seine Karriere nicht zu gefährden – ätzend. Sexismus ist allgegenwärtig. Immer wieder muss man sich als Frau doofe Sprüche anhören, die weit unter die Gürtellinie gehen. Auch ich habe schon manch einen Spruch einstecken müssen. Mit meinen Reaktionen darauf haben die meisten Männer allerdings nicht gerechnet. Häufig ist mir dieses Verhalten in der Männer-Domäne des Krankentransportes aufgefallen. Ich habe damals dieselbe Arbeit wie ein Mann geleistet. Habe nicht gerade leichte Patienten in den dritten Stock getragen und dabei nicht gejammert. Doch Sprüche, die meine Kompetenz in Frage gestellt haben und bloß auf mein Geschlecht abzielten, waren an der Tagesordnung. Auch, wenn es mal in einem Fahrstuhl eng wurde, wussten einige männlichen Kollegen eklige Anmerkungen zu machen. Sexismus darf kein Tabu-Thema sein. Jetzt scheint die Zeit zu sein, in der sich Frauen stark genug fühlen, ihr Leiden auszudrücken. Und noch viel wichtiger: jetzt bekommt ihr Leiden Gehör. Ich finde es schade, dass sich Frauen erst zusammenschließen müssen, um gehört zu werden. Meinen „Freunden“ habe ich selbst den Mund gestopft.

Contra von Bertram Lenz: Im Prinzip ja, aber...

Bis vor Kurzem war nur Eingeweihten der Name des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein ein Begriff, mittlerweile aber ist er zusammen mit dem des Schauspielers Kevin Spacey weltweit zu einem Synonym für sexuelle Nötigung geworden. Um es vorwegzunehmen: Ich halte es für eminent wichtig, dass solche Vorgänge öffentlich werden. Gerade Prominente dürfen sich nicht alles herausnehmen, nur weil sie meinen, aufgrund ihrer Position über andere (sexuell) bestimmen zu dürfen. Was mich aber zunehmend erschreckt, ist die Tatsache, dass inzwischen kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo auf der Welt ein Missgriff öffentlich gemacht wird, auch wenn er sich vor Jahrzehnten bereits zugetragen haben mag. Denn wenn wieder einmal – besonders in den so genannten „sozialen Medien“ – ein Fall bekannt geworden ist, wo sich ein heute 60-Jähriger einst im Alter von 17 Jahren einer Gleichaltrigen anzüglich genähert hat, dann muss man sich meiner Meinung nach wirklich fragen, ob es nicht andere Probleme gibt, die bewältigt werden müssen. Die Bewegung „#Metoo“ hat in der sehr kurzen Zeit ihrer Existenz viel zur Selbstbestimmung der Frau beigetragen, doch muss man sehr genau aufpassen, dass sich das Ganze nicht zu einer Hexenjagd á la Arthur Miller entwickelt. Denn der Grat zwischen Aufklärung und öffentlicher Verleumdung ist sehr schmal, der mediale Scheiterhaufen allzu schnell aufgeschichtet und entzündet.

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