Droht das endgültige Aus? Sommerlad hängt am seidenen Faden

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Sommerlad: Neubau oder Weggang: Entscheidende Abstimmung über Möbelhaus-Projekt am 14. September.

Petersberg/Fulda/Kassel. Für die "Möbelstadt Sommerlad" geht es am Standort Petersberg um die nackte Existenz. Für 130 Mitarbeiter um ihre bestehenden Arbeitsplätze. Für rund 100 Menschen um potenzielle neue Jobs. Und für die Region Fulda um noch viel mehr. Nicht zuletzt um das "Interkommunale Gewerbegebiet" der Gemeinden Fulda, Petersberg, Künzell und Eichenzell. Denn mit einem Aus des geplanten Möbelneubauprojekts wäre quasi auch die Zusammenarbeit in der Stadtregion gescheitert, deren hehre Ziele schon vor der ersten richtigen Bewährungsprobe gestorben.

Der entscheidende Termin steht am übernächsten Montag, 14. September, an. Dann hat nämlich der Zentralausschuss der Regionalversammlung Nordhessen darüber zu befinden, ob dem Projekt zugestimmt werden kann ­ oder nicht. Genauer gesagt sind es 15 Mitglieder unterschiedlicher politischer und gesellschaftlicher Couleur, die über das Schicksal der "Sommerlad"-Mitarbeiter und den Fortbestand des traditonsreichen Familienunternehmens am Standort Petersberg befinden werden (siehe nebenstehende Liste).

Wie die Abstimmung ausgeht (es genügt eine einfache Mehrheit der anwesenden Mitglieder) – darüber lässt sich nur schwer eine Prognose abgeben, wenngleich die Karten für das Unternehmen derzeit nicht gerade gut stehen. Denn zwei Sachbearbeiter des Regierungspräsidiums (RP) Kassel haben der Gemeinde Künzell in einem Schreiben mitgeteilt (auf deren Territorium befindet sich der von "Sommerlad" präferierte neue Standort), dass es einen entsprechenden Abweichungsantrag ablehnt. Einer Abweichung vom Regionalplan in Richtung "großflächigen Einzelhandels" (und damit pro "Sommerlad") könne man nicht zustimmen. Und diese Empfehlung werde man als sachprüfende Behörde auch dem Zentralausschuss der Regionalversammlung mit auf den Weg geben. Die Behörde begründet ihre Ablehnung mit "siedlungsstrukturellen Zielverstößen", einer Verletzung des "Integrationsangebots" und damit, dass "Beeinträchtigungen von anderen Gemeinden im Kreis Fulda nicht sicher ausgeschlossen weden können."

Firmenchef Frank Sommerlad und Petersbergs Centerleiter Dieter Schützeichel haben ihre Mitarbeiter unterdessen über drohende Arbeitsplatzverluste informiert. Man sei nach wie vor optimistisch, dass dies letztendlich doch noch vermieden werden könne. Man habe alles versucht, um einen Neubau in unmittelbarer Autobahnnähe zu realisieren. Am alten Standort könne man aus baulichen Gründen und mit Blick auf eine zukunftsfähige Entwicklung des Möbelhauses nicht bleiben. Den alten Mietvertrag habe man fristgerecht vor drei Jahren gekündigt, sonst hätte sich dieser bis 2020 verlängert. Zuletzt habe man im Sinne der Mitarbeiter und der langjährigen Kundschaft nach einer Übergangslösung gesucht und sich mit der Immobilien-Eigentümerfamilie Kutsch-Link und dem Nachmieter "Poco" trotz erheblicher wirtschaftlicher Aufwendungen auf eine zweijährige "Verlängerungsfrist" am alten Standort arrangiert.

