Deniz Yücel grüßt die Fuldaer am Abend für Pressefreiheit aus türkischer Haft

Abend für die Pressefreiheit in Fulda.
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Einen Abend für die Pressefreiheit hatten die Künstler Marianne Blum und Guido Rohm organisiert. Mit dabei war der Bundestagsabgeordnete Michael Brand, der einen Gruß Yücels an die Fuldaer verlas.

Fulda - Es mag überraschen bei einem so schweren Thema, aber tatsächlich war der Abend für die Pressefreiheit, den das Künstler-Duo Marianne Blum und Guido Rohm auf die Beine gestellt hatten, alles andere als eine dröge Polit-Veranstaltung, in der nur gejammert und sich beklagt wird. Im Gegenteil, mit sorgsam ausgewählten und engagiert anmoderierten Texten inhaftierter Journalisten und Autoren aus verschiedenen Ländern, mit beeindruckenden eigenen künstlerischen Beiträgen und mit dem klugen Schachzug der beiden Künstler, sämtliche politischen Fraktionen - außer der AFD und den Reps, „aber was haben die schon mit Pressefreiheit am Hut?“, so Marianne Blum - und einige Medienvertreter mit in Boot zu holen und aktiv als Vorleser zu beteiligen, gelang Blum und Rohm ein Abend, der zu einem eindringlichen Appell wurde und gleichzeitig erschütternd und unterhaltsam war.

Ein 20:0 als Todesurteil

Los ging es – ähnlich wie fast zeitgleich bei der Frankfurter freeDeniz-Lesung mit Jan Böhmermann im Schauspiel Frankfurt – mit dem überaus passenden Lied „Die Gedanken sind frei“. Vorgetragen wurde es in Fulda allerdings in einer ungewohnten aber betörenden Bluesversion der Entertainerin Marianne Blum, die von André Barthelmes an der Slidegitarre begleitet wurde. Anschließend las der Fuldaer Schriftsteller Guido Rohm (PEN-Mitglied) seine satirisch-groteske Geschichte „Schreibung erzeugt Hitze“, die er extra für den Abend geschrieben hatte. Der Text führte den Zuhörern im gut gefüllten "Museumscafé" gleich zu Beginn des Abends auf absurde Weise vor Augen, was die Beschneidung der Pressefreiheit für den Einzelnen bedeutet. Er handelte nämlich von einem Lokalreporter, der einer negativen Berichterstattung über seine heimatliche Fußballmannschaft wegen erst beschimpft, verfemt, verfolgt, eingesperrt und schließlich sogar exekutiert wird.

"Das Schlimme an diesem fiktiven Text von Rohm ist, dass er von der Wirklichkeit zum Teil übertroffen wird. Einige der inhaftierten Journalisten und Autoren wurden wegen noch viel geringerer ,Vergehen' als einem Artikel über eine 20:0 Torbilanz verhaftet", sagt Blum. So wird beispielsweise dem seit über 90 Tage ohne Anklage in Isolationshaft einsitzenden WELT-Korrespondenten Deniz Yücel vorgeworfen, dass er Agent der Gülen-Bewegung und Terrorist sei. Ein Vorwurf, den Staatspräsident Erdogan höchstpersönlich öffentlich im Fernsehen geäußert hat. Damit hat er sich nicht nur zum Staatsanwalt aufgespielt, sondern er hat sich politisch in ein laufendes Verfahren eingemischt. Dass bisher weder eine Anklageschrift noch Beweise für diese Behauptungen vorliegen, ist dabei fast zu einem zu vernachlässigenden Detail verkommen. In einem Rechtsstaat wäre das nicht möglich.

Das ist genau der Punkt, an dem es auch dem Letzten im Saal klar wurde, dass die Unterdrückung der Pressefreiheit, die Gleichschaltung der Medienlandschaft, die Inhaftierung von Journalisten und damit die Ausschaltung kritischer Stimmen, immer ein Gradmesser für die Freiheit ist, die jeder Einzelne in einer Gesellschaft genießt. Freiheit ist nur garantiert mit einer funktionierenden unabhängigen Rechtsprechung. Insofern ist die Pressefreiheit kein Randgebiet, sondern Kernbereich einer freiheitlichen Gesellschaft, die sich gerade dadurch auszeichnet, dass sie auch andere, widerstreitende und unangenehme Meinungen aushält und zulässt. Passend dazu las Guido Rohm, die von vielen als anstößig empfundene aber äußerst pointiert und ironisch überspitzt geschriebene Kolumne von Deniz Yücel „Deutschland schafft sich ab“.

