Eines Tages wirst Du alt sein: Expertenrunde auf Einladung von Fulda aktuell

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Zum runden Tisch mit dem Thema Pflege waren gekommen (von links): Daniel Funke („Vitanas“), Bastian Hans („Mediana“), Sven Haustein („St. Vinzenz Gruppe“), Anja Brandt („DRK“), „Fulda aktuell“-Objektleiter Michael Schwabe, Redaktionsleiter Bertram Lenz, Dr. Christian Scharf und Kerstin Klinzing („Caritas“) sowie Redakteurin Antonia Schmidt.
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Das Thema Pflege geht jeden etwas an, passend dazu lud Fulda aktuell zu einem Expertentalk in das Verlagshaus ein.

Fulda - Die „Lange Liste der Leiden“ aus der „Fulda aktuell“-Ausgabe vom 20. Juli hat hohe Wellen geschlagen. Der Artikel von Redaktionsleiter Bertram Lenz über das Schicksal eines Mannes, der in einem Pflegeheim in der Region hilflos Missständen ausgesetzt war, erreichte viele Menschen. Die Telefone der Redaktion standen nach der Veröffentlichung nicht still, unzählige E-Mails liefen im Redaktionspostfach ein. „Pflege ist ein Thema, das viele Menschen angeht und irgendwann angehen wird. Entweder sie sind selbst betroffen, haben Angehörige in einer Einrichtung oder arbeiten selbst als Pflegekraft“, so Lenz.

Daher hatte „Fulda aktuell“ Führungskräfte aus verschiedenen Heimen zu einem runden Tisch und zur Diskussion geladen, Vertreter von Einrichtungen aus Stadt und Landkreis waren der Einladung gefolgt. In einem sind sich alle Anwesenden einig. „Der Artikel hat viel bewegt“, sagt Sven Haustein, Geschäftsführer „St. Vinzenz Soziale Werke“, „solche Missstände, wie im Artikel erwähnt dürfen nicht sein.“ Haustein berichtet weiter: „Mitarbeiter sind zu mir gekommen und waren auch davon betroffen, dass erneut nur ein negativer Artikel über die Pflege erschienen sei.“ Das Image der Pflege sei angekratzt, dieser Meinung ist auch Kristin Klinzing, Ressortleiterin Altenhilfe der „Caritas“. Fehlende Anerkennung in Gesellschaft und Politik machten es den Heimen schwer, attraktiv für potenzielle Mitarbeiter zu sein.

„Der jetztige ,Pflegenotstand‘ hat sich bereits vor vielen Jahren angekündigt. Die Politik hat jedoch weggeschaut und die Ideen von Gesundheitsminister Jens Spahn kommen zu spät. Auch mit Kräften aus dem Ausland ist das Loch nicht zu füllen“, fühlt sich Klinzig von der Politik im Stich gelassen. Auch würden die „hoch qualifizierten Fachkräfte“ als „Breianreicher und Saubermacher“ abgetan. „Das Personal, das ein enormes fachliches Wissen aufweisen muss, erfährt keine Anerkennung und Wertschätzung“, so Klinzig weiter. Dies bestätigt auch Bastian Hans, Geschäftsführer „Mediana“. Auch Mitarbeiter aus seinem Haus hätten die Berichterstattung verfolgt und sich traurig und entsetzt gezeigt. „Ich frage mich wirklich, wie es in einer solch stark reglementierten und kontrollierten Branche noch zu solchen Missständen kommen kann“, so Hans. Der den Artikel von „Fulda aktuell“ zum Anlass nahm und in der hausinternen Zeitung dazu aufrief, Erfahrungen mit „Mediana“ zu schildern. Auch ein gut funktionierendes Beschwerdemanagement sei wichtig. „Bei uns werden Beschwerden natürlich ernst genommen. Auch Fehler passieren und dann muss man diese annehmen und lösen. Es gibt aber auch Angehörige, die darauf bestehen, dass das Kissen des Bewohners mit einer 45- Grad-Falte im Bett liegen muss. Diesen muss dann auch erklärt werden, dass dazu das Personal nicht da ist“, so Hans weiter.

Ein offenes und schnelles Beschwerdemanagement ist auch Anja Brandt, vom zentralen Qualitätsmanagement des „DRK Fulda“ wichtig. „Eine Beschwerde sollte schnell und offen zum Wohle der Bewohner geregelt werden“, so Brandt. Und Daniel Funke, Centrumsleiter „Vitanas Fulda“, wirft ein: „Beim Beschwerdemanagement muss man auch ein Gefühl für die Gegenseite entwickeln. Die Angehörigen müssen ein Stück weit loslassen und auch die Mitarbeiter sensibilisiert werden, wie sie damit umgehen.“ Strukturelle Probleme machen dem Pflegepersonal den Arbeitsalltag schwer. „Der Personalschlüssel reicht nicht aus. Ein Problem ist, dass die Pflegekräfte nicht organisiert sind und somit keine Lobby haben“, sagt Klinzig. Die Mitarbeiter würden jeden Tag ihr bestes geben und das mit einem hohen Zeit- und Arbeitsdruck. Der Pflege-TÜV sei ein Irrsinn der Bürokratie, so Haustein. Denn theoretisch sei es eine gute Idee, Einrichtungen zu überprüfen, aber praktikabel sei der TÜV nicht. „Ich frage mich: Warum sitzt in solchen Gremien keiner aus der Praxis?“

