Corona: Sollten Kinder geimpft werden?

Der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Professor Dr. Reinald Repp, im Gespräch mit FULDA AKTUELL.
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Der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Professor Dr. Reinald Repp, im Gespräch mit FULDA AKTUELL.

Nichts beschäftigt Familien aktuell wohl mehr als die Frage, ob ihre Kinder gegen Corona geimpft werden sollten. Um diese Frage zu klären, hatte „Fulda aktuell“ den Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Professor Dr. Reinald Repp vom „Klinikum Fulda“, eingeladen.

Fulda. Repp stammt aus dem Wetterau-Kreis und studierte von 1976 bis 1982 in Gießen Medizin. Anschließend erhielt er eine Ausbildung in der Virologie und trat 1985 in die Gießener Kinderklinik ein, wo er seine Ausbildung zum Kinderarzt absolvierte und seine Dissertation über Coronaviren schrieb. Dem folgte 1994 ein halbjähriger Aufenthalt in Japan im Rahmen eines Forschungsprojektsstipendiums der „Deutschen Forschungsgemeinschaft“. Nach der Habilitation in den Fächern Kinderheilkunde und Virologie war Repp Oberarzt in Gießen und Leitender Oberarzt der Allgemeinen Kinderheilkunde und Neonatologie. Er wechselte 1998 an die Universitäts-Kinderklinik in Erlangen, und seit 2002 ist der 64-Jährige Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am „Klinikum Fulda“.

„Coronaviren wurden vor ungefähr 60 Jahren entdeckt. Die verschiedenen Typen dieser Virusgruppe können Säugetiere, Vögel oder gar Reptilien befallen und nicht selten von einer Tierart auf eine andere überspringen, wie auch der COVID-19-Auslöser, SARS-CoV-2, von der Fledermaus zum Menschen kam. Einige recht harmlose Viren aus der Coronagruppe kennt man seit vielen Jahren auch beim Menschen, die Schnupfen und leichte Atemwegsinfekte oder bei Kleinkindern einen ‚Pseudokrupp‘ verursachen. Beim COVID-Erreger sieht es leider ganz anders aus. Weltweit sind schon fast fünf Millionen Menschen daran gestorben und ohne einen Impfstoff wären es sicher schon viele Millionen Tote mehr“, so Repp.

„Letzte Woche hatten wir sechs Coronapatienten in der Kinderklinik am ‚Klinikum-Fulda‘. Ein elf Jahre alter Junge, war sogar am ‚PIMS‘ (Pädiatrisches Inflammatorische Multiorgan-Syndrom) erkrankt, einer Spätfolge der COVID-19-Infektion bei Kindern und Jugendlichen. Unbehandelt können die Symptome, die mit Bauchschmerzen und Fieber beginnen und bis zu schweren Herz- Kreislauf-Störungen und neurologischen Ausfällen reichen, tödlich sein. Behandelt ist es zu 99 Prozent heilbar. Das ‚PIMS‘ tritt bei einem von 2.500 bis 4.000 Kindern nach COVID auf. Eine so schwere Erkrankung zu verhindern, ist auch ein guter Grund für die Impfung. Wichtig ist, dass man ‚PIMS‘ rechtzeitig entdeckt. Der Junge konnte schon zwei Tage nach der Behandlung wieder entlassen werden. Aktuell haben wir zum Glück keine Kinder mit Corona in der Kinderklinik, aber das ändert sich von Tag zu Tag.“

Repp erläutert, vor Redaktionsleiter Bertram Lenz und Redaktionsvolontärin Martina Lewinski, die präventive Aufgabe von Impfungen.

„In ihrem Genom haben Coronaviren auch Informationen, um das Immunsytem auszutricksen“, erklärt Repp. „Kinder haben in den meisten Fällen ein sehr gutes Immunsystem. Warum genau sie besser mit dem Virus umgehen, ist noch nicht klar, aber die Gefahr nach einer Infektion an COVID zu sterben ist bei Kindern sehr viel niedriger als bei älteren Menschen. Im Alter von eins bis 14 Jahren muss man damit rechnen, dass etwa eine von einhunderttausend Infektionen tödlich endet. Bei den über Achtzigjährigen stirbt jeder zehnte Infizierte. Das Alter ist der wichtigste Risikofaktor bei COVID. Aber auch chronische Vorerkrankungen können das Risiko deutlich erhöhen. Das weiß man schon seit der Anfangszeit der Pandemie und es ist bei Kindern nicht anders. Deshalb hat die ‚STIKO‘ (Ständige Impfkommission) auch schon vor mehreren Monaten empfohlen, dass Kinder ab dem Alter von zwölf Jahren geimpft werden sollen, wenn sie zum Beispiel eine deutlich verminderte Funktion von Herz, Lunge, Nieren oder Immunsystem haben, einen Herzfehler mit vermindertem Blutsauerstoff, Down-Syndrom, Krebserkrankungen und Leukämie, schwere Beeinträchtigungen des Nerven- und Muskelsystems, oder trotz bestmöglicher Behandlung nicht gut eingestelltes Asthma oder Diabetes haben. Mit einer generellen Empfehlung der COVID-Impfung für alle Kinder ab zwölf Jahren hat die ‚STIKO‘ bis Mitte August gewartet, auch weil es Hinweise gab, dass es bei Jugendlichen in wenigen Fällen nach einer COVID-19-Impfung zu einer Herzmuskelentzündung kommen kann“, berichtet Repp. „Von dieser können sich die Patienten aber praktisch immer schnell wieder erholen. Häufiger als Erwachsene oder Mädchen sind Jungs betroffen (1: 15. 000). Wie man sieht, ist das Risiko also sehr gering und der Impfstoff sehr gut verträglich“.

