Erst Schule, dann Spiel

Von H.P.EHRENSBERGER und CHRISTOPHER GBELOsthessen. Die Innenministerkonferenz der Bundeslnder hat sich vorgenommen, verstrkt

Von H.P.EHRENSBERGER und CHRISTOPHER GBEL

Osthessen. Die Innenministerkonferenz der Bundeslnder hat sich vorgenommen, verstrkt gegen Schulschwnzer vorzugehen. Dafr hat sie einen 22 Punkte umfassenden Plan geschmiedet, der unter anderem beinhaltet, dass die groen Kaufhuser und Elektronik-Fachmrkte die in ihren Rumen aufgestellten Spielkonsolen wie Playstation, Wii, X-Box und deren mehr erst ab 15 Uhr zur Verfgung stellen sollen.

Bessere Zusammenarbeit

Vorreiter dieses Vorhabens ist der parteilose Hamburger Innensenator Udo Nagel. Dieser stellte auf der Konferenz vergangenen Donnerstag Ergebnisse des Berichts zur Gewaltkriminalitt junger Menschen in den Stdten vor. In dieser Studie werden unter anderem verstrkte Manahmen gegen Schulschwnzer gefordert. Die Schulbehrden sollen zuknftig gemeinsam mit Jugendhilfe und Polizei sowie Staatsanwaltschaften und Gerichten dafr sorgen, dass das Fernbleiben von der Schule besser kontrolliert wird. Nach Nagels Auffassung kann Schulschwnzertum der Beginn einer kriminellen Karriere sein. Deshalb msse man in diesem Zusammenhang konsequent einschreiten.

Dieser Vorschlag sttzt sich unter anderem auf Erfahrungen aus Nrnberg, wo bereits vor zehn Jahren eine entsprechende Vereinbarung getroffen wurde. In der Frankenmetropole ist die Zahl der Schulschwnzer daraufhin stark zurck gegangen. Im Bundesdurchschnitt bleiben Schulschwnzer bis zu sieben Stunden pro Woche dem Unterricht fern, besagen neueste Zahlen.

Stephan Stoltenberg, Geschftsfhrer der Medimax-Filiale auf den Fuldaer Kaiserwiesen, hlt diesen Vorschlag indes fr einen verspteten Aprilscherz: Wir haben bei uns fnf Spielkonsolen im Einsatz. Diese werden vormittags berwiegend von jungen Erwachsenen genutzt, kaum von Kindern und Teenagern. Die kommen im Normalfall meist erst nach 14 Uhr und am frhen Abend. Dann herrscht allerdings Hochbetrieb. Stoltenberg lehnt gesetzliche Vorschriften zur Regelung des Zeitvertreibs ab, es gebe gengend andere Kontrollmglichkeiten, beispielsweise durch Eltern, Schulen und Hndler.

Wir nehmen die Problematik der mglichen Nutzung von Spielkonsolen durch Kinder in unserem Markt sehr ernst, sagt Peter Henkelmann, Geschftsfhrer des Media-Marktes in Fulda. Wir beteiligen uns schon immer daran, die Konsolen erst ab 14 Uhr betriebsbereit zu schalten. Entsprechende Schilder weisen auch deutlich darauf hin. Und falls Jugendliche am Vormittag dennoch als Schulschwnzer zu erkennen sind, dann werden sie von unseren Mitarbeitern deutlich darauf angesprochen. Erst Schule, dann spielen, so knnte man das Media-Markt-Motto zu diesem Thema beschreiben, sagt der Geschftsfhrer.

Im Fuldaer Karstadt-Kaufhaus bleiben in der Multimedia-Abteilung im 4. Stock die Spielkonsolen bereits seit geraumer Zeit vormittags ausgeschaltet. Man muss Vorsicht walten lassen und schon im Vorfeld ttig werden, damit potenzielle Schulschwnzer nicht verfhrt werden, sagt Geschftsfhrerin Sonja Seidler. Wenn Erwachsene explizit nachfragten oder mit ihren Kindern gemeinsam kmen, wrden die Spiele jedoch in Betrieb genommen. Sollte denn mal ein Gesetz kommen, dann halten wir uns natrlich exakt an die Zeitvorgaben , so Seidler abschlieend.

