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Am Ende des Weges

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Von SASKIA LEYMANNFulda. Der Fall des ehemaligen Hamburger Justizsenators Roger Kusch, der einer Wrzburger Rentnerin b

Von SASKIA LEYMANN

Fulda. Der Fall des ehemaligen Hamburger Justizsenators Roger Kusch, der einer Wrzburger Rentnerin bei ihrem Freitod behilflich war, hat die bundesweite Debatte um die Legalisierung aktiver Sterbehilfe erneut aufgeheizt. Kusch vermittelte die 79-Jhrige an einen Arzt, der ihr die tdlichen Medikamente besorgte, die sie schlielich zu sich nahm. Als Begrndung fr ihren Todeswunsch nannte die von Bekannten als rstig beschriebene Rentnerin in Gesprchen mit Kusch angeblich panische Angst vor der sozialen Isolierung in einem Pflegeheim.

Fuldas Bischof Heinz Josef Algermissen betont, die Position der katholischen Kirche sei in diesem Falle unaufgebbar eindeutig. Aktive Sterbehilfe drfe nicht in Betracht gezogen werden, da sich Alternativen bten. So im Besonderen die schmerzlindernde Therapie (Palliativmedizin) und die Begleitung von Sterbenden durch einfhlsames und medizinisch qualifiziertes Personal. Algermissen spricht auch das menschenwrdige Sterben an, das die letzte groe Lebensaufgabe darstelle, die jeder selbst bewltigen msse. Organisationen wie den Verein Dr. Roger Kusch Sterbehilfe., die aktive Sterbehilfe anbieten und praktizieren wollen, lehnt Algermissen kategorisch ab und bezeichnet sie als Ausdruck einer Kultur des Todes, die sich in der Gesellschaft ausbreite. Auerdem fordert Fuldas Oberhirte eine deutliche Reaktion von Seiten des Gesetzgebers.

Eine der von Algermissen angesprochenen Alternativen bietet sich in Form des Hospiz St. Elisabeth zu Fulda. Diese Einrichtung unter Leitung von Dr. Jutta Mller hat sich der Pflege von sterbenden Menschen verschrieben, bei denen keine Mglichkeit zur Heilung mehr besteht, deren Lebenserwartung sehr niedrig ist und bei denen keine Betreuung im eigenen Heim gewhrleistet werden kann. Es ist eine kleine Einrichtung mit Platz fr acht Gste, denen im Hospiz ein familires Umfeld sowie ein mglichst huslicher Tagesablauf geboten werden soll. In diesem Zusammenhang werden auch die Angehrigen der Gste mit einbezogen. Die Palliativmedizin (siehe Hintergrund) ist dabei neben der ganzheitlichen Betreuung ein wichtiger Teilbereich der Pflege.

Mller und Hochgreef, Geschftsfhrung der Hospiz St. Elisabeth zu Fulda gGmbH, in deren Trgerschaft das stationre Hospiz ist, sprechen sich klar gegen eine aktive Sterbehilfe aus. Die Methoden des Vereins Dignitas in der Schweiz, beurteilen sie als den grausamsten, einsamsten Tod, den man sich vorstellen kann. Im Fuldaer Hospiz sei Sterbehilfe dank der umfassenden Aufklrung der Gste und Besucher ber Alternativmglichkeiten kein Thema. Das grundlegende Problem sieht Hochgreef in der zunehmenden Isolation alter und kranker Menschen innerhalb unserer modernen Gesellschaft, die viel zu oft mit ihren Leiden alleingelassen und vernachlssigt werden. Dies fhre zu massiven ngsten vor einem leidensvollen Tod sowie zu dem Wunsch, den Angehrigen nicht weiter zur Last zu fallen. Einer solchen Entwicklung msse man entgegenwirken, unter anderem durch eine Enttabuisierung des Themas Sterben. Diesem Gedanken folgend, hat sich das Hospiz Fulda zum Ziel gesetzt, den Betroffenen beizustehen, ihnen ngste zu nehmen und ihre Einsamkeit zu durchbrechen. So soll schwer kranken Menschen ein wrdiger letzter Lebensabschnitt ermglicht werden.

