Der Oberbürgermeister als „Erster Diener der Stadt“

OB Dr. Heiko Wingenfeld auf einer seiner Wahl-Wandertouren, um die einzelnen Fuldaer Stadtteile zu besuchen. Im Hintergrund ist die Propstei Johannesberg zu sehen.
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OB Dr. Heiko Wingenfeld auf einer seiner Wahl-Wandertouren, um die einzelnen Fuldaer Stadtteile zu besuchen. Im Hintergrund ist die Propstei Johannesberg zu sehen.

Im Vorfeld der Wahl am 14. März: Großes Interview mit Dr. Heiko Wingenfeld

VON BERTRAM LENZ

Fulda. Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld CDU) stellt sich am 14. März der Wiederwahl zum Verwaltungschef der Barockstadt Fulda. Der 47-Jährige ist verheiratet mit Lioba Wingenfeld und Vater von drei Kindern. Vor seiner Tätigkeit als OB war der Jurist Erster Beigeordneter des Landkreises Fulda. Im Vorfeld der Wahl stand er FULDA AKTUELL für ein ausführliches Interview zur Verfügung.

FULDA AKTUELL: Welche Überschrift würden Sie am 15. März gerne lesen?

DR. HEIKO WINGENFELD: Hessenweiter Rekord bei der Wahlbeteiligung in Fulda!

FA: Wenn Sie Ihre bisherige Amtszeit Revue passieren lassen: Was wurde erreicht, was hätten Sie gerne noch in Angriff genommen und realisiert?

WINGENFELD: Die Bilanz der vergangenen Jahre ist aus meiner Sicht sehr positiv. Im Bereich der Bildung haben wir die Betreuungsqualität in den Kitas mit 60 zusätzlichen Stellen für Erzieherinnen deutlich verbessern können. In die Schulen haben wir durchschnittlich zwölf Millionen Euro pro Jahr investiert. Wir konnten als Stadt aktiv zum Wachstum der Hochschule mit jetzt rund 10.000 Studenten beitragen. Wir haben aktiv daran mitgewirkt, dass das Klinikum Fulda und die Hochschule künftig gemeinsam Mediziner in Fulda ab dem 7. Semester ausbilden können. Ich bin zuversichtlich, dass dies die ärztliche Versorgung bei uns langfristig weiter stabilisieren wird.

Im Wohnungsbau sind wir trotz der Flächenknappheit gut vorangekommen. Seit 2015 konnten 1.700 neue Wohneinheiten gebaut werden, und das von mir initiierte Programm für den sozialen Wohnungsbau wird gut angenommen.

Vorwärts geht es auch beim Zukunftsthema Mobilität. Wir konnten 17 Kilometer zusätzliche Radwege realisieren und wurden vom Wirtschaftsminister Tarek-Al-Wazir sogar als „aktivste Kommune“ in Hessen bei der Nutzung der Fördermittel für den Radwegebau gelobt. Den ICE-Bahnstandort Fulda konnten wir stärken, indem wir uns erfolgreich für ein neues Trainingszentrum der Bahn beworben haben. Sehr erfreulich ist die Entwicklung im Bereich Tourismus: Mit 700.000 Übernachtungen in Fulda konnten wir 2019 einen neuen Rekordwert erzielen. Die zahlreichen Touristen und Tagungsgäste haben unsere Innenstadt belebt. Hieran will ich in Zukunft gerne anknüpfen! Es freut mich besonders, dass es uns mit unserem Stadtjubiläum 2019 gelungen ist, viele Menschen zu begeistern und Gemeinschaft zu stiften. Die Bewahrung unseres Gemeinschaftssinns ist für uns nach der Pandemieerfahrung besonders wichtig.

Und mit Blick auf nachfolgende Generationen bin ich froh, dass es trotz all unserer Investitionen gelungen ist, den Schuldenstand um 50 Prozent zu reduzieren. Fulda steht auch in finanzieller Hinsicht für Nachhaltigkeit!

Einige Ideen sind zwar auf den Weg gebracht, aber noch nicht umgesetzt, zum Beispiel die Wohnbebauung in Haimbach und am Waidesgrund, die Fertigstellung der Löhertor-Quartiers, die Landesgartenschau 2023, die Weiterentwicklung des Tiergartens in Neuenberg und der geplante Hessentag 2026. Um all diese Projekte, die ich mit auf den Weg bringen durfte, auch umzusetzen und neue Ideen anzustoßen, kandidiere ich erneut als Oberbürgermeister.

FA: Worin bestand die größte Herausforderung in Ihrer Amtszeit?

