Weihnachtsgeschichte: Herr Bombelmann und der Schneewurf

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Die diesjährige Weihnachtsgeschichte von  Wolfgang Lambrecht mit Illustrationen von  Dennis Lohausen.

Sanft und leise glitten die schimmernd weißen Schneeflocken am Fenster vorbei und versetzten Herrn Bombelmann unwillkürlich in eine seltsame Stimmung. Nicht nur, weil bald Weihnachten war und diese Zeit viele Leute recht nachdenklich machte, nein, während er in seinem Wohnzimmer im Schaukelstuhl saß und von vorne nach hinten und von hinten nach vorne schaukelte, musste er an seinen außergewöhnlichen Schneemann denken, den er einmal gebaut hatte und von dem er glaubte, er sei über Nacht einfach so verschwunden. An den Schneemann, der sich für so unsagbar schlau hielt und dennoch in die Wärme des Frühlings lief und schmolz. „Schade“, dachte Herr Bombelmann, „er war so ein netter Kerl. Bestimmt hätten wir noch viel Spaß miteinander haben können!“Zaghaft klopfte es an der Tür.

Herr Bombelmann erhob sich aus dem Schaukelstuhl, lief hinüber und öffnete. Der Schnee hatte sich bereits ein paar Zentimeter auf dem Boden gehäuft und das Gras verschwinden lassen, alles rundherum war weiß, während es weiterhin schneite. Auf der Fußmatte vor der Haustür stand Hubert der Maulwurf und kam zu Besuch: „Wie lange dauert das denn noch bis du aufmachst. Ich klopfe bestimmt schon eine ganze Stunde. Hast du etwa geschlafen?“ Herr Bombelmann antwortete: „Oh, hallo Hubert! Ja und nein, so was ähnliches. Ich war gerade in Gedanken versunken.“„Hast du mal ‘rausgeguckt?“, wollte Hubert wissen, „Es hat super geschneit! Komm, lass uns einen Schneemann bauen!“ „Für einen richtig großen Schneemann liegt noch nicht genug Schnee, Hubert, da müssen wir noch ein wenig warten. Am besten ist es, wir gehen morgen daran.“ Doch Hubert warf ein: „Du willst nur nicht wegen deines außergewöhnlichen Schneemanns, der dir weggeschmolzen ist! Nur weil du denkst, es wird keinen solchen Schneemann mehr für dich geben. Gib dich auch mal mit einem normalen zufrieden, es muss nicht immer so ein besonderer sein. Außerdem habe ich schon einen gebaut. Los, zieh deine Schuhe an und komm raus, ich will ihn dir zeigen!“

Was blieb Herrn Bombelmann da wohl übrig? Er ging ins Haus zurück, wobei er die Haustüre offenstehen ließ, zog sich Mantel und Schal an, schlüpfte in seine festen Winterschuhe und ging nach draußen. Hubert hüpfte vor ihm durch die weiße Pracht und Herr Bombelmann war froh, dass Maulwürfe schwarz waren, so konnte man sie hier sehr gut erkennen. Manchmal sackte selbst Hubert, das Leichtgewicht, mit seinen Pfoten ein und landete mit dem Gesicht im Schnee, rappelte sich sofort wieder auf, spuckte einige kleine Bröckchen aus und rannte weiter. Plötzlich blieb er stehen. „So“, rief er, „wir sind da! Und? Wie gefällt dir mein Schneemann?“

