Die FA-Weihnachtsgeschichte 2021: Das Weihnachtsbaumtreffen

Das Weihnachtsbaumtreffen: Eine Weihnachtsgeschichte
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Das Weihnachtsbaumtreffen: Eine Weihnachtsgeschichte

Unsere diesjährige Geschichte für Groß und Klein aus der Feder von Redakteur Christopher Göbel. Viel Spaß beim Lesen!

Auf einer schneebedeckten Lichtung am Rand der großen Stadt, kurz vor einem dichten Wald, durchbricht an diesem Tag Anfang Januar nichts die Stille. Ganz leise fallen ein paar Flocken auf die geschlossene Schneedecke, auf der sich nur ein paar Spuren kleiner Wildtiere abzeichnen.

Plötzlich ertönt lautes Motorbrummen und zahlreiche offene Lastwagen steuern die Lichtung an. Nacheinander heben sich die Ladeflächen und lassen zahlreiche ausgediente Weihnachtsbäume in den Schnee purzeln. Nach vollendetem Werk fahren sie als Kolonne zurück in die Stadt.

„Oh Mann, wer hätte gedacht, dass ich einmal ziemlich nackt im Schnee liegen würde?“, ertönt eine Stimme. „Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen“, erklingt eine andere in der Nähe. „Wer bist du?“, fragt die erste Stimme. „Ich bin Tom. Bis gestern war ich ein Weihnachtsbaum“, lautet die Antwort. „Hallo Tom, ich bin Paul. Ich bin acht Jahre alt und sah vor kurzem noch ganz anders aus.“ Sein ehemals grünes Nadelkleid ist stark gelichtet, einige kahle Stellen zeigen sich. Tom sieht nicht anders aus. Beide schauen sich um. „Es hätte uns auch schlimmer treffen können“, sagt Tom. Um sie herum liegen zahlreiche Bäume, die gar keine Nadeln mehr tragen. Braun und vertrocknet geben sie keinen Mucks mehr von sich. „Das ist traurig“, sagt Paul.

Da mischt sich ein dritter Weihnachtsbaum ins Gespräch ein. „Wo kommt Ihr denn her?“, fragt die große Nordmanntanne, die auch nicht mehr ganz taufrisch aussieht. „Ich bin in einem schönen Wald aufgewachsen. Bis ich zwölf war, bin ich gut gepflegt worden und konnte schön wachsen“, erzählt Tom. „Und ich komme aus der Rhön“, sagt Tom. Dort sei er acht Jahre mit vielen anderen Tannenbäumen zusammen großgezogen worden. „Die Rehe dort waren meine Freunde. Sie kamen oft vorbei“, erzählt Paul.

„Ich bin aus dem Vogelsberg“, erzählt die Nordmanntanne Sylvie. „Ich stand wochenlang auf einem Weihnachtsmarkt“, erzählt sie den beiden. „Das war eigentlich ganz nett dort. Es war eine kleine Stadt und sie hatten ganz oben einen Turm als Kerze verkleidet.“ „Echt? Ich war bei einer Familie in Fulda. Die hatten ein paar Katzen, deren Lieblingsbeschäftigung es war, mich zu ärgern“, sagt Paul.

Und auch Tom kann etwas von den vergangenen Wochen erzählen: „Ich war bei einer alten Dame. Deren Kinder hatten mich für sie gekauft und in ihrem Wohnzimmer aufgestellt. Aber ehrlich gesagt war mir dort ein bisschen zu warm“, sagt er. „Die Frau heißt Ilse, und sie hat oft mit mir gesprochen“, erzählt Tom.

„Ah, dann waren wir wohl in diesem Winter alle als Weihnachtsbäume im Einsatz“, meint Sylvie. „Ich auch“, kommt ein dünnes Stimmchen aus dem großen Baum-Haufen. „Ja wer bist denn du?“, fragt Paul. „Ich bin Christa“, lautet die Antwort einer Fichte, die kaum 80 Zentimeter misst. „Ich war bis vorhin in einem Krankenhaus. Auf der Kinderstation“, antwortet sie. Auf dem Lastwagen hat sie noch Willi kennengelernt, der sich nun auch zu Wort meldet: „Hi, ich bin der Willi. Ich bin eine Kiefer und war der Weihnachtsbaum einer Familie.“ Dabei wischt er sich eine knallrote Kugel aus der Stirn, die offensichtlich beim Abschmücken vergessen worden war.

