Der falsche Notruf -„Ich habe meine Frau erschossen“: Toni R. vor Gericht

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Der Angeklagte Toni R. mit seinem Frankfurter Pflichtverteidiger Michael Euler.

Der 36-jährige Toni R. steht seit dem heutigen Donnerstagmorgen vor dem Amtsgericht Fulda. Er muss sich unteranderem wegen des Missbrauchs des Notrufes verantworten.

Fulda - Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, als die Tonaufnahme des vermeintlichen Notrufes vor Gericht abgespielt wurde, der einen Polizeieinsatz bei Andreas Goerke, bekannt vom Verein „Fulda stellt sich quer“, auslöste. Der Anruf erfolgte von einer Telefonzelle in Kohlhaus. Zu hören ist ein Mann, der sich als Goerke ausgibt und behauptet, er habe seine Frau erschossen. Jetzt ist dieser Anruf Gegenstand einer Verhandlung vor dem Amtsgericht Fulda.

Toni R. aus Pilgerzell sitzt auf der Anklagebank und muss sich nun wegen Missbrauchs von Notrufen und falscher Verdächtigung verantworten. Der 36-jährige Arbeitslose war Mitglied der AfD, ist aber nach eigener Aussage wegen Diskrepanzen mit dem ehemaligen Kreissprecher Heiko L. aus der Partei ausgestiegen. „Ich konnte ja nicht wissen, dass der nur einen Monat Kreissprecher bleibt“, so R. vor Gericht. Auch seinen Vorstandsposten bei der „Jungen Alternative“ (JA), die Jugendorganisation der AfD, hat er aufgegeben. „Aus der ,JA’ bin ich präventiv wegen verschiedener Medienberichte ausgetreten“, erklärt R., der sich ebenfalls durch die Presse vorverurteilt sieht. Er sei Gegenstand eine Intrige gegen die AfD, die über R. an AfD-Kreissprecher Dietmar Vey rankommen wollten. R. bezeichnet sich selbst als Randfigur: „Ich kann mich nicht so gut wehren, deshalb haben die mich als Opfer ausgesucht.“ Jedoch wehrt er sich gegen Aussagen von (Ex-)Parteifreunden, dass er ein Befehlsempfänger sei. „Ich habe zwar nur einen Hauptschulabschluss, aber ich habe meine eigene Meinung.“ Zu Goerke habe R. keine Beziehung, er kenne ihn aus den Medien. Dazu sagt AfD-Aussteiger Heiko L.: „Bei AfD-Stammtischen wurde quasi ein Feindbild mit Goerke und ,Fulda stellt sich quer’ aufgebaut.“ Aber auch Andreas Goerke soll den Angeklagte zuvor nicht gekannt haben. Goerke selbst hatte bereits am Tattag, am 11. Februar 2017, die Vermutungen gestellt, dass Timo S., einer seiner Ex-Mitstreiter, diese „abscheuliche Tat“ begannen habe. Doch schon einige Zeit später war sich Goerke sicher, dass S. nicht zu dieser Tat fähig wäre. Auch das Stimmengutachten könne nicht eindeutig sagen, dass S. der Anrufer war. „Die Stimme stimmt zu circa 75 Prozent überein, aber seine Stimme klingt älter als die des Anrufers“, führt die Sachverständige Dr. Marianne Jessen aus. Goerke, der nicht nur als Zeuge, sondern auch als Nebenkläger auftritt, ist sich sicher, dass die Tat „von rechts“ begangen wurde. Er und zwei von fünf Beamten, die am Tattag nach dem Anruf am Haus der Goerkes waren, schildern vor Gericht mit Vorsitz des Richters Dr. Jan-Peter Hofmann, wie sie die Situation wahrnahmen. Die Beamten geben an, dass es eine belastende Situation für das Ehepaar Goerke gewesen sein muss, denn Manuela Goerke, also das vermeintliche Opfer, des Mordes, öffnete den Beamten die Tür. Ihr folgte Goerke selbst, der zu diesem Zeitpunkt laut Anrufer in der Telefonzelle hätte sein müssen. Da diesem „Telefonstreich“ schon länger ein „massiver Psychoterror“ voranging, konnten die Beamten schnell ermitteln, dass der Anrufer nicht die Wahrheit gesagt hatte. Eine Streife, die am Tattag zur Telefonzelle gefahren war konnte den Anrufer nicht mehr auffinden.

Andreas Goerke tritt nicht nur als Zeuge, sondern auch als Nebenkläger auf.

Die Hauptbelastungszeugin ist das AfD-Mitglied Hiltrud B. Ihr soll der Angeklagte die Tat gestanden haben. Er habe sich damit gebrüstet „dem Goerke eins ausgewischt zu haben“. Lange habe sie jedoch damit gewartet bis sie dies der Polizei mitgeteilt hatte. „14 Monate liegen zwischen der Tat und dem Gang zur Polizei“, merkt Hofmann an. „Die Angelegenheit sollte unter dem Teppich gekehrt werden“, gibt L. an. „B. hat sich dem AfD Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann anvertraut, der gesamte Vorstand des Kreisverbandes Fulda, wollte dies aber nicht zur Anzeige bringen.“ Beim Abspielen der Tonaufnahme des Notrufes soll Hohmann jedoch R. erkannt haben. L. vermutet jedoch, dass R. nicht allein gehandelt habe. „So wie ich ihn kennengelernt habe, hat er das nicht allein gemacht“, so der Ex-AfDler. Verteidiger Michael Euler vermutet, dass vielleicht L. hinter der ganzen Kampagne stecken könne. „L. hat auch verschiedene Identitäten auf sozialen Plattformen wie ,Facebook’ angenommen“, erzählt R. In diesem Zusammenhang fällt häufiger der Name ,Christian Baumgarten', der auch Goerke bekannt ist. L. sei zwei Tage vor dem Prozess von zwei Männern angegriffen und bedroht worden. Er solle vor Gericht sagen, die Stimme auf dem Tonband sei nicht R. und nicht wagen, „Pierre Lamely und Martin Hohmann (AfD Mitglieder) mit reinzuziehen.“ Jedoch glaubt die Verteidigung, dieser Angriff sei „nur inszeniert“ gewesen. „Wer die Persönlichkeit von Herrn L. kennt, weiß dass eine Inszenierung möglich ist“, so Euler.

Nach dem ersten Prozesstag bleiben viele Fragen in diesem spektakulären und verwobenen Fall offen. Am 28. März um 9 Uhr wird der Prozess vor dem Amtsgericht fortgesetzt.

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