Dabei darf nicht vergessen werden, dass bei COVID auch die Infektion mit dem Virus eine Herzmuskelentzündung verursachen kann und dies noch um den Faktor fünf bis zehn Mal häufiger.

Zugelassen für Kinder ab zwölf Jahren sind bisher nur die beiden „mRNA-Impfstoff“ von „BioNTech/Pfizer“ und „Moderna“.

In klinischen Studien zeigte die vollständige Impfung mit „BioNTech/Pfizer“ für Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 15 Jahren beziehungsweise mit „Moderna“ bei zwölf bis 17-Jährigen eine Wirksamkeit gegenüber einer COVID-19-Erkrankung von über 95 Prozent. Bei beiden „mRNA“-Impfstoffen ist davon auszugehen, dass die Wirksamkeit in Bezug auf eine schwere Corona- Erkrankung ähnlich hoch ist, bei der Delta-Variante vielleicht zehn Prozent niedriger.

„Wie lange der Impfschutz anhält, ist derzeit noch nicht klar. Der Schutz setzt auch nicht sofort nach der Impfung ein und einige geimpfte Personen bleiben ungeschützt“, so Repp.

„Dass es sich bei den „mRNA-Impfstoffen“ um eine ganz neue Klassen von Impfstoffen handelt, die vorher noch nie beim Menschen eingesetzt worden sind, wird oft als Argument gegen die Impfung von Kindern vorgebracht. Dies ist grundsätzlich richtig. Man weiß aber, dass die allermeisten Nebenwirkungen bei Impfstoffen innerhalb von sechs Wochen nach der Impfung auftreten und dass die „mRNA-Impfstoffe“ in dieser Hinsicht sehr sicher und sehr gut wirksam sind. Mehr wissen wir nicht und damit müssen wir leben. Das Virus wartet nicht, bis wir es besser wissen.“

Repp im Gespräch mit FULDA AKTUELL.

Die Impfung von Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren könne dazu beitragen, den Gemeinschaftsschutz zu erhöhen. Für Kinder und Jugendliche kann es beispielsweise im Schulalltag schwierig sein, Abstände einzuhalten. Die Impfung von jungen Menschen verhindert, dass sich das Virus unter ihnen ausbreitet. Dadurch werden nicht nur sie selbst vor einer schweren Erkrankung geschützt, sondern auch diejenigen, die noch nicht geimpft wurden oder nicht geimpft werden können.

„Gibt es zum Beispiel ein Kind in der Familie, das aus gesundheitlichen Gründen, zum Beispiel während einer Chemotherapie, nicht geimpft werden kann, sollten alle Familienmitglieder geimpft werden, um das Infektionsrisiko für das Kind zu minimieren“, sagt Repp.

Wenn es nach der „BioNTech“-Mitgründerin und Medizin-Vorständin Özlem Türeci geht, könnten schon ab Mitte Oktober die ersten Kinder unter zwölf Jahren in Deutschland mit dem „BioNTech“-Mittel geimpft werden. Dazu sagt Repp: „Solche Dinge müssen erst einmal von der ‚Ständigen Impfkommission‘ geprüft werden. Nutzen und Risiken der Impfungen müssen auch für diese Altersgruppe gegeneinander abgewogen werden.“

Die Hospitalisierungsinzidenz und die Belegung der Intensivbetten, statt der sieben-Tage Inzidenz, als Parameter zu verwenden, empfindet der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin als sehr sinnvoll.

Repp: „Abschließend ist zu sagen: Jeder Mensch wird sich wohl über kurz oder lang mit dem Virus infizieren. Schlimme Verläufe scheinen bei Ungeimpften mindestens zwanzigmal öfter aufzutreten als bei Geimpften. Wer sich also auf Dauer gegen eine Impfung entscheidet, der entscheidet sich für das Virus“.

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