Eine starke Familie: Erna Anna Liebeck pflegt ihren behinderten Sohn seit 37 Jahren

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Erna Anna Liebeck – hier mit ihrem Sohn Jürgen – aus Oberfeld erhielt gestern in Wiesbaden die Pflegemedaille des Landes Hessen.

Die Oberfelderin erhielt gestern von Sozialminister Stefan Grüttner die Pflegemedaille des Landes Hessen verliehen - Mit ZWISCHENRUF

Hünfeld - Jürgen, Uwe und Torsten sind die drei Söhne von Erna Anna und Franz Liebeck aus Hünfeld-Oberfeld. Doch es gibt eine Besonderheit bei der Familie, die ein kleines Fuhrunternehmen betreibt: Torsten ist 37 Jahre alt und seit seiner Geburt schwer geistig behindert und auch körperlich stark eingeschränkt. „Es gab einen Sauerstoffmangel bei der Geburt“, sagt die heute 70 Jahre alte Erna Anna Liebeck. Sie pflegt Torsten seit seiner Geburt und wurde von der Patin Waltraud für die Pflegemedaille vorgeschlagen, die sie am gestrigen Freitag von Sozialminister Stefan Grüttner im „Schloss Biebrich“ in Wiesbaden verliehen bekam. „Ich finde das rührend“, sagt die dreifache Mutter. „Es ist eine Anerkennung meiner Leistung“, freut sie sich.

Torsten ist seit 37 Jahren auf eine ständige Betreuung angewiesen. „Er ist in einen Kindergarten der ,Caritas’ gegangen und später zur ,Pestalozzischule’“, erinnert sich die Mutter. Heute ist er tagsüber in einer Betreuungsgruppe der „Caritas“-Tagesstätte. Doch morgens, abends, nachts, an Wochenenden und in Zeiten, in denen die Betreuungsstätte geschlossen hat, muss Torsten rund um die Uhr betreut werden. „Ich kann dann nicht mal kurz in den Keller gehen“, sagt Erna Liebeck.

Durch die hundertprozentige Behinderung des Sohnes und Bruders muss das ganze Leben der Familie gut geplant und organisiert werden. „Schnell mal einkaufen geht nicht. Oder auch eine Veranstaltung zu besuchen, ist kaum möglich“, sagt die Mutter. Zumindest dann nicht, wenn nicht ein anderes Familienmitglied auf Torsten aufpassen kann. „Auch nachts ist es manchmal problematisch. Torsten kann nicht sprechen und schläft oft nicht durch. Dann muss man mit ihm aufstehen und sich um ihn kümmern“, erzählt sie.

Früher ist Erna Liebeck jahrelang zweimal pro Woche allein mit ihrem Sohn zur Sprachtherapie und Krankengymnastik nach Fulda gefahren, weil immer die Hoffnung bestand, dass sich der Zustand bessern würde. „Die Mutter hatte einen Job als Putzfrau und auch im Fuhrunternehmen meines Vaters hat sie sich um die Büroarbeit gekümmert“, erzählt der Sohn Jürgen Liebeck. Ansonsten war sie immer für Torsten da. Vor sechs Jahren wurde auch Vater Franz wegen einer Demenzerkrankung zum Pflegefall. Für Mutter Erna und die Söhne Uwe und Jürgen, die alle gemeinsam im Haus in Oberfeld leben, ist das Leben weitgehend auf Bruder und Vater ausgerichtet. Aber: „Wenn es den beiden gut geht, dann geht es mir auch gut“, ist die bemerkenswerte Einschätzung von Erna Liebeck.

"Man macht das Beste daraus"

„Bei meinem Bruder habe ich das ja von klein auf miterlebt, aber es war schon ein Schock, als mein  Vater dement wurde“, sagt Jürgen. Doch man gewöhne sich daran und mache das Beste daraus. „Natürlich gibt es immer mal Momente, wo man sich wünscht, dass es anders sei“, gibt er zu.

Doch das Familiengefüge bei den Liebecks ist so stark, dass trotzdem alle schwierigen Situationen gemeinsam gemeistert werden können. „Es kam für uns nie in Frage, Torsten in ein Behinderten-Wohnheim zu bringen“, sagt die 70-Jährige. Und auch Sohn Jürgen würde seinen Vater Franz nicht in einem Pflegeheim unterbringen. „Dafür sind wir zu sehr miteinander verbunden“, sind sich Erna Anna und Jürgen Liebeck einig.

ZWISCHENRUF:

Das Ehrenamt in der Pflege von Familienangehörigen ist nicht hoch genug einzuschätzen. Wer einen Menschen pflegt, hat sich oft bewusst dafür entschieden. Das Ziel der Pflege von kranken oder behinderten Menschen ist es, dem Betroffenen ein weitgehend angenehmes Leben im eigenen, gewohnten Umfeld zu ermöglichen. Dass die pflegenden Angehörigen dabei oft das eigene Wohl hintanstellen, ist aller Ehren wert. Die Auszeichnung mit der Pflegemedaille des Landes Hessen ist eine schöne Anerkennung der geleisteten, ehrenamtlichen Arbeit. Mit der Ehrung sollen das Engagement, die Nächstenliebe und deren Beispielhaftigkeit mit der weitreichenden Auswirkung auf das soziale Leben gestärkt werden, so die Intention des Landes Hessen, dass diese Medaille gestern an vier Menschen aus der Region Fulda verlieh.

Ich weiß, dass die Pflege und Betreuung von schwerkranken Angehörigen den Pflegenden viel abverlangt und man als Pflegender die eigenen Bedürfnisse hinter die des Hilfebedürftigen stellt – oder stellen muss. Dass es zumeist geliebte Menschen sind, für die man da sein möchte, macht es sicherlich einfacher. Aber es ist auch für alle Angehörigen ein schwerer Weg, beispielsweise demente oder todkranke Menschen zu pflegen. Aber aus meiner Sicht ist das auf jeden Fall die bessere Variante und einem „Abschieben“ in ein Pflege- oder Altenheim vorzuziehen.

Die beiden Familien, von denen wir in dieser Ausgabe berichten, haben eines gemeinsam: Sie stehen fest zusammen, unterstützen sich, so gut sie können und haben die Hoffnung nie aufgegeben. Starke Familien, starke Menschen – über Jahrzehnte hinweg! Sie und viele andere pflegende Angehörige tun alles dafür, den Menschen, die ihrer bedürfen und die ihnen lieb sind, ein möglichst schönes Leben zu bieten. Dass sie dafür die eigenen Wünsche in den Hintergrund rücken, kann man nicht hoch genug einschätzen. „Wenn es meinem schwerbehinderten Sohn und meinem dementen Mann gut geht, dann geht es mir auch gut.“ Dieser Satz von Erna Anna Liebeck aus Hünfeld hat mich tief berührt. Und ich wünsche mir, dass ich selbst auch einmal so denken werde, wenn ich in eine ähnliche Situation kommen sollte.

Ich ziehe den Hut vor allen, die sich aufopfern und ihren Angehörigen stets zur Seite stehen – oft über Jahre oder Jahrzehnte hinweg. Sie übernehmen Verantwortung für andere und sind damit ein Vorbild für uns alle. Nächstenliebe ein erstrebenswertes Ziel – auf allen Ebenen des menschlichen Miteinanders.

Für andere da sein

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