WINGENFELD: Wenige Tage nach meinem Amtsantritt 2015 war ich gefordert, um die Unterbringung von tausenden Flüchtlingen mit zu organisieren. Ich bin froh, dass dies bei allen Schwierigkeiten im Ergebnis vergleichsweise gut funktioniert hat. Und nun ist die Corona-Pandemie seit über einem Jahr eine Herausforderung, die es in dieser Form seit Jahrzehnten nicht gegeben hat. Hier geht es darum, besonnen zu bleiben, einen klaren Kurs zu halten und das Beste für die Menschen in unserer Stadt zu erreichen. Ich durfte in allen schwierigen Situationen eine große Hilfsbereitschaft und Solidarität hier in Fulda erleben.

Solche Erfahrungen machen Mut, dass wir auch künftig die Herausforderungen unserer Zeit meistern können.

FA: Gab es Rückschläge, die verarbeitet werden mussten?

WINGENFELD: Ja, natürlich, auch als Oberbürgermeister ist man damit konfrontiert, dass nicht jeden Tag die Sonne scheint und man immer wieder große und kleine Rückschläge hinnehmen muss. Entscheidend ist aber, dass man auch Rückschläge immer wieder zum Anlass nimmt, um die als richtig erkannten Ziele mit neuer Kraft zu verfolgen. Ein Beispiel ist die Bewerbung um die Landesgartenschau 2022, bei der zunächst Darmstadt den Vorzug erhalten hatte. Hier hat es sich gelohnt, „am Ball“ zu bleiben. Wir dürfen nun 2023 Gastgeber sein, was auch für die Innenstadt ein wichtiges Signal ist.

Vielfach ist es frustrierend, dass Planungsprozesse in Deutschland sehr lange dauern. Die Entwicklung des Baugebiets in Haimbach beispielsweise war eine echte Geduldsprobe, bei der sich am Ende unsere Hartnäckigkeit ausgezahlt hat. Wir konnten aber auch unter Beweis stellen, wie schnell Projekte umgesetzt werden können, so beim Deutsche Bahn Trainingszentrum in der Esperantostraße oder beim Löhertor.

FA: Wie präsentieren sich – Stand März 2021 – Fulda und seine Stadtteile?

WINGENFELD: Die Innenstadt und die innenstadtnahen Bereiche hatten sich bis zur Corona-Krise sehr gut entwickelt. Die vielen Besucher aus nah und fern hatten zu einer spürbaren Belebung geführt. Corona hat dem Leben in der Innenstadt einen schweren Rückschlag versetzt. Es geht jetzt darum, durch eine gemeinsame Kraftanstrengung unsere Innenstadt in eine gute Zukunft zu führen, um Leerstände zu vermeiden. Dabei setze ich in der Innenstadt auf ein Konzept, welches ich in meinem 5-Punkte-Plan ausführlicher beschrieben habe. Im Kern geht es dabei um die Konzentration auf Qualität, einen vielfältigeren Nutzungsmix aus Handel, Gastronomie, Wohnen, Kultur und Bildung, die Besinnung auf regionale Produkte und eine Fortsetzung der Strategie, sich auch überregional als Gastgeber für Großveranstaltungen anzubieten. Zentrale Projekte für die kommenden Monate sind die Entwicklung des Kerber-Areals und ein Konzept für ein neues Gebäude auf der westlichen Ochsenwiese mit einem Nutzungsmix aus Nahversorgung, Büro und Bildungsangeboten.

Die Vielfalt der 24 Stadtteile konnte ich gerade in diesen Wochen durch meine „Fulda-Tour“ neu entdecken. Rund 100 Kilometer führen mich zu Fuß durch die Stadtteile. Rund 140 Hinweise und Anregungen von Bürgerinnen und Bürgern haben mich bislang erreicht. Dabei zeigt sich, dass es oft in Verkehrsfragen, der Instandhaltung von Sportanlagen und Spielplätzen sowie Bürgerhäusern Handlungsbedarf gibt. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Menschen in den Stadtteilen die hohe Lebensqualität zu schätzen wissen – was nicht bedeutet, dass es nicht auch immer wieder Verbesserungsbedarf gibt.

FA: Wie verstehen Sie Ihr Amt, wie definieren Sie Ihre Position?

WINGENFELD: Die Rolle eines Oberbürgermeisters ist vielfältig: Er ist der Motor in der Stadtverwaltung, indem er selbst Ideen entwickelt, Ideen aufgreift und zur Umsetzung bringt. Er ist ein Motivator, der dafür begeistert, bei allem Handeln das Beste für das Gemeinwohl zu erreichen. Ein Oberbürgermeister ist auch als Moderator und Mediator gefragt, um zwischen unterschiedlichen Interessen zu vermitteln, Konflikte zu entschärfen, Streit zu schlichten und Menschen an „einen Tisch“ zu bringen. Er repräsentiert die Stadt und ist zugleich der erste Diener der Stadt. Bei alldem kommt es mir darauf an, Mannschaftsspieler zu sein. Ein Oberbürgermeister, der kein Teamplayer ist, kann meiner Überzeugung nach auf Dauer nichts erreichen. Deshalb bin ich sehr froh, mit Bürgermeister Dag Wehner und Stadtbaurat Daniel Schreiner und einer starken Mannschaft in der Stadtverwaltung gemeinsam wirken zu können.

