Thema Pflege: "Fulda aktuell"-Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (Mitte) im Gespräch mit "Fulda aktuell"-Redaktionsleiter Bertram Lenz. Das Treffen war auf Vermittlung des osthessischen Bundestagsabgeordneten Michael Brand (links) zustande gekommen. 

Verantwortlicher Gesundheitsminister steht Redaktion am Rande des Treffens der Hessen-CDU in Künzell Rede und Antwort

Fulda - „Fulda aktuell“ hatte vor Kurzem eine Serie rund um das Thema „Pflege“ initiiert, die bei unseren Lesern, aber auch bei Betreibern von Pflegeheimen, auf eine sehr große Resonanz gestoßen ist. Was also lag näher, als den verantwortlichen Gesundheitsminister Jens Spahn einmal mit dieser Problematik zu konfrontieren? Die Gelegenheit hierzu bot sich auf Vermittlung des heimischen CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Brand in Künzell, wo Spahn Gast der Hessen-CDU war. Diese hielt im „Bäder Park Hotel“ ihre traditionelle Frühjahrsklausur unter dem Motto #vision2030 ab.

Fulda aktuell: Die „Pflegeserie“ von Fulda aktuell hat für viele Diskussionen in der ganzen osthessischen Region gesorgt. Die Redaktion wurde mit Briefen, E-Mails und Anrufen überhäuft. Wie oft werden Sie persönlich mit Berichten von Betroffenen (Pflegekräften, Pflegenden, Angehörigen) konfrontiert?

Jens Spahn: Ich habe in den letzten beiden Jahren sehr viele Pflegeeinrichtungen besucht und dort mit den Bewohnern, Mitarbeitern und den Heimleitungen gesprochen. Ich habe den Eindruck, die allermeisten Pflegeeinrichtungen arbeiten gut. Die Pflegekräfte nehmen ihren Job sehr ernst und kümmern sich fürsorglich um die Pflegebedürftigen. Und viele gehen dabei an ihr eigenes Limit und darüber hinaus. Und mich erreichen natürlich auch Klagen über schlechte Zustände und Berichte über negative Erfahrungen. Auch das nehme ich sehr ernst und setzte mich dafür ein, dass solche Probleme abgestellt werden. Ein wichtiger Schritt dahin ist gemacht: Seit einigen Wochen hat die Selbstverwaltung für die Pflegeheime ein neues – und verglichen mit dem alten „Pflege-TÜV“ – aussagekräftigeres Bewertungssystem eingeführt. Das berücksichtigt viel stärker als früher die tatsächlich geleistete Qualität, schafft Transparenz und damit Vertrauen ins System. Entscheidend ist, wie es den Pflegebedürftigen tatsächlich geht. So können Pflegebedürftige und ihre Angehörigen besser vergleichen, wie gut Pflegeheime arbeiten.

FA: Teilen Sie die Einschätzung, dass es in Pflegeheimen „vielfach zu Missständen“ kommt?

Spahn: Die meisten Pflegekräfte tun was sie können, um die Patienten gut zu versorgen. Die Qualitätsberichte des Medizinischen Dienstes, der die Heime regelmäßig prüft, zeigen, dass die meisten Heime gut arbeiten und die Qualität der Versorgung in den Jahren immer besser geworden ist. Klar ist aber auch, dass Fehler passieren und es auch schlechte Pflegequalität gibt. Für Pflegebedürftige kann das dramatische Folgen haben. Deshalb sollten Fehler, so menschlich sie manchmal vor allem bei knappem Personal sind, möglichst vermieden werden.

FA: Wie kann man diesen Fällen begegnen?

Spahn: Solche Vorfälle müssen aufgedeckt, aufgeklärt und abgestellt werden. Das ist Aufgabe der Prüfer bei den Medizinischen Diensten und auch der Bundesländer, bei denen die Heimaufsicht liegt. Ich arbeite als Bundesgesundheitsminister mit aller Kraft daran, dass sich die Personalausstattung in den Pflegeeinrichtungen verbessert und damit auch die Arbeitsbedingungen auf Station leichter werden. Ein wesentlicher Punkt dabei ist auch, dass die Bezahlung der Pflegekräfte stimmt. Mit der Vereinbarung eines neuen Pflegemindestlohns haben wir jetzt einen wichtigen Schritt vollzogen, um die Pflege in Deutschland wieder attraktiver zu machen.

FA: Wie lässt sich der Pflegeberuf reizvoller gestalten?

Spahn: Ich finde, es ist ein gutes Zeichen, dass immer mehr Menschen in der Pflege arbeiten und auch die Ausbildungszahlen stetig nach oben gehen. Trotzdem müssen wir noch mehr Menschen für diesen wichtigen Beruf begeistern, denn der Bedarf steigt weiter und die Jahrgänge werden kleiner. Das geht nicht über Nacht, sondern ist ein längerer Weg. Deshalb drehen wir an vielen Stellschrauben: Wir schaffen mehr Stellen und mehr Ausbildungsplätze und sorgen dafür, dass Pflegekräfte besser bezahlt werden. Wir fördern Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung und zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf und wollen die Pflegekräfte mit mehr Technik und Digitalisierung unterstützen. Und wir werben Menschen aus dem Ausland an, die unsere Werte teilen und bei uns mit anpacken wollen. Entscheidend ist auch das Image des Berufs: Viele Pflegekräfte sagen mir, dass sie gern in dem Beruf arbeiten. Darüber müssen wir mehr reden, auch die Pflegekräfte selbst; sie sind die besten Multiplikatoren.

FA: Wie gestalten sich die Bemühungen, ausländische Pflegekräfte ins Land zu holen?

Spahn: Klar ist, dass wir die vielen Pflegekräfte, die wir in den kommenden Jahren brauchen werden, nicht nur durch eine eigene Ausbildung bekommen werden. Deswegen haben wir einiges angestoßen, um Fachkräfte aus dem Ausland zu gewinnen. Dazu habe ich selbst Kosovo und Mexiko besucht, meine Parlamentarische Staatssekretärin Sabine Weiss hat ihre langjährigen guten Kontakte in die Philippinen genutzt, um für uns zu werben. Wir achten bei der Auswahl der Herkunftsländer jedenfalls genau darauf, dass wir kulturell zueinander passen und dass die Pflegeausbildungen unserem Qualitätsniveau entsprechen. Die Bundesagentur für Arbeit erhöht die Anwerbezahlen von Pflegefachkräften im Ausland. Wir wollen darüber hinaus auch die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen besser dabei unterstützen, selbst im Ausland anzuwerben. Daher hat vor einigen Wochen die „Deutsche Fachkräfteagentur für Gesundheits- und Pflegeberufe“ (DeFa) ihre Arbeit aufgenommen. Sie soll Interessenten dabei helfen, dass sie schnell und unbürokratisch ein Visum und eine Arbeitserlaubnis erhalten. Ich hoffe darauf, dass bis zum Sommer mit Vermittlung der „DeFa“-Agentur die ersten ausländischen Pflegekräfte bei uns anfangen zu arbeiten.

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