Da stehen sie nun zusammen, die fünf Weihnachtsbäume, die ihre Aufgabe erfüllt hatten, denn mit dem Dreikönigstag hatten die meisten Menschen in der Region ihre Häuser und Wohnungen abgeschmückt. Und damit waren auch die Tage der Weihnachtsbäume gezählt.

„Was habt Ihr denn so erlebt?“, fragt Tom in die Runde. „Ich möchte anfangen“, sagt Paul. „Klar“, sagt Tom, „Leg los.“ „Also, wie schon gesagt, war ich die letzten Wochen bei einer Familie. Die Eltern waren nett, die drei Kinder eigentlich auch. Nur die Katzen haben mich sehr genervt. Immer wieder sind sie an mir hochgesprungen und einmal bin ich sogar umgefallen und habe mir ein paar Äste geprellt“, erzählt Paul. „Als der Vater und der Sohn mich im Wald beim Förster geholt haben, wusste ich nicht, was mich erwarten würde. Auf dem Weg fühlte ich mich ziemlich eingeengt, denn sie haben mich in ein Netz gesteckt.“ „Das kennen wir auch“, rufen die anderen.

„Also, ich nicht“, meint Sylvie. „Ich bin auf einem Lastwagen unversehrt auf den Marktplatz gebracht worden.“ „Da kannst du froh sein. Es gibt wahrlich Schöneres, als in einem Netz auf das Dach eines Autos gebunden zu werden“, sagt Tom.

„Ganz sicher. Na, jedenfalls verbrachte ich dann ein paar Tage auf der Terrasse und wartete darauf, dass sie mich reinholen und schmücken würden“, fährt Paul fort. „Die hatten Geschmack, wie ich feststellen durfte. Ich bekam erstmal ein paar silberne Boas umgehängt und dann ganz viele rote und silberne Kugeln. Die Kinder haben mitgeholfen. Echte Kerzen gab es nicht. ,Mit unseren Katzen ist mir das viel zu gefährlich‘, hat der Papa gesagt. Also hängten sie mir LED-Lichterketten um und ein paar Kerzen, die per Fernbedienung angemacht werden konnten. Und als der Papa mir die Christbaumspitze aufgesetzt hat, war ich richtig stolz.“

„Du hast es aber gut getroffen“, sagt Willi. „Wie man’s nimmt“, meint Paul. Meine Äste tun mir immer noch weh.“ „Aber du hattest nicht so Rabauken wie ich“, sagt Willi. „Mir haben sie die ganze Zeit kein Wasser gegeben und ich bin noch immer ganz durstig. Meine Nadeln sind nach und nach ausgefallen und an Heiligabend erlebte ich einen ausgewachsenen Familienstreit.“

„Unser Heiligabend war richtig schön“, fährt Paul mit seiner Erzählung fort. Ganz viele bunt verpackte Geschenke lagen unter mir. Nach der Kirche kamen alle nach Hause und sangen ein paar Weihnachtslieder. Die Mama spielte Klavier. Am besten hat mir ,O Tannenbaum‘ gefallen, denn schließlich bin ich eine waschechte Tanne.“ „Püh“, kommt es da von Christa und Willi. „,O Kiefernbaum‘ würde auch gut klingen“, sagt Christa ein wenig verstimmt.

„Jedenfalls gab es dann leckeres Essen und dann haben sie noch ein paar der neuen Spiele gespielt, die die Kinder geschenkt bekommen hatten“, sagt Paul. „Später am Abend sind dann alle zufrieden schlafen gegangen und auch die Tage danach habe ich mich an der guten Stimmung erfreut“, endet Paul mit seiner Geschichte.