"Wir denken nach wie vor, dass die Sache auf einer vernünftigen gemeinsamen Basis zu realisieren ist und ich bin optimistisch, dass wir das Neubauprojekt auf die Beine stellen können." Der Firmenchef zeigt sich daher "sehr erstaunt und irritiert, dass zwei Sachbearbeiter des Regierungspräsidiums Kassel eine solche negative Beschlussvorlage an den Zentralausschuss der Regionalversammlung weitergeben können." Aus Sommerlads Sicht haben diese Mitarbeiter voreingenommen und einseitig argumentiert und wesentliche Argumente für den Sommerlad-Neubau nicht hinreichend berücksichtigt. So würde der Sommerlad-Anteil am neuen Standort im Interkommunalen Gewerbegebiet nur 2,7 Hektar und entsprechend 4,5 Prozent der Gesamtfläche von 60 Hektar betragen.

Ein Experte hat noch weitere gravierende Mängel in der Empfehlung des RP an den Zentralausschuss ausfindig gemacht, weshalb dessen Mitglieder vor der entscheidenden Abstimmung die Empfehlung kritisch hinterfragen sollten. Der Fachmann: "Das Ergebnis stand schon vorher fest. Man meinte, mit dem ,Projekt Sommerlad’ könnte ein Präzedenzfall geschaffen und möglichen weiteren Standorten entlang der Autobahn die Tür geöffnet werden. Diese Befürchtungen sind völlig unbegründet, weil ,Sommerlad’ unter eine Sonderregelung für den oberzentralen Siedlungsbereich Fulda fällt. Andere Gemeinden können sich darauf nicht berufen." Der Experte kommt zu dem abschließenden Urteil: "Es hat keine qualifizierte Auseinandersetzung mit den Argumenten Sommerlads stattgefunden. Und auch nicht mit jenen der politischen Gremien, die sich in den drei Gemeindeparlamenten von Eichenzell, Künzell und Petersberg einstimmig und in der Stadtverordnetenversammlung von Fulda mit 85-prozentiger Zustimmung klar für "Sommerlad" an einem neuen Standort positioniert haben."

Der Experte stellt die rhetorische Frage: "Kann sich das Regierungspräsidium Kassel mit einer so schwachen Begründung gegen das fast einstimmige Votum der Stadtregion Fulda stellen?” Oder anders gefragt: Warum will Nordhessen Osthessen ein Bein stellen?

Zumal dann klar ist, was passieren wird. "Wir werden Petersberg und die Region verlassen. Einen Plan B gibt es nicht", so die klare Feststellung von Frank Sommerlad. "Es sei denn, man spricht vom Weggang als Plan B." Der Firmenchef macht deutlich: "Wir brauchen eine vernünftige Zukunftslösung für unser Möbelhaus – und die ist am alten Standort nicht möglich. Wir haben nur die Möglichkeiten zwischen einem langsamen Sterben in der jetzigen Immobilie oder eine Zukunft am neuen Standort in Künzell."

Schützeichel ergänzt: "Warum können sich Sachbearbeiter des Regierungspräsidiums Kassel so entschieden gegen die hiesige Stadtregion stellen und auch Fulda selbst massiv schaden? Unser Chef zeigt Verantwortung für Osthessen, das Unternehmen, für die Mitarbeiter. Warum wird jemand, der 130 Arbeitsplätze erhalten und 100 neue schaffen will, öffentlich derart niedergemacht? Mitunter wird Frank Sommerlad in manchem Medium so dargestellt, als wolle er hier ein Atomkraftwerk bauen."

Keine AlternativenSommerlads Gründe für die Aufgabe des Standorts Petersberg

Petersberg. Spätestens 2009/2010 war für die Firma "Sommerlad" absehbar, dass der Altbau in Petersberg für ein wettbewerbsfähiges Vollsortiments-Möbelhaus keine wirtschaftlich tragfähige Zukunft haben kann. Mehrfache erhebliche Investitionen erbrachten keine Verbesserung.

