Berührende Einblicke in einen Lebens- und Leidensweg

Autor und Journalist Dr. Martin Doerry, Gastgeberin Ingeborg Kropp-Arend und Gerhard Möller, Oberbürgermeister a.D. und Vorsitzender des Fuldaer Geschichtsvereins, im Treppenhaus der historischen Rabbinervilla.
+
Autor und Journalist Dr. Martin Doerry, Gastgeberin Ingeborg Kropp-Arend und Gerhard Möller, Oberbürgermeister a.D. und Vorsitzender des Fuldaer Geschichtsvereins, im Treppenhaus der historischen Rabbinervilla.

Die Gesprächsreihe „Unbekannte Nachbarn. Gespräche zum jüdischen Fulda“ wurde fortgesetzt: Dr. Martin Doerry las in der Fuldaer Rabbinervilla aus seinem Buch „Mein verwundetes Herz – Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944“.

Fulda. „Mein verwundetes Herz – Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944“ von Dr. Martin Doerry zählt zu den wichtigsten und gleichzeitig auch bewegendsten Veröffentlichungen zur Verfolgung und Ermordung der jüdischen Mitbürger während des Nationalsozialismus. Mit seinem vielbeachteten Buch war der langjährige stellvertretende SPIEGEL-Chefredakteur jetzt im Rahmen der Gesprächsreihe „Unbekannte Nachbarn. Gespräche zum jüdischen Fulda“ in der ehemaligen Fuldaer Rabbinervilla in der Von-Schildeck-Straße 12 zu Gast. Aufgrund der Pandemie-Situation wurde die beeindruckende Veranstaltung als Webinar im Netz übertragen und fand so ein internationales Publikum, denn manche der zahlreichen Teilnehmer waren auch aus den USA, aus Israel und – trotz der Zeitverschiebung – aus Australien zugeschaltet.

Der 1955 in Veerßen bei Uelzen geborene Autor und Journalist präsentierte in seiner ergreifende Lesung Passagen aus seinem Buch, in dem er anhand von Briefauszügen das Leben seiner 1944 in Auschwitz ermordeten Großmutter Lilli nachzeichnet. Möglich wurde das dem promovierten Historiker durch den überraschenden Fund bis dahin unbekannter Briefe und Dokumente der Großmutter, die sich im Nachlass seines Onkels, des ehemaligen Bundesjustizministers Gerhard Jahn, befanden und deren Entdeckung in der Familie nach Jahrzehnten des Schweigens einen Dialog in Gang setzte. „Das Tabu war zerbrochen“, sagte Doerry. Seine Mutter Ilse und ihre Schwestern begannen, die Briefe zu lesen und setzten sich mit den Geschehnissen in ihrer Familie während der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Dr. Martin Doerry zeichnete schließlich den Lebens- und Leidensweg seiner Großmutter in diesem bewegenden Buch anhand privater Zeugnisse nach. Und doch sagt der Autor: „Bis heute ist die Wunde da. Ein Trauma ist eine Wunde, die sich nicht heilen lässt, sondern etwas deutlich macht, das lange verdrängt wurde.“

Autor und Journalist Dr. Martin Doerry, Gastgeberin Ingeborg Kropp-Arend und Gerhard Möller, Oberbürgermeister a.D. und Vorsitzender des Fuldaer Geschichtsvereins, im Treppenhaus der historischen Rabbinervilla.

