Die Lüge des Walter Ulbricht

Auf „Point Apha“ wird auch an den Bau der Berliner Mauer vor 60 Jahren erinnert.
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Auf „Point Apha“ wird auch an den Bau der Berliner Mauer vor 60 Jahren erinnert.

„Point Alpha Stiftung“ erinnert an den Berliner Mauerbau vor genau 60 Jahren.

Geisa/Rasdorf. Es gilt als unfassbarer Moment der Zeitgeschichte: Exakt vor 60 Jahren wurde am 13. August 1961 entlang der Sektorengrenzen zu West-Berlin das letzte Schlupfloch für die DDR-Bürger in den Westen geschlossen und damit eine der am schärfsten bewachten Grenzanlagen weltweit errichtet. Die „Point Alpha Stiftung“ erinnert an dieses denkwürdige Datum, als die Welt den Atem anhielt.

Bereits ab 1952 begann das SED-Regime die Grenze zur Bundesrepublik zu schließen und erste Sperranlagen an der sogenannten „Staatsgrenze West“ zu installieren. Durch diese wurden über Jahrhunderte bestehende wirtschaftliche und familiäre Verbindungen – wie hier in der Rhön – getrennt. Doch diese erste Sicherung der Grenze konnte nicht verhindern, dass bis 1961 mehr als zwei Millionen Menschen aus der DDR geflohen sind. Mit dem Bau der Berliner Mauer und dem damit verbundenen Ausbau der Sperranlagen entlang der Innerdeutschen Grenze ab dem 13. August 1961 nimmt die Abschottung eine neue Dimension an, in deren Folge die Flucht aus der DDR lebensgefährlich wird.

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, behauptete der Staats- und Parteichef der DDR, Walter Ulbricht, noch zwei Monate zuvor am 15. Juni 1961. Diese unverfrorene Lüge, in deren Schatten Unfreiheit, Willkür, Zwang und Unrecht weiter zunahmen, ist in großen Buchstaben als Mahnung am Haus der Grenze der Gedenkstätte Point Alpha angebracht. Hier werden die dramatischen Ereignisse der Grenzziehung und deren Auswirkungen chronologisch erzählt. In den Ausstellungen zwischen Rasdorf und Geisa bleibt die Geschichte lebendig, welche generationenübergreifend an die Zeit des Kalten Krieges mit der deutsch-deutschen Teilung erinnert. Erlebbar dargestellt findet man dort die historischen sowie authentisch rekonstruierten Grenzanlagen in ihren verschiedenen Ausbaustufen. Mit dem Mauerbau in Berlin wurde auch im Geisaer Amt der bestehende einreihige Stacheldrahtzaun durch einen stabilen Doppelzaun aus Betonpfosten und Drahtsperren mit Minenfeldern ersetzt und die Grenze mit Signalanlagen und Beobachtungstürmen in den Folgejahren drastisch aufgerüstet.

Neben den nach historischem Vorbild rekonstruierten Sperranlagen der 1950er und 1960er Jahre sind in der Gedenkstätte die originalgetreuen Anlagen aus der Zeit der 1970er und 1980er Jahre - inklusive einer Führungsstelle und eines Beobachtungsturmes der DDR-Grenztruppen sowie zweier Erdbunker zu sehen. In der spannungsgeladenen Konfrontation zwischen der NATO auf der einen und dem Warschauer Pakt auf der anderen Seite baute die DDR die Sperr- und Sicherungsanlagen immer weiter aus – aber nicht als Sicherung gegen die Feinde aus dem Westen, sondern, um die eigene Bevölkerung an der „Republikflucht“ zu hindern.

60 Jahre Mauerbau greift die Point Alpha Stiftung in unterschiedlichen Veranstaltungen in diesem Jahr auf. Zuletzt stieß das Seminar „Zwischen Kennedy und Kreml – Die internationale Dimension des Mauerbaus 1961“ auf positive Resonanz. Am 7. Oktober, um 18.30 Uhr, werden unter dem Titel „60 Jahre Aktion Kornblume“ die Zwangsaussiedlungen und Schleifungen an der Innerdeutschen Grenze in den Fokus gerückt, die in Folge des Mauerbaus weitere tiefe Einschnitte für die Bevölkerung im 5-Kilometer Sperrgebiet entlang der Grenze bedeuteten. Die Ausstellungen im Haus auf der Grenze und im US Camp der Gedenkstätte runden das Angebot auf Point Alpha mit ausführlichen Informationen über militärische Abläufe und über das Leben der Bevölkerung im Grenzgebiet - von Zeitzeugen überliefert und dokumentiert - ab.

„Wir wollen unsere Geschichte als Fundament für die Zukunft begreifen und darum ist es notwendig, die Vergangenheit nicht unter den Tisch zu kehren, sondern Lehren aus ihr zu ziehen“, verdeutlichen der Point-Alpha Geschäftsführer Sebastian Leitsch und der Wissenschaftliche Leiter Dr. Roman Smolorz. Das ehemalige US Camp, das Haus auf der Grenze, der Weg der Hoffnung und der Wiesenfelder Turm bieten vielfältige Ansätze zum Nachdenken an und dienen der historischen Aufarbeitung und Erinnerung sowie als Begegnungs- und Lernort.

Ein rares Originalstück der Berliner Mauer, das nicht von den „Mauerspechten“ zerbröselt wurde, gehört übrigens zu den ungewöhnlichen Exponaten der Gedenkstätte Point Alpha und steht vor dem Haus auf der Grenze. Weitere Informationen zur Gedenkstätte: www.pointalpha.com

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