Es rückte der Kündigungstermin 31.12.2012 (zum 31. Dezember 2015) näher. Wenn "Sommerlad" nicht bis zu diesem Termin gekündigt hätte, wäre der Vertrag automatisch bis zum Jahr 2020 verlängert worden. Also wurden ab 2010 Verhandlungen über bauliche Veränderungen mit der Vermieter-Familie aufgenommen. Bei diesen Verhandlungen, die noch bis in das Jahr 2013 gingen, wurde jedoch keine für beide Seiten tragfähige Lösung gefunden. Auch deshalb, weil alle diskutierten baulichen Maßnahmen letztlich die vorhandenen Probleme (beispielsweise Lagersituation, Halb-Etagen, Flächenzuschnitt, Deckenhöhe, fehlendes Erdgeschoss, verkehrliche Erschließung, Platzmangel) nicht gelöst hätten.Parallel zu den Verhandlungen mit der Vermieter-Familie Kutsch/Link wurden alternative Standorte im Oberzentrum Fulda geprüft. Hier sind insbesondere zu nennen• das Forum Löhertor (zu klein, für ein Möbelhaus nicht erschließbar)• freie Hallen in der Fuldaer Filzfabrik "Dura" (unter anderem Erreichbarkeit nicht gegeben)• der ehemalige Baumarkt "Max Bahr" (auch für eine einzelne Vertriebsschiene nicht geeignet)• ein Grundstück südöstlich des Einkaufszentrums "Kaiserwiesen".Letzterer Standort wurde in 2010/2011 und nochmals in 2014 intensiv geprüft, unter anderem mit der Beauftragung einer Markt- und Stand-ortanalyse (CIMA), eines Verkehrsgutachtens und eines Architekten, der mehrere Varianten hinsichtlich eines Baukörpers und der Lage des Baukörpers auf dem Grundstück vorlegte. "Leider konnte hinsichtlich des Raumprogramms, insbesondere der Logistik, der Erschließung und der Rentabilität keine vertretbare Lösung gefunden werden", sagt Firmenchef Frank Sommerlad.

Aufgrund dieses Sachverhaltes prüfte "Sommerlad" auch – mit starker Unterstützung der Stadt – eine mögliche Verlagerung nach Bad Hersfeld. Mehrere Grundstücke wurden bis in das Jahr 2014 hinein geprüft, interne Markt- und Standortanalysen und auch Umsatz- und Rentabilitätsplanungen vorgenommen. "Letztlich scheiterte die Verlagerung nach Bad Hersfeld daran, dass die Markt- und Standortanalysen kein hinreichendes Umsatzvolumen für ein von der Größe her wettbewerbsfähiges Vollsortiments-Möbelhaus ergaben", so Sommerlad.

Sie entscheiden über Sommerlads SchicksalDer Zentralausschuss beim RP

Kassel. Folgende 15 Mitglieder sind im Zentralausschuss der Regionalversammlung Nordhessen beim Regierungspräsidium (RP) Kassel und stimmen pro oder contra "Sommerlad" ab (in alphabetischer Reihenfolge):1. Thomas Ackermann, Technischer Betriebswirt, Fuldatal, Bündnis 90/Die Grünen2. Jörg Althoff, Forstbeamter, Ludwigsau, Bündnis 90/Die Grünen3. Grischa Betram, Diplom-Ingenieur, Hessisch-Lichtenau, Bündnis 90/Die Grünen4. Hermann Dücker, Kaufmann, Nüsttal,CDU5. Manfred Fehr, Bürgermeis-ter Rotenburg, SPD6. Dieter Franz, Bürgermeis-ter Wehretal, SPD7. Horst Groß, Bürgermeister Bebra, CDU8. Frank Hellwig, Handelsvertreter, Fuldatal, CDU9. Bernd Heßler, Bürgermeis-ter Borken, SPD10. Karl-Wilhelm-Lange, Bürgermeister Fritzlar, CDU11. Harald Plünnecke, Bürgermeister a.D., Vöhl, SPD12. Andreas Trube, Polizeibeamter, Sontra, CDU13. Sabine Waschke, Neuhof, SPD-Landtagsabgeordnete14. Willi Werner, Edermünde, FWG15. Volker Zeidler, Stadtverordneter Kassel, SPD.

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