Pressefreiheit ist immer auch die Freiheit des Anderen

Dass sich gerade die Türkei in der Rangliste der Pressefreiheit, die „Reporter ohne Grenzen“ veröffentlicht haben, dabei um 57 Plätze verschlechtert hat, darf angesichts solcher Einmischung von höchster Stelle, nicht verwundern. Dass allerdings auch demokratische Staaten immer schlechter mit ihrer Presse umgehen und damit nicht mehr so leuchtende Beispiele abgeben wie ehedem, ist ebenfalls eine besorgniserregende Tatsache. Die USA ist mit dem ewig medienscheltenden Präsidenten Trump an der Spitze dafür nur ein Beispiel. Auch Deutschland liegt nur auf Platz 16 der Rangliste. Tätliche Angriffe auf Journalisten, öffentliche Diffamierungs-Kampagnen gegen kritische Berichterstattung und ungenügender gesetzlicher Quellenschutz sind auch hierzulande auf dem Vormarsch.

Deniz Yücel lässt die Fuldaer über seine Anwälte aus der Haft grüßen

Doch zurück zur Türkei und dem Fall des in Eschborn bei Frankfurt aufgewachsenen deutsch-türkischen Reporters Deniz Yücel. Er bildete den exemplarischen Kern des Abends und er war auch Anlass, dass Michael Brand (MdB) die Schirmherrschaft für die Veranstaltung übernommen hat. Denn der CDU-Abgeordnete ist im Bundestag Vorsitzender der Arbeitsgruppe Menschenrechte und Humanitäre Hilfe und kümmert sich in dieser Funktion um viele inhaftierte Menschenrechtler, Journalisten und Autoren. Er hat darüber hinaus persönlich eine Parlamentspatenschaft für Yücel übernommen. Daher beteiligte er sich an dem Abend auch nicht nur mit dem Verlesen eines bereits seit längerem veröffentlichten Statements des Journalisten, sondern er las auch eine Botschaft vor, die von dessen Anwälten einen Tag zuvor an den Fuldaer Abgeordneten übermittelt wurde.

Diese Nachricht enthielt nicht nur einen persönlichen Dank Yücels an die Fuldaer Veranstalter und Zuschauer - „Es tut gut zu wissen, dass ich, dass wir, nicht alleine und von der Welt vergessen sind. Deniz Yücel, Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr.9, 18. Mai 2017" - sondern auch ein starkes politisches Statement zur Pressefreiheit. Dass dieser Text nicht in Frankfurt oder Berlin verlesen wurde, sondern in Fulda, ist nicht hoch genug zu bewerten und nur der Tatsache geschuldet, dass die Künstler Blum und Rohm mit dem Fuldaer Bundestagsabgeordneten Brand einen Mann auf die Bühne geholt hatten, der auf höchster Ebene versucht, etwas für den Inhaftierten zu erreichen. "Man kann ihn in diesem Vorhaben nur unterstützen", so Blum.

Fraktionsübergreifender Zusammenhalt

Eine Mutmachende Erkenntnis des Abends war dabei, dass ein starkes Bekenntnis zur Pressefreiheit alle politischen Kräfte eint. Zumindest hier in Fulda zogen die anwesenden Stadtverordneten wie Sibylle Herbert (FDP, an dem Abend offizielle Vertretung des OB Dr. Wingenfeld), Michael Grosch (Fraktionsvorsitzender der FDP), Silvia Brünnel (Fraktionsvorsitzende Bündnis 90/ die Grünen), Jonathan Wulff (Fraktionsvorsitzender SPD) und Karin Masche (Fraktionsvorsitzende die Linke.Offene Liste/ Menschen für Fulda) an einem Strang und stellten sich gern parteiübergreifend als Vorleser öffentlich in den Dienst der Sache.

Auch auf der künstlerischen Seite kann man es durchaus aus Bekenntnis werten, dass mit Michael Günther nicht nur ein Vertreter heimatlicher Blasmusik einen musikalischen Beitrag leistete, sondern auch der syrische Flüchtling Alan Mustafa, mit seiner Langhalslaute Saz. Enttäuschend war dagegen, dass nicht ein einziger Vertreter der türkischen Verbände in Fulda durch sein Kommen ein Bekenntnis zur Pressefreiheit geleistet hat.

Flagge gezeigt

Alle anderen Menschen, die gekommen waren, zeigten Flagge und versammelten sich auch zu einem großen Gruppenbild mit #freeDeniz-Plakaten, das von Fulda aus ein deutliches Signal sendet, das hoffentlich auch den Gemeinten in der Isolationshaft erreicht. Dass die Fuldaer darüber hinaus eine so brisante und dabei auch noch unterhaltsame Veranstaltung gemeinsam erlebt hatten, macht diesen Abend zu einem nachhaltigen Erlebnis. Es bleibt zu befürchten, dass es angesichts der prekären Lage der Pressefreiheit nötig sein wird, diese Veranstaltung zu wiederholen und es bleibt zu hoffen, dass es auch dann ein Abend so voller Leidenschaft und Engagement für die Leidtragenden wird. Mehr davon!

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