Die Leidenszeit eines an Long Covid-Erkrankten

Long Covid-Erkrankter Bachmann
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Long Covid-Erkrankter Bachmann

Jörg Bachmann aus Hünfeld ist an „Long Covid“ erkrankt; diesem Zustand, der einer Corona-Infektion folgen und nur diffus beschrieben werden kann. Denn noch zu unerforscht sind die Umstände, die bei jedem Betroffenen anders ausfallen können.

Fulda Auf Anfrage von „Fulda aktuell“ erklärte sich der 57-Jährige, der seit vielen Jahren als Marketingleiter für die „VR Bank NordRhön“ tätig und auch im Vorstand des Vereins „City Marketing Hünfeld“ aktiv ist, bereit, seine Geschichte zu erzählen. Und will dies als Information und Aufklärung gleichermaßen verstanden wissen.

Unterstützung

Bachmann ist froh darüber, dass er mit seiner Erkrankung nicht alleine ist. Denn auch seine Lebenspartnerin Petra hat das Virus erwischt, und gemeinsam hat man sich in den schweren Stunden und Tagen eine gegenseitige Stütze sein können. Dies freilich gilt auch für seine Familie in Kassel sowie für enge Freunde, die das Paar während der Quarantäne unter anderem mit Essen versorgten, das auf die Terrasse gestellt wurde. Und das sind die Kolleginnen und Kollegen der „VR Bank“, die ihn gestützt haben und stützen und die sich gemeinsam mit Projekten vertraut gemacht haben, die seine Aufgabe waren.

„Eigentlich“ gewesen waren, denn dieser Begriff erhielt am 25. März 2021 eine völlig andere Bedeutung, als Bachmann und seine Partnerin positiv auf Corona getestet wurden. „Beide mit der englischen Variante“, erinnert sich der 57-Jährige an die Aussage seines Hünfelder Hausarztes Klaus Freudenberg, bei dem und dessen Team er sich in der Folgezeit ebenso gut aufgehoben fühlte wie bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Gesundheitsamtes, die während der häuslichen Quarantäne nicht nur deren Einhaltung kontrollierten, sondern bei Anrufen stets auch immer aufmunternde Worte parat hatten.

Hatte das Hünfelder Paar zunächst noch die Einstellung gehabt, die zwei Wochen Quarantäne zwar eingeschränkt, aber dennoch einigermaßen gut überstehen zu können, änderte sich dies nach wenigen Tagen: „Plötzlich waren unser Geschmacks- und Geruchssinn weg. Wir fühlten uns schrecklich schwach, waren weder in der Lage aufzustehen noch zu sitzen. Uns plagten Husten und Kopfschmerzen und wir hatten erhöhte Temperatur“, so Bachmann, der außerdem vom Liegen unter schlimmen Rückenschmerzen und unter einem sehr niedrigen Blutdruck litt. Für ihn höchst ungwöhnlich.

Auf allen Vieren

„Nach drei Tagen kroch ich auf allen Vieren ins Bad und bin auch zweimal einfach so umgekippt“, erinnert er sich weiter und skizziert diese Zeit als „fast wie im Winterschlaf“. Das Tag-/Nacht-Empfinden sei völlig gestört gewesen, mitunter habe er bis zu 18 Stunden geschlafen.

Bachmann betont, dass sich seine Partnerin und er vorher natürlich darüber informiert hätten, welche Folgen eine Infektion mit dem Virus haben kann. „Dass es aber so heftig werden würde, hatten wir beide nicht erwartet“. Zum Zeitpunkt des positiven Testergebnisses war für unter 80-Jährige noch keine Impfung möglich: „ Ansonsten hätten wir uns sofort impfen lassen“. Gleichwohl haben wir alle Regeln befolgt, haben Maske getragen, Abstand gehalten und die Hygienevorschriften eingehalten. Die ganzen klassischen Sachen halt“.

Zehn Wochen war der 57-Jährige zu Hause und nahm während dieser Zeit gut neun Kilo ab – „alles Muskelmasse, so dass ich mich sehr schwach gefühlt habe“.

Nach der Quarantäne wurde er von seinem Hausarzt weiter krankgeschrieben, und zwar bis zum 14. Juni, dem Tag der Wiedereingliederung ins Berufsleben. Die Wochen bis dahin seien geprägt gewesen von Koordinationsproblemen und von Konzentrationsschwierigkeiten, was Bachmann mit dem Begriff „brain fog“ kennzeichnet: „Als sei das Gehirn vernebelt gewesen.“ Der Geschmackssinn sei zwar wieder da, „aber das ein oder andere schmeckt ‚anders‘, und auch beim Geruchssinn gibt es bisweilen Aussetzer“.

Hinzu kämen psychische Probleme wie die Sorge um seine berufliche Zukunft, eine gewisse Ungeduld bezüglich des Heilungsprozesses („Ich wollte mit Petra endlich wieder wandern und mich nicht mit der kleinen Strecke rund um den Haselsee begnügen“) sowie auch der Frust über das Unverständnis mancher Mitmenschen, die zweifelten, ob er überhaupt krank sei: „Denn Du siehst ja gut aus“. „Long Covid“ aber sei niemandem auf die Stirn geschrieben, ähnlich wie Depressionen. „Wenn man sich den Arm gebrochen hat und einen Gips tragen muss, sieht man es gleich. Aber dieses körperliche und seelische Erschöpftsein – das merkt man einem nicht sofort an“.

Die berufliche Wiedereingliederung gestaltete sich so, dass Bachmann zunächst zwei, dann vier und schließlich sechs Stunden arbeitete, dann aber merkte, dass ihn dies überforderte. Und auch da hätten die Kolleginnen und Kollegen ihm Mut zugesprochen und ihn unterstützt. Seither ist er maximal fünf Stunden am Tag in der Bank: „Mehr geht nicht, da sich ab dem Mittag Konzentrationsverlust und Erschöpfung bemerkbar machen“. Weiterhin brauche er sehr viel Schlaf und immer wieder Ruhepausen.

Erwartungen an Reha

Obgleich es seine Partnerin und ihn so arg getroffen hat, stuft Bachmann beide als „mittelschwere Fälle“ ein, da man nicht ins Krankenhaus hätte verlegt oder künstlich beatmet werden müssen. Inzwischen ist er einmal geimpft, und die Genesung gilt quasi als „Zweitimpfung“. Am 11. Januar tritt er die im Juli beantragte Reha in Bad Sooden-Allendorf an. Die Klinik ist auf „Long Covid“-Erkrankte spezialisiert. „Davon erhoffe ich mir besonders eine realistische Standortbestimmung, wie es beruflich für mich weitergehen könnte und was ich selbst tun kann, um den Zustand zu verbessern“.

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