„Aber wie bist du hierhergekommen?“, fragt Sylvie. „Am 6. Januar meinte der Papa, dass es Zeit wäre, mich zu entsorgen“, sagt Paul traurig. „Ich hatte mich schon an das schöne Leben gewöhnt und auch jetzt bin ich immer noch stolz darauf, mit meiner Familie ein so schönes Weihnachtsfest gehabt zu haben.“ Doch dann sei der Tag gekommen. Aller Schmuck wurde ihm abgenommen und in Kartons verstaut. „Die Kinder waren traurig, weil sie mich so schön fanden. Der Papa hat mich dann aber trotzdem aus dem Haus getragen und an den Straßenrand gestellt. Dann bin ich mit vielen anderen Weihnachtsbäumen abgeholt und hierher gebracht worden“, erzählt Paul.

„Du hast es echt gut gehabt“, sagt Willi. „Ich kann da ganz andere Geschichten erzählen. Mich haben sie in einem Baumarkt gekauft. Am Tag vor Heiligabend. Wie Ihr seht, bin ich nicht der Schönste und deshalb war ich auch so lange dort. Als wir in der Wohnung meiner Familie ankamen, stellten sie mich einfach in eine Ecke und hängten ein bisschen Lametta auf mich. Und eine bunte Lichterkette, die abwechselnd blinkte und leuchtete. Mir tun immer noch die Augen weh. Und dieser Kunstschnee aus der Sprühdose! Ich bin immer noch ganz voll davon. An Heiligabend kamen die Großeltern zu Besuch und mir war gleich klar, dass das kein schöner Abend werden würde. Und wie ich vermutete, begannen sie schon beim Essen mit einem Streit über irgendwelche Themen. Sie beschenkten sich zwar, aber eine so harmonische Stimmung wie Paul habe ich leider nicht erlebt“, sagt Willi bedauernd.

„Das tut mir Leid für dich“, sagt Sylvie. Ich hoffe, die Zeit danach war erträglicher. „Naja, es ging. Bis auf den großen Durst kam ich ganz gut durch. Aber Ihr glaubt nicht, was dann passierte: Die Familie hatte wohl zu viel Werbung eines schwedischen Möbelhauses geschaut. Als ich abgeschmückt war, packten sie mich einfach und warfen mich aus dem Fenster in der dritten Etage. Dabei sind mir ein paar Äste abgebrochen, denn ich war ja schon ganz ausgetrocknet.“ „Ach du meine Güte, du Ärmster“, sagt Christa bedauernd. „Aber ich lebe noch und kann mich mit Euch unterhalten“, sagt Willi. „Und jetzt bin ich gespannt auf Eure Geschichten.“

„Ich bin noch immer ein wenig traurig, denn ich habe viel Leid gesehen“, sagt Christa. „Aber zum Glück gab es auch schöne Erlebnisse.“ Als Dekoration einer Kinderkrankenstation sei sie mit vielen bunten Kugeln geschmückt worden. „Die Kinder haben auch ein paar Figuren ausgeschnitten und bemalt und an meine Äste gehängt“, sagt sie. „Es hat mir Leid getan, dass diese Kinder die Weihnachtszeit im Krankenhaus verbringen mussten. Man sah ihnen an, dass es ihnen nicht gut geht.“ Während der paar Wochen hatte die kleine Kiefer viele Schicksale mitbekommen.

„Ein Junge hatte sich ein Bein gebrochen. Er konnte zwar nicht wie einige andere herumtoben, aber bei ihm wusste ich, dass er wieder gesund werden würde. Aber es gab auch andere Kinder, denen man ansah, dass sie vielleicht nicht mehr viele Weihnachtsfeste erleben werden“, erzählt Christa und eine Träne läuft ihr aus dem Auge. „Es war herzerwärmend, wie sich das Personal um die Kinder gekümmert hat. Die meisten hatten auch oft Besuch von ihren Eltern und Verwandten. Sogar an Heiligabend waren einige da. Eine der Krankenschwestern hatte eine Gitarre mitgebracht und so sangen sie ein paar schöne Weihnachtslieder. Und alle Kinder haben Geschenke bekommen. ,Denn der Weihnachtsmann denkt an alle Kinder – egal ob krank oder gesund‘, sagte eine der Schwestern“, erinnert sich Christa. Es war bewegend und rührend, und ich bin froh, dass ich diese fröhliche Stimmung trotz aller Widrigkeiten miterleben und das glückliche Leuchten in den Augen der Kinder sehen durfte.“