Kai Dierks von Galeria Kaufhof hat die Spielkonsolen frher bis 12 Uhr aus-, seit kurzem gnzlich abgeschaltet. Das sollte man als verantwortungsbewusstes Unternehmen in der Umgebung von Schulen so tun und auch als Vater sehe ich mich in die Pflicht genommen, sagt der Geschftsfhrer des Warenhauses in der Fuldaer Innenstadt. Haben meine Mitarbeiter seinerzeit die Schler auf ein mgliches Schwnzen angesprochen, dann hat man vielfach die Ausrede gehrt: Der Unterricht ist ausgefallen.

Herrmann Knttel, Einzelhndler aus dem unterfrnkischen Bad Brckenau, sieht das Schulschwnzer-Problem eher auf Grostdte denn aufs flache Land bezogen. Hier kennt man seine Pappenheimer und die trauen sich whrend der Schulzeit bei mir ohnehin nicht ins Geschft. Da wrden die Lehrer, Rektoren oder Eltern gleich auf der Matte stehen. Nur auf Wunsch von kaufinteressierten Erzie-hungsberechtigten baut er entsprechende Spiele-Konsolen auf nicht zuletzt auch deshalb, um mglichen Diebsthlen vorzubeugen.

Schulschwnzer-Streife

Die Fuldaer Polizei hat eine so genannte Schulschwnzer-Streife in Kooperation mit der Wachpolizei und dem stdtischen Ordnungsamt im Einsatz. Die Beamten reagieren damit auf gelegentliche Beschwerden von Schulen und schauen immer mal wieder an den einschlgigen Orten vorbei. Das Problem tritt hufiger vor oder nach den Ferien auf, ansonsten ist es eher wenig spektakulr, sagt Martin Schfer, Pressesprecher des Polizeiprsidiums Osthessen.

Es ist uns ein groes Anliegen, die Zahl der Schulschwnzer grundstzlich zu reduzieren, sagt Dr. Michael von Rden, Leiter des Staatlichen Schulamtes Fulda. Auch wenn die Zahlen fr meinen Zustndigkeitsbereich nicht dramatisch, eigentlich zu vernachlssigen sind, haben wir das Problem schon seit langem im Blickfeld zumal bundesweit die Zahl der Absenzen in den vergangenen Jahren durchaus zugenommen hat. Der Schulamtsleiter sieht in den Spiele-Konsolen zwar eine Mglichkeit, mit der Schulschwnzer sich die Zeit vertreiben knnten, einen direkten urschlichen Zusammenhang jedoch nicht unbedingt gegeben. Aber es ist sicherlich von Vorteil, wenn man den Zugang erschwert. Im brigen, informiert von Rden, bestehe in Deutschland die Schulbesuchspflicht, was eine berwachungspflicht von Eltern und Lehrern impliziere. Fehlverhalten knnten durchaus das Einleiten von Bugeldverfahren oder sogar ein zwangweises Zufhren der Schulschwnzer zum Unterricht nach sich ziehen.

+++ ZWISCHENRUF +++

Dann eben anders

Von CHRISTOPHER GBEL

Spielkonsolen verbieten, um Schulschwnzer wieder in die Schule zu bringen? Die Idee der Innnenminister-Konferenz geht womglich ein bisschen an der Realitt vorbei. Es kann eine untersttzende Wirkung haben, wird aber keinen renitenten Schulschwnzer freiwillig wieder in den Klassenraum bringen. Die jungen Menschen werden andere Vormittags-Beschftigungen finden, wenn ein Angebot wegfllt.

Wenn die Kids vom Kaufhaus-Daddeln abgehalten werden, lungern sie eben in Parks herum oder vertreiben sich die Zeit mit anderen sinnlosen Ttigkeiten. Ein solches Spielverbot ist keine Universallsung gegen das Schuleschwnzen. Wer aus welchen Gnden auch immer nicht zum Unterricht gehen will, findet genug Mglichkeiten, sich anderweitig zu beschftigen. Hier liegt die Verantwortung der Erwachsenen gegenber der Jugend.

Mitarbeiter in den Computerspiel-Ecken der Kaufhuser sollten selbstverantwortlich und engagiert das ein oder andere Kind mit Ranzen fragen, ob er oder sie denn nicht zur Schule msse. Eine solche (versteckte) Kontrolle hilft mehr, als ein generelles Verbot.

Vielleicht mssen auch die Schulen darber nachdenken, wie sie mit Problemkindern umgehen. Die Pdagogen sollten versuchen, in Erfahrung zu bringen, warum ein Schler oft fehlt. Die Ursache muss bekmpft werden, nicht das Symptom.

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