Bezug nahmen die Geschftsfhrer auch auf die Christliche Patientenverfgung. Diese ist ein von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland verfasste Verfgung ber rztliche Behandlung, die dann in Kraft tritt, wenn der Patient nicht mehr in der Lage ist, seinen Willen kundzutun. In dieser Verfgung ist die Einwilligung enthalten, keine lebensverlngernden Manahmen durchfhren zu lassen, wenn nach bestem rztlichem Wissen und Gewissen festgestellt wird, dass jede lebenserhaltende Manahme ohne Aussicht auf Besserung ist und das Sterben nur verlngern wrde. Man stimmt einer medizinischen Versorgung zu, die auf die Linderung von Beschwerden gerichtet ist, selbst wenn durch die notwendige Schmerztherapie eine Lebensverkrzung nicht auszuschlieen ist.Anhand einer Patientenverfgung jedweder Art versuchen rzte gemeinsam mit Angehrigen und Bevollmchtigten im Falle einer Entscheidungsunfhigkeit des Patienten dessen mutmalichen Willen zu erkennen. Dieser sei jedoch im Einzelfall nur schwer zu ermitteln, sagt Mller. Aus ihrer christlichen Einstellung heraus ist sie davon berzeugt, ber den Tod eines Menschen entscheide nur Gott, deshalb solle der Mensch nach dem Grundsatz in dubio pro vita (lat.: im Zweifel fr das Leben) handeln.

Die Gefahr einer Kommerzialisierung und Organisation der Sterbehilfe sehen die Geschftsfhrer ebenfalls sehr kritisch und wrden in diesem Bereich schrfere Gesetze befrworten. Dazu Hochgreef: Wenn die bestehenden Regelungen ausreichen wrden, wre es einem Herrn Kusch gar nicht mglich geworden, mit seinem Fall so an die ffentlichkeit zu treten.

Besonders hob Mller alternative Mglichkeiten zur Pflege und Betreuung von schwer kranken Patienten hervor. Diese bten sich in Fulda im Hospiz St. Elisabeth, in den Palliativstationen der Krankenhuser, dem Palliativnetz Osthessen sowie dem ambulanten Da-Sein-Hospizdienst der Malteser. Interessierte knnen sich bei diesen Stellen jederzeit informieren.

+++ ZWISCHENRUF +++

Moralisch verwerflich

Von CHRISTOPHER GBEL

Aktive Sterbehilfe ist ein Reizthema. Darf man einem Menschen, der den Tod wnscht, behilflich sein? Ist das moralisch und ethisch vertretbar? Oder ist es Beihilfe zum Selbstmord? Tten aus materiellen Motiven jedenfalls ist Mord. Roger Kusch, Jurist und ehemaliger CDU-Justizsenator in Hamburg, spter Grnder einer eigenen nach ganz rechts ausgerichteten Partei, hat einen Verein mit dem Namen Dr. Roger Kusch Sterbehilfe gegrndet. Darber will er eine Maschine vertreiben, die mittels Injektion einen Menschen vom Leben zum Tode befrdert. Man muss nur den Einschaltknopf drcken. Also tut Kusch dies aus materiellen Grnden, zumal er vor kurzem eine Selbtstttungshilfe-Prozedur mit einer 79-jhrigen Frau gefilmt und verffentlich tat. Doch die Rechtslage ist unklar, denn den Knopf muss der freiwillige Todeskandidat sicherlich selbst drcken. Selbstmord steht nach deutschem Recht nicht unter Strafe, Beihilfe dazu folglich auch nicht.

