Forschen am historischen Standort in Geisa

Die Teilnehmer  des Symposiums.

In der Point-Alpha-Stadt ist ein so genanntes An-Institut geplant

Geisa - Forschen, Lehren und Lernen am historischen Standort in Verbindung mit einer Stärkung der ländlich geprägten Region des Geisaer Landes - das sind die Ziele der Stadt Geisa in Bezug auf die Gründung eines An-Instituts in der Point Alpha Stadt. Zu diesem Thema hatte die Kommune Wissenschaftler und Fachleute der Universitäten Erfurt, Jena und Mannheim, der Hochschule Fulda sowie des Instituts für Zeitgeschichte Berlin zu einem Austausch in das Schloss nach Geisa eingeladen.

"Das ist zwar ein recht ungewöhnliches Vorhaben, aber in ungewöhnlichen Zeiten bedarf es ungewöhnlicher Lösungen und Weiterentwicklungen“, betonte Bürgermeisterin Manuela Henkel. Sie begrüßte die Teilnehmer des Symposiums, die teils persönlich anwesend und teils digital zugeschaltet waren, darunter auch den thüringischen Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Dr. Peter Wurschi sowie den Präsidenten der Hochschule Fulda Prof. Dr. Karim Khakzar. Von Seiten der Stadt Geisa sprechen viele Gründe für die Gründung solch eines Forschungsinstituts vor Ort. Vor allen Dingen geht es der Bürgermeisterin um das Thema Aufarbeitung der deutschen Geschichte seit 1945. Ihrer Meinung nach sei hier in den letzten Jahren viel zu wenig geschehen. Dies hätten für sie insbesondere die vielen persönlichen Gespräche mit den Menschen im Geisaer Land, das einst Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze war, deutlich gemacht.

Gerade die zahlreichen Veranstaltungen anlässlich der 30jährigen Grenzöffnung im letzten Jahr mit Zeitzeugenberichten über Zwangsevakuierungen, der Schleifung von Höfen, persönlichen Fluchterlebnissen und zahlreichen Repressalien hätten deutlich gezeigt, wie das Leben an der Grenze die Menschen vor Ort jahrzehntelang beeinflusst und teilweise auch traumatisiert habe. „Die Aufarbeitung und Erforschung dieser Zeit ist bisher unzureichend erfolgt“, ist sich Manuela Henkel sicher.

Das bestätigte auch Berthold Dücker, der Initiator und Mitbegründer der Mahn- und Gedenkstätte Point Alpha. Er sieht hier auch die thüringische Landesregierung in der Verantwortung, die sich 2014 in ihrem Koalitionsvertrag die Aufarbeitung der SED-Diktatur auf die Fahnen geschrieben habe und dort sogar explizit vom „Unrechtsstaat DDR“ spricht. „Es besteht hier dringender Nachholbedarf“, meinte Berthold Dücker. 

 „In Geisa bieten sich hervorragende Möglichkeiten, um am historischen Standort zu forschen, zu lehren und zu lernen“, sagte Manuela Henkel. Mit der Point Alpha Stiftung sowie der Point Alpha Akademie gibt es vor Ort bereits wissenschaftliche Dienstleister zur Aufarbeitung der DDR-Diktatur, der Geschichte des Kalten Kriegs und der Teilung Deutschlands und Europas. Das Ziel des An-Institutes soll in der wissenschaftlichen Forschung liegen. „Die Arbeit der Stiftung sowie der Akademie ist vor allen Dingen Bildungsarbeit“, betonte der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Dr. Roman Smolorz. Stiftung und Akademie leisten nach der Stiftungssatzung Forschungsarbeit nur im kleinen Rahmen.

„Die Stadt kann die baulichen Voraussetzungen für ein Studienzentrum mit Institutsleitung schaffen“, sagte Dr. Christine Meißner, die mit der städtebaulichen Entwicklung in Geisa beauftragt ist. Dazu könnten bereits vorhandene Räumlichkeiten der Akademie ausgebaut sowie leerstehende Gebäude städtebaulich saniert und mit zukunftsfähiger digitaler Technik ausgestattet werden. Allerdings ist man hier von Seiten der Kommune auf Fördermittel angewiesen. Der Betrieb der Einrichtung müsse über eine Universität oder Hochschule mit finanzieller Unterstützung von Land und Bund abgesichert werden. Ein weiterer Vorteil von Geisa ist nach Angaben der Bürgermeisterin die ländlich ruhige Lage. „In Zeiten von Corona kann das durchaus ein Vorteil sein“, so Manuela Henkel. Zahlreiche Zukunftsforscher gehen aktuell eher von einem Rückgang der Urbanisierung aus und sprechen von einer deutlichen Stärkung der ländlichen Räume.

In Geisa könnten sich junge Menschen, Forscher und Wissenschaftler an einem weitgehend sicheren Ort abseits der großen Metropolen treffen. Prof. Dr. Philipp Gassert von der Universität Mannheim lud als Moderator die Symposiumsteilnehmer im Anschluss zum Gedankenaustausch ein. Dabei ging es vor allen Dingen um die inhaltlichen Fragen, die in Geisa erforscht werden könnten und welche strukturellen Anforderungen an ein Hochschul-Aninstitut gestellt werden. So sind Formen wie die Seminarformate der „Villa Vigoni“ vorstellbar, bei der sich Wissenschaftler ungestört von Alltagspflichten zu Forschungszwecken für eine bestimmte Zeit zurückziehen können. Der Zugang zu einer großen Bibliothek könne digital aber auch räumlich durch die Nähe zu den Hochschul- und Landesbibliotheken, insbesondere in Fulda gewährleistet werden.

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