Die Ärztin Dr. Lilli Jahn stammte aus einer angesehenen, wohlhabenden jüdischen Familie in Köln, heiratete – gegen den Rat der Eltern – den protestantischen Arzt Ernst Jahn und lebte und praktizierte mit ihm in der nordhessischen Kleinstadt Immenhausen, nördlich von Kassel. Sie brachte fünf Kinder zur Welt und war eine angesehene und geachtete Ärztin und Bürgerin der Stadt. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann die Verfolgung der nun über Nacht nicht mehr erwünschten jüdischen Ärztin. Ihr Mann Ernst hielt diesem äußeren Druck nicht stand und ließ sich 1942 von ihr scheiden. Auf die „private Katastrophe“ folgte das „Schicksal der drohenden Deportation“.Lilli Jahn verlor jeglichen Schutz. Sie wurde zunächst im Arbeitslager Breitenau inhaftiert und musste Zwangsarbeit leisten, schließlich wurde sie über Dresden nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. In ihren über 500 erhaltenen Briefen berichtet sie von der systematischen Verfolgung, den öffentlichen Anfeindungen und persönlichen Verletzungen, den Hunger und den Alltag im Lager („Warme Sachen braucht ihr mir nicht zu schicken, wir tragen hier Anstaltskleidung“), artikuliert immer wieder ihre Sehnsucht nach ihren Kindern („Meine einzige Freude hier sind eure Zeilen und Briefe“), um die sie in großer Sorge ist und denen sie trotz ihrer eigenen hoffnungslosen Lage („Ich bin schon ganz elend vor Heimweh“) in den Briefen, die sie bis zuletzt aus den Lagern schmuggeln konnte, Mut zu machen versucht („Wir bleiben unlöslich miteinander verbunden“).

Mit dieser Veranstaltung wurde die Gesprächsreihe „Unbekannte Nachbarn. Gespräche zum jüdischen Fulda“ fortgesetzt, die gemeinsam von der Stadt Fulda, dem Fuldaer Geschichtsverein und Ingeborg Kropp-Arend, der Eigentümerin des Hauses, seit vier Jahren regelmäßig in der Rabbinervilla veranstaltet wird. In ihrer Begrüßung hatte Ingeborg Kropp-Arend unterstrichen, dass Erinnerungsorte wie die Rabbinervilla in Fulda heutzutage wichtiger sind denn je. Denn ein solcher Erinnerungsort sei konkret, präsent und halte das Andenken an die jüdischen Mitbürger wach, die in der Zeit des Nationalsozialismus ihrer Heimat beraubt oder ermordet wurden. Der Erinnerungsort spanne den Bogen von der Geschichte in die Gegenwart. Ingeborg Kropp-Arend betonte: „Er ist aber kein Museum, sondern ganz im Gegenteil: ein innovativer Ort modernen Lebens und Arbeitens. So wie 1902, als Rabbiner Dr. Michael Cahn das Haus für sich und seine Familie baute, und in dem sein Sohn Dr. Leo Cahn nach dem Tod seines Vaters 1920 mit seiner eigenen Familie bis zu seiner Vertreibung 1938 wohnte und wirkte.“

Als Vorsitzender des Fuldaer Geschichtsvereins und im Namen der Stadt Fulda dankte Oberbürgermeister a.D. Gerhard Möller in seinem Schlusswort dem Autor für seine Lesung sowie Gastgeberin Ingeborg Kropp-Arend für ihr Engagement, mit dem sie immer wieder die Veranstaltungen der Gesprächsreihe  „Unbekannte Nachbarn. Gespräche zum jüdischen Fulda“ organisiere, auf deren Fortsetzung im Jahr 2022 er sich bereits jetzt freue.

Ingeborg Kropp-Arend, Eigentümerin der historischen Rabbinervilla, erinnerte in ihrer Begrüßung an die Geschichte des Hauses, das Provinzial-Rabbiner Dr. Michael Cahn 1902 als Wohnhaus errichten ließ und das heute einen bedeutenden Erinnerungsort darstellt. 

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

QR-Code statt des gelben Hefts: Wie und wo kommt an den digitalen Corona-Impfpass?

Seit Donnerstag können vollständig Geimpfte den Nachweis darüber per App auf das Smartphone laden lassen.
QR-Code statt des gelben Hefts: Wie und wo kommt an den digitalen Corona-Impfpass?

Warum ertrinken so viele Menschen in Flüssen und Seen?

Fulda aktuell hat mit Vertretern der DLRG, über das Thema "Wie gefährlich sind unsere Badeseen?", gesprochen.
Warum ertrinken so viele Menschen in Flüssen und Seen?

Erinnerungen an eine glückliche Kindheit

Interview mit der in Fulda aufgewachsenen Schauspielerin Valerie Niehaus
Erinnerungen an eine glückliche Kindheit

Klartext: Impfpflicht durch die Hintertür?

Redakteur Christopher Göbel zu Lockerungen für Corona-Geimpfte und -Genesene
Klartext: Impfpflicht durch die Hintertür?

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.