Doch wer sind eigentlich die Menschen, die sterben mchten? Sind es tatschlich Todkranke, die Angst vor langem Leiden und Siechtum haben? Sind es verzweifelte, finanziell ruinierte oder aus anderen Grnden den Tod herbeisehnende Menschen? Wer nun einmal den festen Willen hat, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, braucht keine Hilfe von auen und keine Maschinen. Er oder sie sollte diese Entscheidung nur mit dem eigenen Gewissen vereinbaren mssen. Dabei ist zu bedenken, dass ein Mensch niemals allein im Leben steht. Immer gibt es Eltern, Kinder, Verwandte oder Freunde, denen man etwas bedeutet und fr die man Verantwortung trgt. Sich selbst davonzuschleichen und alle Probleme den Hinterbliebenen zu berlassen, ist eigentlich keine Lsung. Sie ntzt wenn man es denn so ausdrcken kann nur dem Selbstmrder.

Die gewerbsmige Hilfe zur Selbstttung ist moralisch ebenso verwerflich wie ein Selbstmrder, der sich als Geisterfahrer auf die Autobahn begibt, damit das Leben vieler anderer gefhrdet, oder ein Selbstmord-Attentter.

Der Tod ist hierzulande noch immer ein Tabu-Thema, dem Institutionen wie Hospize und die Palliativmedizin entgegenwirken wollen und knnen. Bestmgliche Betreuung bis zum Ende und das Nehmen von ngsten vor dem Sterben sind die Aufgaben, denen sich zahlreiche Menschen widmen. Diese sind nicht hoch genug zu achten, denn sie setzen sich tglich einem hohen psychischen Druck aus. Der stndige Umgang mit Menschen, die durch Alter oder Krankheit dem Tode geweiht sind, zehrt an den Nerven, beschftigt auch ber den Feierabend hinaus. Doch es ist eine Aufgabe, die dem Handel mit dem Tod entgegenwirkt, die Menschen erlaubt, menschenwrdig aus dem Leben zu scheiden.

+++ HINTERGRUND +++

Aktive Sterbehilfe

Unter aktiver Sterbehilfe versteht man die aktive Herbeifhrung des Todes auf der Basis des tatschlichen oder mutmalichen Willen des Patienten. Sie erfolgt oft durch Verabreichung einer berdosis eines Schmerz-/Beruhigungsmittels oder Medikamentes. In Deutschland ist diese Form der Sterbehilfe verboten und wird strafrechtlich verfolgt, auch wenn sie mit ausdrcklicher Einwilligung des Patienten erfolgt. Es drohen Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu fnf Jahren.

Palliativ-Medizin

Palliativmedizin (auch Palliation) beschreibt eine medizinische Versorgung, die als Ziel die umfassende Linderung von Beschwerden hat. Damit ist sie begrifflich zu trennen von der kurativen (heilenden) und der prophylaktischen (vorbeugenden) Behandlung. Ursprnglich wurde Palliativversorgung entwickelt im Zusammenhang mit der Hospizarbeit und somit fr sterbenskranke Patienten. Jedoch knnen heute auch andere Patienten mit schweren und beschwerdenreichen Erkrankungen von palliativer Pflege profitieren.

Aktuelle Gesetzeslage

Auf bundespolitischer Ebene spricht sich Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits fr hrtere gesetzliche Regelungen zur organisierten Sterbehilfe aus. Auch der ehemalige hessische Justizminister Christean Wagner (CDU) lehnt aktive Sterbehilfe ab. Sie werte den verfassungsrechtlich garantierten unbedingten Schutz des Lebens ab. SPD-Fraktionschef Peter Struck verurteilt ebenfalls Kuschs Verhalten, lehnt aber Gesetzesentwrfe, die nichts bringen, ab. Bisher wurde ein Gesetzesvorschlag, der schrfere Strafen fr aktive Sterbehilfe sowie ein generelles Verbot fr organisierte Sterbehilfe vorsieht, von einer Initiative der Union eingebracht, die Entscheidung darber jedoch vertagt.

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