Herr Bombelmann blickte suchend herum, konnte aber nicht sofort einen Schneemann entdecken.„Was ist?“, wollte Hubert wissen, „Hast du es neuerdings mit den Augen und ich muss dich mal zum Augenarzt bringen?“Jetzt endlich hatte Herr Bombelmann den Schneemann entdeckt. Klein und winzig stand er mitten auf der nicht mehr sichtbaren Wiese, etwas kleiner als Hubert – und er sah fast genauso aus wie er, nur weiß halt. „Mensch Hubert, das ist doch kein Schneemann, das ist ein Schneewurf!“ Hubert war stolz: „Ja, ich habe mir auch ganz schön viel Mühe gegeben! Und weißt du was? Mein Schneewurf soll länger halten als dein Schneemann! Meiner passt sogar in einen Kühlschrank oder eine Gefriertruhe! Den kann ich im nächsten Jahr wieder herausnehmen!“ Herr Bombelmann lächelte: „Natürlich könntest du das tun, aber willst du ihn abends immer in den Kühlschrank stellen und morgens wieder herausholen? Stelle dir vor, es wird mal etwas wärmer! Ob am Tag oder in der Nacht – dieser Schneewurf ist schnell weggetaut, da ist nicht viel dran.“ Hubert wurde traurig: „Das weiß ich auch, aber ich möchte doch, dass er viele Winter verbringen kann und möglichst lange erhalten bleibt.“ „Na ja“, antwortete Herr Bombelmann, „wir werden schon eine Lösung finden, da bin ich mir sicher. Auf jeden Fall sieht er richtig gut aus, ein echter Schneewurf eben.“ „Herr Bombelmann, passe ma’ auf was ich jetz’ mach’!“ Mit diesen Worten holte Hubert der Maulwurf aus einer seiner Felltaschen eine Brille hervor und zwickte sie dem Schneewurf auf die Nase. „Jetzt sieht er aus wie ich – fast jedenfalls. Und ich taufe ihn auf den Namen Hubbi, das ist mein Freund aus Schnee.“

Herr Bombelmann war gerührt: „Weißt du was Hubert, wir werden auf Hubbi gut aufpassen und er bekommt einen guten Platz in meiner Tiefkühltruhe. Trotzdem glaube ich, dass es noch eine andere, eine bessere Lösung gibt. Ich weiß noch nicht was es ist, aber es wird mir irgendwann etwas einfallen. Komm, lass uns noch ein paar leckere Kekse bei mir Zuhause essen.“ „Das geht heute nicht, Herr Bombelmann. Ich muss zurück in meine Wohnung, weil ich mir schon ein saftiges Wurmsteak vorbereitet habe. Aber morgen sehen wir uns. Kommst du zu mir?“ Herr Bombelmann nickte: „Ja, ich werde so gegen neun Uhr morgen früh bei dir sein und an deinen Bau klopfen. Hoffentlich hörst du mich.“„Du weißt genau, dass ich dich höre. Meine Ohren sind noch tausendmal besser als du es dir vorstellen kannst. Ich höre dich schon, wenn du bei deinem Haus die Türe zumachst. Also bis morgen – und lass dir was Gutes einfallen!“ „Ja, Hubert, bis morgen.“ So verabschiedeten sich die Beiden und gingen ihrer Wege.

Am nächsten Morgen stapfte Herr Bombelmann durch den Schnee, der noch höher lag als am gestrigen Tag. Schon bevor er am Maulwurfshügel von Hubert ankam, entdeckte er den kleinen schwarzen Maulwurf bei Hubbi auf der verschneiten Wiese. Aufgeregt rief Hubert: „Herr Bombelmann, guten Morgen. Beinahe hätten wir Hubbi verloren! Er war fast eingeschneit und ich musste ihn freischaufeln. Die halbe Nacht war ich bei ihm, damit er mir nicht erstickt im tiefen Schnee!“ Herr Bombelmann wiegelte ab: „Hubert, das ist ein Schneewurf – und der kann nicht ersticken. Er lebt doch gar nicht.“ „Das sagst ausgerechnet du, der schon eine andere Erfahrung mit einem Schneemann gemacht hat. Warte nur ab, vielleicht kommt das ja noch. Hast du dir schon was ausgedacht?“ Herr Bombelmann schüttelte den Kopf: „Nein, leider nicht, das ist schwieriger, als ich dachte...“ Hubert wurde traurig und man merkte ihm an, dass er Angst davor hatte, seinen Schneewurf durch Auftauen zu verlieren. „Ach, Herr Bombelmann, wenn Hubbi doch nur irgendwo wohnen könnte, wo es immer kalt ist, dann könnte er ganz lange stehen bleiben – das wäre schön! Bitte, bitte, lass dir was Gutes einfallen! Du hast doch sonst auch immer so tolle Ideen.“

Während Hubert sprach, hatte Herr Bombelmann schon einen tollen Geistesblitz, wollte aber noch nichts dazu sagen. Das würde eine schöne Überraschung zu Weihnachten werden… Die wenigen Tage bis dahin vergingen und es blieb glücklicherweise eiskalt draußen. So konnte Hubbi gefahrlos an Ort und Stelle stehen bleiben und musste nicht Zuflucht in der Tiefkühltruhe finden.

