Erschreckend: Was ein Senior in einem Heim im Landkreis Fulda erdulden musste 

+

Tochter will Veröffentlichung als Mahnung für Angehörige verstanden wissen

Kreis Fulda - Seit wenigen Tagen ist für Sybille M*. und ihren Vater Robert* ein mehrmonatiger Alptraum zu Ende. Der 83-Jährige hat nämlich eine Pflegeeinrichtung in der Region Fulda verlassen und ist in einem Heim nahe bei seiner Tochter in einem anderen Bundesland untergebracht worden. Diese möchte nicht, dass ihre richtigen Namen genannt werden, und auch nicht der Name des seitherigen Heims.

„Aber ich möchte die Geschichte öffentlich machen. Als Mahnung für Menschen, die ebenfalls betroffen sein könnten. Und weil das Beispiel von meinem Vater zeigt, wie sehr Senioren Missständen in einem Heim hilflos ausgesetzt sein können – wenn sie keine Angehörigen mehr haben oder sich diese nur unzureichend darüber Gedanken machen, wie die alten Menschen untergebracht sind“.

Sybille M. war gerade in jüngster Zeit beständig mehrere hundert Kilometer gefahren, um in dem Pflegeheim nach dem Rechten zu sehen. Obgleich ihr Vater nunmehr in ihrer Nähe ist, erwägt sie eine Strafanzeige gegen einzelne Mitarbeiter wegen unterlassener Hilfsleistung und eine Klage gegen das Heim wegen Vertragsverletzung, unter anderem wegen körperlicher Vernachlässigung, Essens- und Trinkentzug und mangelhafter medizinischer Versorgung.

Als eines der größten Probleme habe sie organisatorische Mängel in der Verwaltung des Heims und eine nicht annähernd ausreichende Personaldecke im Pflegebereich festgestellt, um der Fürsorge- und Obhutspflicht für die in dem Heim lebenden älteren Menschen gerecht zu werden.

Doch der Reihe nach: Nach längerer gut funktionierender Unterstützung in den eigenen vier Wänden durch eine Pflegekraft sollte der an Demenz erkrankte Robert M. in das Pflegeheim umziehen. „Er hat sich sogar darauf gefreut“, erinnert sich seine Tochter im Gespräch mit „Fulda aktuell“. Als sie ihren Vater nach drei Wochen erstmals besuchte, „da habe ich ihn nicht wieder erkannt. Er hatte blaue Flecken und Hämatome, und niemand vom – zugegeben unterbesetzten – Pflegepersonal hielt es für nötig, mir eine Antwort darauf zu geben, was passiert sein könnte. Ich habe dann Heparinsalbe besorgt und meinen Vater eingerieben. Zudem ist mir aufgefallen, dass er merklich eingefallen und abgemagert war. Von Größe XXL auf Größe L“.

Wenige Tage später erreicht Sybille M. der Anruf aus dem Heim, dass ihr Vater nach einem Sturz ins Krankenhaus gebracht worden sei. Dort wurde ein CT gemacht, um eine schwerwiegende Kopfverletzung ausschließen zu können. Der 83-Jährige war zuvor gestolpert; augenscheinlich über seine inzwischen viel zu weit gewordene Hose, die ihm – ohne Gürtel – fast in den Kniekehlen hing. Im Krankenhaus kamen im Übrigen seine Hausschuhe abhanden, so dass der alte Herr mehrere Tage barfuß im Heim unterwegs sein musste. Als seine Tochter ihn wieder besuchte, stellte sie eine Nekrose an einem Zeh fest. „Auch da passierte erst etwas, nachdem ich den Medizinischen Dienst eingeschaltet hatte. Daraus hätte sich sogar eine Blutvergiftung entwickeln können“.

Die Tränen kommen ihr, wenn sie daran denken muss, wie oft sie den 83-Jährigen eingekotet und nach Urin riechend in seinem Zimmer angetroffen hat: „Da war keine Spur mehr von Menschenwürde“. Und wie aus dem Heim eines Abends sogar die Polizei gerufen wurde, weil ihr Vater – so wie es an Demenz erkrankte Menschen mitunter häufiger tun – herumwanderte, um sich dann in ein fremdes Bett zu legen. „Die wollten ihn loswerden, damit er in die Psychiatrie eingewiesen wird“.

Die „Mängelliste“ ließe sich noch länger fortsetzen. Unter anderem um den Punkt, dass ihr Vater augenscheinlich Angst vor einem bestimmten Pfleger hatte, der ihn wohl auch mehrfach heftig an beiden Oberarmen gepackt hatte. „Und dann gibt es sicherlich auch in vielen anderen Heimen Menschen, die aus Angst vor Repressalien nichts sagen, wenn sie nicht gut behandelt werden“.

Sybille M: „Ich hoffe, dass die Öffentlichmachung dieser Missstände auch bei den Handelnden in dem Pflegeheim dazu bei trägt, dass sie ihr eigenes Verhalten einem hilflosen Menschen gegenüber, für den sie die Obhut übernommen haben, überdenken. Ich möchte an dieser Stelle aber auch ausdrücklich noch einmal festhalten, dass es in diesem Heim auch sehr gute, engagierte, einfühlsame und verantwortungsbewusste Mitarbeiter gab. Diese waren leider in der Minderzahl und mussten oft für andere, weniger motivierte oder häufig erkrankte Pflegekräfte Aufgaben mit übernehmen, auch zu Lasten ihrer eigenen Gesundheit. Ihnen möchte ich meinen ausdrücklichen und herzlichen Dank aussprechen.“ Am letzten Tag beispielsweise sei eine der engagierten Pflegefachkräfte, obwohl sie schon Urlaub hatte, noch einmal ins Heim gekommen und habe ihrem Vater eine Infusion gesetzt, damit er die Reise gut übersteht. Das sollte gerne auch gewürdigt werden.