Menschen, die in der Pflege arbeiten, wollten dem Menschen helfen. „Ich erlebe, wenn ich in die Einrichtung oder in die Schulen gehe, motivierte Azubis, die es kaum erwarten können, ihren Dienst anzutreten“, so Dr. Christian Scharf, Pressesprecher der „Caritas“. Ein Problem sei es, junge Menschen zunächst einmal für den Beruf begeistern zu können. „Der Zivildienst war eine gute Möglichkeit, junge Menschen von einem sozialen Beruf zu überzeugen“, so Hans. Heute würden große Pflegeschulen an einem „Pflegetisch“ und der „Azubiregion“ zusammen Strategien erarbeiten, um Menschen in diese Berufe zu bringen.

Pflege ist, und dabei sind sich alle einig, eine Zukunftsbranche bei der ist auch viele schöne und positive Erlebnisse gibt. „Wir hatten mal einen Bewohner, der in einem ganz schlechten Zustand in unser Haus gekommen war. Nach einiger Zeit konnte dieser die Einrichtung wieder verlassen, weil er wieder fit genug für ein Leben in den eigenen vier Wänden war. Das zeigt, dass ein Altenpflegeeinrichtung keine Sterbeeinrichtung ist“, so Haustein. „Diese Runde bot einen intensiven, teils emotionalen und kritischen sowie hoch informativen Austausch zu einer Problematik, die unsere älter werdende Gesellschaft zunehmend vor große Herausforderungen und die damit verbundene gesellschaftliche Verantwortung stellt“, bilanziert Michael Schwabe, Objektleiter „Fulda aktuell“. Um sich dem Thema weiterhin intensiv anzunehmen, wird unsere Zeitung mit den Menschen vor Ort sprechen. „In einer wöchentlichen Serie werden wir mit Pflegekräften, Bewohnern, Angehörigen und Einrichtungsleitern die Realität in Fuldas Pflegeeinrichtungen darstellen“, so Lenz.

Zwischenruf von Bertram Lenz: Thema, das jeden angeht

Unter dem Titel „Lange Liste der Leiden – Was Senioren im Heim erdulden können“ hatte unsere Zeitung vor mehreren Wochen über die schlimmen Erfahrungen berichtet, die ein 83-Jähriger in einem Pflegeheim in der Region Fulda hatte machen müssen. Bis er in einem anderen Heim nahe bei seiner Tochter in einem anderen Bundesland untergebracht worden war. Der Bericht hatte vielschichtige Reaktionen unserer Leser hervorgerufen, die zum Teil noch heute anhalten.

Sehr oft wurde unsere Redaktion mit dem Satz konfrontiert: „Es ist gut, dass Ihr einmal dieses Thema aufgreift!“ Doch weil jedes Ding zwei Seiten hat, ist der Artikel nicht nur von Pflegeheim-Bewohnern und deren Angehörigen sehr aufmerksam verfolgt worden. Sondern auch von denjenigen, die Träger einer solchen Einrichtung sind, dort in leitender Funktion agieren und in erster Linie natürlich auch von Pflegekräften. Von denen wiederum fühlten sich manche zu Unrecht „an den Pranger gestellt“. Zumal immer wieder einmal reißerische Berichte über Altenheim-Skandale zu sehen und zu lesen seien. Die freilich vor allem Quoten und Klicks im Auge haben. Um die vielen Facetten der Problematik aufzugreifen, waren vor Kurzem auf Einladung von „Fulda aktuell“ verschiedene Repräsentanten von Alten- und Pflegeheimen der Region zusammengekommen. Leider waren einige nicht erschienen beziehungsweise hatten überhaupt nicht auf ein entsprechendes Anschreiben reagiert.

Am Ende der zwei Stunden wurde jedenfalls sehr klar, dass alle „in einem Boot“ sitzen und besonders auch die Politik gefordert ist. Verschiedene Initiativen, unter anderem von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Arbeitsminister Hubertus Heil, die Situation für Pflegekräfte verbessern und parallel dazu die Zahl der Pflege-Azubis steigern zu wollen, seien erfreulich, kämen aber viel zu spät. Dieser „Runde Tisch“ nun stand Pate für eine Idee, die unsere Redaktion in den kommenden Wochen mit einer Serie umsetzen wird: Beispiele sollen aufzeigen, was Pflege ist und was sie bewirken kann. Und besonders auch, welche Menschen dahinter stehen, die sich normalerweise nicht im Licht der Öffentlichkeit wiederfinden. Zu Wort kommen aber nicht nur Pflegekräfte, sondern auch junge Menschen, die diesen Beruf ergreifen wollen und sich gerade in Ausbildung befinden, die Bewohner von Seniorenheimen und deren Angehörige. Kurzum: Eine Serie, die zum Nachdenken anregen soll. Denn niemand ist davor gefeit, wann er selbst mit Fragen konfrontiert wird, die mit Pflege zu tun haben.

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