Herr Bombelmann kam gerade durch den tiefen Schnee zu Hubert gestapft, als dieser bei seinem Schneewurf stand und damit beschäftigt war, ihm verschiedene Weihnachtslieder vorzusingen.„Frohe Weihnachten Hubert, ich habe ein tolles Geschenk für dich und Hubbi: Wie du weißt, war ich doch schon einmal vor einigen Jahren am Nordpol. Es gibt eine Fluggesellschaft, die in der Lage ist, mit ihren Spezialflugzeugen sogar in Eis und Schnee zu landen. Wir werden zusammen mit Hubbi an den Nordpol fliegen und ihn dort hinbringen. Dann kann er für alle Zeit ein Schneewurf bleiben und muss niemals auftauen.“ Hubert klatschte in die Pfoten vor Freude: „Oh das wäre so toll! Wann willst du denn los?“ „Ich habe uns bereits einen Flug gebucht, er geht schon in zwei Stunden. Du kannst in meinem Gepäck mitreisen und brauchst kein extra Flugticket. Hubbi kommt in unsere Kühltasche mit einigen Eiswürfeln. Was hältst du davon?“ Hubert freute sich: „Das ist eine schöne Idee! Ich packe sofort meinen Koffer.“ Herr Bombelmann nickte: „Beeil dich bitte, dann können wir gleich starten.“

Kaum war Hubert fertig, holte Herr Bombelmann den kleinen Hubbi von der verschneiten Wiese, packte ihn zwischen Eiswürfel, die in Folie gewickelt waren, und verstaute ihn in einer dicken Kühltasche. Schließlich sollte ihm auf der langen Reise zum Nordpol nichts passieren. Es war gut, dass Herr Bombelmann und Hubert so gut vorbereitet waren, denn die Heizung in der Abflughalle funktionierte gefühlt besser als an anderen Tagen und bis sie im Flugzeug saßen, schien es erheblich länger zu dauern als es tatsächlich der Fall war. Endlich hob die Maschine vom Boden ab und bohrte kurz darauf seine Nase durch die dichten Wolken. Verträumt sah Herr Bombelmann dabei aus dem Fenster und es geschah etwas sehr Merkwürdiges: durch diese dichten Wolken meinte er für einen kurzen Moment die Gestalt eines alten Mannes auf einem Schlitten gesehen zu haben, der von Rentieren gezogen wurde, in die entgegengesetzte Richtung unterwegs war und sofort wieder verschwand.Vielleicht hatte er sich das auch nur eingebildet, vielleicht aber auch nicht. Schließlich konnte es am Heiligen Abend durchaus passieren, dass man so etwas in den Wolken sah...

Nach der Landung verließen die Passagiere über eine lange Rutsche das Flugzeug und kamen direkt vor dem Hotel an, das aus einem großen Iglu bestand. An der Rezeption arbeitete noch immer Ainuk, der Herrn Bombelmann schon beim letzten Mal begrüßte: „Guten Tag, Herr Bombelmann, seien Sie willkommen am Nordpol. Schön, dass Sie wieder unser Gast sind. Es kommt nicht oft vor, dass Menschen ihren Urlaub zweimal am Nordpol verbringen.“ Herr Bombelmann nickte: „Guten Tag Ainuk, es ist nicht der Urlaub, der mich hierher treibt, zumal Weihnachten ist, aber mein kleiner Freund Hubert der Maulwurf hat es notwendig gemacht. Er baute im ersten Schnee des Winters bei uns in Poppelsdorf einen Schneewurf, also so etwas wie einen Maulwurf aus Schnee, und den wollten wir hierher bringen. Er soll möglichst lange erhalten bleiben.“ Ainuk nickte freudig: „Das ist ein gute Idee! Bei uns ist es immer kalt und so kann er sehr lange stehen bleiben. Es gibt noch mehr Leute, die so was machen wollen. Wir haben einige Kilometer von hier einen besonderen Platz eingerichtet für solche Fälle, wir nennen ihn Schneemannshausen. Möchten Sie Ihr Zimmer wieder mit Blick zum ewigen Eis? Und mit Eiswürfeldusche?“ Herr Bombelmann antwortete: „Ja, alles wie beim letzten Besuch. Könnten wir, während das Zimmer gebaut wird, mit dem Motorschlitten nach Schneemannshausen gefahren werden, damit wir es uns anschauen können?“