*Namen von der Redaktion geändert

Das sagen "Mediana", "AWO" und das "DRK"

"Fulda aktuell" hat Statements von Institutionen eingeholt, die Pflegeheime in der Region betreiben und die Frage gestellt, wie sie mit Klagen beziehungsweise Beschwerden von Angehörigen umgehen. Bastian Hans, Geschäftsführer der "Mediana"-Gruppe: "Dann wird das unternehmenseigene Beschwerdemanagement eingeschaltet. Da wir vom TÜV zertifiziert sind, nehmen wir Beschwerden immer als stetige Verbesserung an". 

Transparenz ist das A und O für die Seniorenarbeit beim „Deutschen Roten Kreuz“. Sechs Alten- und Pflegeheime unterhält das „DRK Fulda“ in den Landkreisen Fulda und Hersfeld-Rotenburg, dazu kommen drei ambulante Pflegedienste. „Für uns ist es wichtig, dass alle Beteiligten immer in die Prozesse einbezogen sind“, sagt Anja Brandt aus dem Qualitätsmanagement des „DRK“. Brandt ist das Verbindungsglied zwischen allen Senioreneinrichtungen des „DRK“ und ebenfalls als Ausbildungskoordinatorin tätig. „Bei uns gibt es verschiedene Wege mit Beschwerden umzugehen. Kleinere Beschwerden werden mit den Angehörigen direkt im Wohnbereich geregelt. Massive Beschwerden werden an die Pflegedienstleitung weitergegeben“, erklärt Brandt. Eine Fallbesprechung mit allen Beteiligten gehört ebenfalls zum Prozedere. „Man muss die Angehörigen mit ins Boot nehmen und transparent arbeiten. Immerhin vertrauen sie uns Menschen an, die sie lieben“, sagt sie. Gemeinsam wird nach Ursachen für gewisse Umstände gesucht und Lösungen gefunden. Das „DRK“ arbeitet nach nationalen Standards. So muss zum Beispiel nach jedem (auch kleineren) Sturz ein Sturzprotokoll geführt werden. „Wir gehen mit Fehlern offen um, auch das ist für unsere Mitarbeiter wichtig. Denn nur so können wir aus Fehlern lernen“, so Brandt.

„Hier arbeiten alle Menschen mit Herz, Verstand und Leidenschaft. Das ist uns sehr wichtig“, erklärt die Qualitätsmanagerin.

„Nur Probleme, die wir kennen, können wir verändern“, sagt Susanne Fladung, Einrichtungsleiterin des „AWO Altenzentrums Fulda“. Daher gilt in der Einrichtung, so wie in jeder „AWO“-Einrichtung in ganz Nordhessen: Jede Beschwerde kann eine wichtige Information oder Anregung enthalten. „Zunächst setzen wir darauf, dass kleine Beschwerden im täglichen Ablauf der Betreuung aufgegriffen und geklärt werden. Unsere Mitarbeiter lernen, auf sie positiv und zugewandt zu reagieren, sie ernst zu nehmen und wenn möglich sofort konkret zu bearbeiten. Da kann es um die Temperatur der Mahlzeiten, die frische Luft im Zimmer oder das Radioprogramm gehen – das klären wir schnell und unbürokratisch“, so Fladung. Grundsätzlich würden alle Beschwerden ernst genommen. „Egal, ob diese berechtigt oder unberechtigt oder veränderbar sind“, sagt die Einrichtungsleiterin. Die Angehörigen bekommen immer ein Feedback zur Beschwerdenlösung. Gespräche mit diesen sind bei der „AWO“ ebenfalls sehr wichtig.

„Wir wissen, dass insbesondere die Angehörigen unserer Bewohner sich viele Gedanken darum machen, dass ihre Eltern oder Verwandten gut aufgehoben sind – das möchten wir fördern und ihnen deutlich machen, dass sie uns vertrauen können. Dazu gehört die zugewandte und freundliche Atmosphäre bei uns und ein souveräner Umgang mit Kritik – sie kann uns auch wertvolle Hinweise geben“, so Fladung.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Grippesaison startet: Wer sollte sich wann impfen lassen?

Die Grippesaison 2019 startet lokalo24 hat mit dem Gesundheitsexperten Jens Fitzenberger über die Grippeimpfung gesprochen.
Grippesaison startet: Wer sollte sich wann impfen lassen?

Dem Leben eine neue Richtung geben

Gespräch mit Robert Betz, der am 5. November in Künzell zu erleben ist
Dem Leben eine neue Richtung geben

"Drei Punkte sind immer unser Ziel"

Redaktionsgespräch mit Trainer Sedat Gören und Torjäger Dominik Rummel von der "SG Barockstadt Fulda-Lehnerz"
"Drei Punkte sind immer unser Ziel"

Klartext: Nur Bares ist Wahres?

Fulda aktuell-Redakteurin Antonia Schmidt beschäftigt sich mit dem Thema bargeldloses Bezahlen.
Klartext: Nur Bares ist Wahres?

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.