Dippel wird Doktortitel aberkannt

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Universität Kassel betrachtet Plagiatsvorwürfe als gerechtfertigt. Doktorvater Prof. Eike Hennig sieht auch Fehler bei der Hochschule.

Fulda/Kassel.  Die Universität Kassel hat dem Staatssekretär und früheren Bürgermeister von Fulda, Wolfgang Dippel, den 1995 an der damaligen Gesamthochschule Kassel erworbenen Doktorgrad entzogen. Diesen Beschluss fasste der Promotionsausschuss des "Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften der Universität Kassel" schon am 12. Februar in einer Sitzung.

"Der Promotionsausschuss begründet diese Entscheidung damit, dass nach sorgfältiger Ermittlung der Aktenlage unter Berücksichtigung der Anhörungen – schriftlich und mündlich – der Vorwurf des Plagiats vom Promotionsausschuss als gerechtfertigt zu bezeichnen sei", so Beate Hentschel, Leiterin Kommunikation, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Universität Kassel in einem Statement gegenüber "Fulda aktuell".

Vorausgegangen war dieser Entscheidung ein mehrstufiges Prüfverfahren. Es umfasste die Prüfung der Dissertation "Kommunalpolitik in einer Gemeinde. Eine Untersuchung am Beispiel von Breuna" durch den Promotionsausschuss des Fachbereichs, ein externes Gutachten, die schriftliche und mündliche Stellungnahme Dippels sowie eine Befassung der Kommission zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis der Universität Kassel. "Dieses Vorgehen entspricht den Richtlinien der Universität, den Vorgaben des Hessischen Hochschulgesetzes sowie den Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft", so Hentschel.

Wolfgang Dippel hatte nach anonymen Hinweisen selbst im März 2014 die Universität Kassel um die Überprüfung seiner Dissertation gebeten Inhaltliche Details des Verfahrens bleiben vertraulich", heißt es in der Stellungnahme der Uni Kassel abschließend (lesen Sie hier mehr).

Dippel wollte sich gegenüber "Fulda aktuell" nicht detailliert zu den von der Uni Kassel erhobenen Plagiats-Vorwürfen und dem Vorgehen der Hochschule äußern, zeigte sich im Gespräch aber sehr nachdenklich und betroffen. "Ich darf nichts Näheres sagen, weil ich mich in anwaltlicher Beratung befinde und es sich um ein rechtlich schwebendes Verfahren handelt. Nur so viel: Ich werde Widerspruch einlegen."

Der ging vergangenen Dienstag über seinen Anwalt heraus. "Dann warten wir die schriftliche Begründung der Hochschule ab und werden Stellung beziehen", so Dippel. Und abschließend: "Die Arbeit galt seinerzeit als bestanden. Wie kann ich Fehler korrigieren, die mir damals gar nicht kommuniziert wurden, von denen ich überhaupt nichts wusste, und die man mir heute zum Vorwurf macht?"

Dippels früherer Doktorvater, heute würde man "klassisch" Erstgutachter sagen, Prof. Dr. Eike Hennig, wird deutlicher, sagt aber auch offen und ehrlich: "Die Fehler liegen sicherlich nicht allein bei Dippel, sondern auch bei der Hochschule. Hennig wurde 1995 einmal gehört, hat ein Gutachten zu besagter Doktorarbeit erstellt und wurde jetzt wieder in das Anhörungsverfahren eingebunden, nachdem Dippel sich selbst angezeigt hatte.

"Es gab im Prinzip zwei Fehlerquellen", sagt er emeritierte Professor, der heute noch an der "Universität des dritten Lebensalters" in Frankfurt am Main lehrt: Der eine Fehler liegt bei Dippel selbst. Ich werfe ihm schludriges Arbeiten vor. Das heißt präzise: Er hat die wegen der jetzigen Plagiatsvorwürfe vergleichbare Arbeit zwar zitiert und erwähnt, aber nicht immer. Zweitens: Von allen übrigen Seiten, das heißt, in das seinerzeitige Procedere involvierten Gutachtern, Fachbereichen, Hochschullehrern und dem Dekan wurden ebenfalls Fehler begangen. Sie haben meine kritische Bewertung zum Teil angesprochen, sind ihr aber nicht weiter nachgegangen", so der 72-jährige Hennig.

Hessens Regierungssprecher Michael Bußer gab zu der Entscheidung der Universität Kassel, Wolfgang Dippel den Doktortitel abzuerkennen, folgendes Statement gegenüber Fulda aktuell ab: "Die Universität Kassel hat am Freitag Staatssekretär Wolfgang Dippel mitgeteilt, dass sie ihm den  Doktortitel  aberkennt.  Nach  eigenen  Angaben  liegen  Herrn  Dippel  bisher  weder  ein schriftlicher  Bescheid  noch  eine  Begründung  vor.  Staatssekretär  Dippel  hat  sowohl  den Ministerpräsidenten als auch Sozialminister Grüttner über den Sachverhalt informiert. Er gab an, nach Eingang der schriftlichen Begründung der Universität Kassel, zu prüfen, ob er gegen diese Entscheidung rechtliche Schritte einleiten werde. Derzeit  besteht  für  die  Landesregierung  keine  Veranlassung,  personelle  Entscheidungen  zu treffen, zumal eine schriftliche Begründung der Universität noch aussteht. An Spekulationen wird sich die Landesregierung nicht beteiligen."