FA: Welche anstehenden Herausforderungen müssen zunächst einmal bewältigt werden?

WINGENFELD: Ich sehe es als meine wichtigste Aufgabe an, Fulda gut und so zügig wie möglich aus der Corona-Krise zu führen. Die Herausforderungen sind mannigfaltig: Viele Händler und Gastronomen in der Innenstadt sind von existenziellen Sorgen geplagt. Zahlreiche Unternehmen sind massiv von der Pandemie betroffen. Die Gewerbesteuereinnahmen für die Stadt sind im Vergleich zu den Vorjahren deutlich gesunken. Das Klinikum Fulda benötigt weiterhin die Unterstützung der Stadt, um seine zentrale Rolle für die Gesundheitsversorgung wahrnehmen zu können. Das Vereinsleben und der Gemeinschaftssinn sind durch Corona schwer getroffen worden. Es ist also eine umfassende Aufbauarbeit gefragt.

Dank der soliden Haushaltspolitik der vergangenen Jahre und Jahrzehnte sind wir im Unterschied zu vielen anderen Kommunen finanziell gut aufgestellt, um all diese Herausforderungen anzugehen. Es geht jedoch nicht nur um Geld. Neben dem Engagement der Stadt wird auch Bürgerengagement gefragt sein, beispielsweise bei der Wiederbelebung der Vereine.

Insgesamt bin ich überzeugt davon, dass es uns gelingen kann, all diese Herausforderungen zu meistern und an die gute Entwicklung unserer Stadt bis Anfang 2020 anknüpfen zu können. Bei allen gegenwärtigen Problemen ist es eine große Errungenschaft der Wissenschaft, dass der Impfstoff entwickelt wurde. Tag für Tag können mehr Bürgerinnen und Bürger geimpft werden. Nun wollen wir zeitnah eine Strategie zu Schnelltestungen umsetzen, um Infektionsketten noch schneller unterbrechen zu können. Diese Aussichten sollten uns alle zuversichtlich stimmen und dazu motivieren, nicht ängstlich und zaghaft zu agieren, sondern die vor uns liegenden Aufgaben anzupacken.

FA: Wo sehen Sie Fulda im Konzert der Städte vergleichbarer Größenordnung?

WINGENFELD: Weit vorne! Die Lebensqualität ist bei uns bereits sehr hoch. Das bescheinigen uns regelmäßig bundesweite Vergleiche. Die Schönheit der Stadt mit ihren Bauwerken aus dem Mittelalter und der Barockzeit ist etwas ganz Besonderes. Die zentrale Lage in Deutschland und Europa sowie die Nähe zum Rhein-Main-Gebiet mit der hervorragenden Anbindung an das ICE-Netz sind ein Alleinstellungsmerkmal, welches weiteres Potenzial für die Zukunft bietet. Wir setzen als Stadt darauf, dass es durch den Ausbau der Bahnverbindung in gut zehn Jahren möglich sein wird, die Fahrtzeit nach Frankfurt noch weiter zu reduzieren. Als Unternehmensstandort bietet Fulda viele Vorteile. Das Handwerk ist bei uns nach wie vor eine starke Stütze des Arbeitsmarktes.

Bildung und Gesundheitswesen sind modern und leistungsstark. Die Stadt bietet eine hervorragende Infrastruktur mit viel Grün in der Stadt und kurzen Wegen in die Natur. Das kulturelle und sportliche Angebot ist vielfältig. Und: die Fuldaer zeichnen sich durch einen starken Zusammenhalt und eine bodenständige Mentalität aus, die dazu einlädt, Teil einer Gemeinschaft zu sein.

All diese positiven Ausgangsbedingungen finden sich in kaum einer anderen Stadt unserer Größenordnung. Und wir sind dank unserer traditionell soliden Haushaltspolitik finanziell handlungsfähig!

FA: Was macht der OB, wenn er nicht gerade dienstlich aktiv ist?

WINGENFELD: Als Oberbürgermeister ist man fast immer im Einsatz, doch ich versuche so gut wie möglich, auch Familienmensch zu sein. Ich bin gerne in der Natur unterwegs und seit einigen Jahren begeistert von der Wanderung auf alten Pilgerwegen. Große Freude habe ich an meiner kleinen Hühnerschar im Garten. Leider vernachlässige ich gerade sehr meine musikalischen Aktivitäten an der Posaune und am Klavier. Auftritte hatte ich in den vergangenen Jahren meist nur im Rahmen der Rosenmontagsempfänge. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir die Pandemie bald überwinden und die Foaset wieder stattfinden kann! Auch insofern bin ich zuversichtlich.

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