Am Nordpol wurden aus dem dicken Eis Blöcke gesägt, mit denen man die Zimmer baute. Je nach Größe als Einzel-, Doppel- oder Großraumzimmer für bis zu acht Personen.Ainuk nickte lächelnd: „Natürlich geht das, Herr Bombelmann, wie Sie es wünschen, ich werde sofort einen Schlitten rufen.“ Im Nu stand der Motorschlitten startbereit vor der Rezeption und die Freunde traten hinaus. Schnell stiegen sie auf den Motorschlitten und eine tolle, aufregende Fahrt begann.

Nach einigen Kurven und langen Geraden kamen sie in einem Gebiet an, in dem viele, viele Schneemänner standen. Große und noch größere, kleine und noch kleinere, auch mittlere waren dabei.Der Schneeschlittenfahrer sagte: „Hier können Sie sich einen schönen Platz aussuchen. Lassen Sie sich Zeit, ich hole Sie in einer Stunde wieder ab. Wenn Sie nicht hier sind, werde ich Sie schon irgendwo finden.“Hubert bibberte vor sich hin: „Hier ist es ganz schön kalt! Bleibt das immer so?“Herr Bombelmann nickte: „Ja mein Hubert, das bleibt immer so. Hier kann Hubbi stehen, solange er es möchte.“ „Schön, dann lass ihn uns hierhin setzen, hier ist ein guter Platz, glaube ich“, bat Hubert.

Herr Bombelmann öffnete die dicke Kühltasche, holte Hubbi den Schneewurf heraus und setzte ihn auf das nahezu unendliche Weiß.Plötzlich hörten sie jemanden rufen: „Herr Bombelmann, Herr Bombelmann!“Diese Stimme kannte Herr Bombelmann doch! War das nicht?„Hallo Herr Bombelmann. Dass wir uns am hier Nordpol wiedersehen! Das ist ja toll!“ „Das gibt’s doch nicht!“, freute sich Herr Bombelmann, „Du darfst noch einmal leben? Wie hast du das denn geschafft?“ Es handelte sich um den Schneemann, der einst im Frühling weggetaut und zu Wasser geworden war, dann verdunstete und als Wolke zum Nordpol zurückflog. Hier hatte er großes Glück: ein Eskimojunge hatte sich genau die richtigen Schneeflocken für einen Schneemann ausgesucht, und ihn auf diese Weise wieder zum Leben erweckt.So jedenfalls erzählte es der Schneemann und während sie zusammenstanden wurde ihnen klar, dass heute dieser besondere Tag war – der 24. Dezember, das Fest der Liebe, das Weihnachtsfest. Ein Tag, an dem die schönsten Dinge passieren konnten – wenn man nur daran glaubte.

Für die Freunde jedenfalls war es ein wunderschöner Tag, denn sie hatten sich heute hier getroffen und alle waren gesund und munter. Hubbi hatte einen guten Platz bekommen und was ihm noch so alles passierte, weiß niemand. Hubert der Maulwurf aber saß auf dem Rückflug glücklich neben Herrn Bombelmann und schwor Stein und Bein, dass ihn der kleine Schneewurf zum Abschied liebevoll angelächelt und ihm mit den kleinen Augen hinter der dicken Brille zugezwinkert hatte …

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