„Bei mir war das anders“, mischt sich Sylvie ein. Nachdem ich auf dem Marktplatz aufgestellt war, kamen noch viele andere Tannen an den Buden dazu. Manchmal haben wir uns kurz unterhalten, aber sobald die Buden öffneten und jeden Tag dasselbe Weihnachtsgedudel aus den Lautsprechern kam, von denen einer an meinem Stamm befestigt war, hatte ich schnell genug von Weihnachten“, erzählt die große Nordmanntanne. „Abends wurde es immer etwas besser. Es gab auch Live-Musik und ein Bühnenprogramm. Die Musik war eine schöne Abwechslung. Ganz besonders hat mir der Kinderchor gefallen, der zur Eröffnung Weihnachtslieder gesungen hat“, erinnert sich Sylvie. „Ich mochte den Duft von gebrannten Mandeln und Popcorn. „Und von den Glühweindüften bin ich jetzt noch ganz betüdelt“, schmunzelt sie. „Aber dass die Menschen trotz Pandemie fröhlich sein können, freute mich.“

„Dann bin wohl jetzt ich dran“, sagt Tom. „Mich haben sie auch am Rande eine Weihnachtsmarktes geholt“, erzählt er. „Ich stand da mit ein paar Kollegen zum Verkauf. Als die Kinder der alten Frau kamen, bemerkte ich, dass sie sehr genau schauten, welchen Baum sie nehmen sollten. Ich war auch recht stolz, dass sie mich aussuchten. Sie brachten mich zu der Oma, die eine kleine Wohnung hatte. Dort wurde ich im Wohnzimmer in einen Weihnachtsbaumständer gestellt. Bis zum Fest sprach Ilse oft mit mir und erzählte von ihrem verstorbenen Mann, ihren Kindern und Enkeln. Die Familie übernahm die Aufgabe, mich zu schmücken. Sehr geschmackvoll, muss ich sagen. Und weil die Oma meinte, dieses Jahr solle der Baum Rot-Grün-Gold sein, wurde das auch genau so gemacht. Sogar echte Kerzen aus Bienenwachs brachten sie an meinen Ästen an. Der Duft war herrlich. Ich glaube, ich dufte immer noch danach.“

„Jetzt, wo du es sagst…“, meint Willi. „Allerdings ist da auch noch so eine käsige Note…“, fügte Christa an. „Das wundert mich nicht. Denn an Heiligabend gab es Raclette. Die ganze Familie war schon nachmittags gekommen, hatte den Tisch festlich eingedeckt und nachdem alle aus der Christmette zurückkamen, haben sie sich beschenkt und dann gemütlich ihren Käse geschmolzen und mit ganz vielen Beilagen verdrückt. Kein Wunder also, dass ich noch dezent nach Käse rieche“, schmunzelt Tom.

„Da hatten wir ja ziemlich unterschiedliche Erlebnisse“, sagt Paul. „Schöne und nicht so schöne.“ Die anderen nicken. „Und was machen wir jetzt?“, fragte Paul. Die anderen überlegten. „Lasst uns losziehen und schauen, was uns der Wald noch zu bieten hat“, meint Tom nach einer Weile. „Wir sind nicht mehr schön, aber wir sind noch lange nicht tot.“

Und so treten sie den Weg in den weihnachtlich verschneiten Wald an, plaudern hier und dort mit einigen der anderen Bäume, die noch fest verwurzelt im Boden stecken, und erzählen sich gegenseitig noch ein bisschen von ihren Erlebnissen der Weihnachtszeit.

Menschen, die durch den Wald spazieren, wundern sich vielleicht über das Rascheln, Knistern und Raunen der fünf Freunde, halten es aber für natürliche Geräusche im Wald. Und sie würden niemals auf die Idee kommen, dass sich die Tannen, Kiefern und Fichten, die ihnen die Advents- und Weihnachtszeit verschönert hatten, für eine kleine Weile als Teil ihrer Familien gefühlt hatten.

ENDE

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