Die Landes-SPD legte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) nahe, politische Konsequenzen zu ziehen. Aus Sicht der SPD-Fraktion sei der bestätigte Plagiatsvorwurf so schwerwiegend, dass Dippel entlassen werden müsse, forderte unter anderem der Abgeordnete Rudolph.

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Kein Plagiator

Ein Zwischenruf von Fulda aktuell-Redaktionsleiter Hans-Peter Erhensberger zur "Doktortitel-Affäre" um Wolfgang Dippel

Er geht auf die Menschen zu, hat keine Berührungsängste, ist kompetent, umgänglich, leutselig, jovial, direkt und offen. Mitunter etwas hemdsärmelig, bisweilen auch "leicht verpeilt" – "echt cool, der Alte". Mit letztgenannten Attributen würde ihn wohl die Jugend charakterisieren, mit ersterwähnten die "älteren Semester" beschreiben, seine Familie, die Freunde und Bekannten, die Menschen aus dem politischen, gesellschaftlichen und sozialen Umfeld. Eigenschaften, die alle im Prinzip einen prima Menschen ausmachen und Politiker auszeichnen. Und das ist Dr. Wolfgang Dippel, vormaliger Bürgermeister von Fulda und vergangenes Jahr zum Staatsminister im hessischen Sozialministerium befördert, auch! So habe ich ihn in meiner langjährigen, von gegenseitigem Vertrauen und Offenheit geprägten  journalistischen Zusammenarbeit kennen- und schätzen gelernt.  Eine Respekt verdienende Karriere, ein steiler Aufstieg, dem nun ein ebensolcher Fall folgen könnte.  Denn Dr. Dippel – ich nenne ihn bewusst noch so, so lange juristisch fundiert nicht das Gegenteil bewiesen ist – wird mit schweren Vorwürfen konfrontiert. Er soll seinen Doktortitel zu Unrecht erworben,  seine Dissertation abgeschrieben haben.  Abgesehen davon, was man von einer anonym erstatteten Anzeige halten mag, Dippel in einem Atemzug mit den "Super-Plagiatoren" zu Guttenberg und Schavan zu nennen, grenzt an Vorverurteilung, Rufmord und offenbart – zumindest beim "anonymen Anzeiger" – offenbar Rachegelüste. Da will jemand – wer auch immer, man kann es nur vermuten – "Dr. D" mächtig in die Parade fahren. Und der zeigte sich in einem Gespräch mit "Fulda aktuell" sehr nachdenklich, ziemlich geknickt und schwer betroffen. Diese Facette von Wolfgang Dippel kannte ich noch nicht, würde sie dennoch nicht als "dunkle Seite" bezeichnen wollen. Gleichwohl ist ein Schatten auf die bis dato glänzende Vita von Dippel gefallen, eine "Sache", die er sich selbst ans Revers zu heften hat. Denn er hat zumindest schludrig gearbeitet, wissenschaftlich nicht korrekt zitiert. So "einfach ‘mal eben nebenher" zur eigentlichen Arbeit eine Dissertation verfassen, ist nicht im Sinne der Erfinder. Diesen Vorwurf macht ihm sein Doktorvater, der seinerzeit 1995 schon auf Defizite hinwies und das auch mit einer entsprechenden Beurteilung ausdrückte. Nur – und jetzt kommt die Mitverantwortung der übrigen Fachgremien der Hochschule Kassel ins Spiel – wurden diese kritischen Anmerkungen nicht weiterverfolgt und vor allem nicht dem Doktoranden Dippel kommuniziert. Aus dieser Unwissenheit ihm nun heute,  20 Jahre später, einen Vorwurf zu machen und einen Strick drehen zu wollen,  ist ebenso unredlich.Ich sage: Dippel ist kein Plagiator, eher ein "schludriger Doktor", dessen Titel man ihm durchaus aberkennen könnte, aber nicht müsste. Vor allem aber soll er bis zur rechtlichen Aufarbeitung in seinem politischen Amt bleiben, dem politischen Druck der Opposition, die nur ein weiteres Bauernopfer sucht,  nicht nachgeben  und nicht zurück(ge)treten (werden).  Vor allem soll er weiterhin sozial und gesellschaftspolitisch arbeiten, das kann er gut. Und das macht er gut. Und das geht – sollte es doch zur Aberkennung kommen, auch ohne Doktortitel gut.

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