Im Kopf muss es "Klick" machen: Gespräch mit "Caritas"-Bereichsleiter Sucht

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Michael Schütte, Bereichsleiter Sucht des „Caritasverbandes für die Regionen Fulda und Geisa“ (links), im Gespräch mit Redaktionsleiter Bertram Lenz 

"Dry January": Was es bringt, einen Monat (oder mehr) keinen Alkohol zu trinken  

Fulda - Neues Jahr, neue Kampagne: Gegenwärtig ist das Motto „Dry January“ überall zu lesen. Damit sollen Menschen animiert werden, den ersten Monat des neuen Jahres freiwillig auf Alkohol zu verzichten. Der Trend kommt aus Großbritannien, wo Alkohol die häufigste Todesursache von Menschen im Alter von 15 bis 49 Jahren ist. Aber auch in Deutschland trinkt laut des aktuellen Drogen- und Suchtberichts der Bundesregierung jeder Sechste zu viel. Vor diesem Hintergrund hat „Fulda aktuell“ Michael Schütte eingeladen, Bereichsleiter Sucht des „Caritasverbandes für die Regionen Fulda und Geisa“.

Diplom-Sozialarbeiter Schütte, seit 35 Jahren in der Suchtarbeit tätig, sieht den „Dry January“ zweischneidig: Zwar sei das Ganze „keine schlechte Aktion“, doch der Zeitpunkt für eine katholisch geprägte Region wie Fulda eher ungünstig. Denn die Fastenzeit folge kurz darauf, und sich dort dann Vorsätze auf Verzicht vorzunehmen, sei in den Köpfen der Menschen stärker verankert.

Gleichwohl fühle sich der Körper nach einem „trockenen Monat“ gleich viel besser: „Man bekommt einen klaren Kopf, kann besser schlafen, die Leber wird entgiftet sowie das Immunsystem und die Konzentrationsfähigkeit gestärkt“. Zudem habe das Ganze noch einen anderen Effekt: „Man kann sich selbst überprüfen, ob man zu viel trinkt. Wenn nach vielleicht zwei bis drei Tagen der Drang zu verspüren ist, Alkohol zu sich nehmen zu wollen, dann wird es langsam grenzwertig. Abgesehen von möglichen körperlichen Entzugserscheinungen wie beispielsweise Zittern, Schwitzen, Magenkrämpfen und Brechreiz“.

Caritas und Diakonisches Werk: Jährlich jeweils 500 Klienten

Wenn dies der Fall ist, so Schütte, dann sei es Zeit zum Handeln. Viele der rund 500 Klienten, die der heimische „Caritasverband“ und das „Diakonische Werk“ in Fulda jährlich jeweils betreuen, kommen entweder aus Selbstbetroffenheit, auf Drängen des familiären oder freundschaftlichen Umfeldes, weil sie vom Hausarzt geschickt wurden, auf Druck des Arbeitgebers (Fehlzeiten) oder durch das Jobcenter.

In diesem Zusammenhang formuliert der Sucht-Bereichsleiter eine ganz klare Maxime: „Unsere Beratung ist absolut anonym. Was bei uns besprochen wird, bleibt in den vier Wänden“. Um nochmal auf die 500 Klienten, unter denen alle gesellschaftliche Schichten vertreten sind, zu sprechen zu kommen: Mit dieser Zahl ist man an der Obergrenze des Machbaren angekommen: „Mehr wäre personell gar nicht zu schaffen“.

Das Team aus Sozialpädagogen, Sozialarbeitern und Erzieherinnen bietet Hilfestellung bei der Stärkung der Eigenverantwortung, Auseinandersetzung mit der Krankheit, bei Stabilisierung und Erreichung von Abstinenzverhalten, Überwindung von Isolation, Vermeidung von stationären Aufenthalten, bei zwischenmenschlichen Konflikten und Beziehungsschwierigkeiten, bei den Anforderungen des täglichen Lebens sowie bei der Motivation zu Arbeit und Ausbildung, beim Knüpfen von Kontakten zu Ämtern und Institutionen und bei der Regelung von Schulden.

Vom oftmals zitierten „Kontrollierten Trinken“ hält Schütte im Übrigen nichts, dies sei Selbstbetrug und in keinster Weise zielführend. Wenn jemand nach dem körperlichen Entzug beispielsweise eine dreimonatige Kur antrete („Das ist wichtig, um den Kopf frei und Zeit zum Nachdenken zu bekommen“), dann gebe es anschließend die Möglichkeit, die von Rentenversicherung oder Krankenkasse bezahlte Nachsorge zu besuchen. „Denn Sucht kommt im Regelfalle nicht alleine daher, sondern ist oft mit einer psychischen Erkrankung verbunden“.

Sehr eng arbeite man bei der „Caritas“ mit Selbsthilfegruppen wie dem „Kreuzbund“ zusammen. Schütte empfiehlt allerdings, sich „zwei bis drei Selbsthilfegruppen anzuschauen, weil jeder für sich selbst herausfinden muss, welche Gruppe am besten zu einem passt“. Nachsorge sei in jedem Falle sehr wichtig, denn Erfahrungen zeigten, dass es zwei Drittel der Suchterkranken erst im zweiten oder dritten Anlauf schafften, ein zufriedenes Leben in Abstinenz zu führen. Rückfälle seien oftmals vorprogrammiert. Schütte: „Im Kopf muss es Klick machen, muss sich ein Schalter umlegen, bis es der Betroffene begreift“.

Der „Caritas“-Experte, der auch die gute Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des „Klinikums Fulda“ hervorhebt, betont noch eine weitere Entwicklung, die ihm Sorgen bereitet: Die Abhängigen würden immer jünger: „Waren die Betroffenen früher im Schnitt 40 bis 45 Jahre alt, so sind es heute schon die um die 20-Jährigen. Und für die ist es halt schier unvorstellbar, vielleicht 60 Jahre dem Alkohol zu entsagen“. Wenngleich Schütte auch eine Beobachtung gemacht hat, die ihn optimistisch stimmt: Heute sei es einfacher als früher, in einer Kneipe etwas Nicht-Alkoholisches zu bestellen.

Neben dem Appell für einen maßvollen Umgang mit Alkohol beziehungsweise generell mit Suchtmitteln fordert Schütte noch etwas anderes: Die Ärzte sollten sensibler werden, was verschreibungspflichtige Medikamente wie Benzodiazepine und Tranquilizer betreffe. Denn auch hier drohe schnell eine Abhängigkeit.

Kontakt

Ohne Voranmeldung können Interessierte in die offene Sprechstunde jeden Montag von 11 bis 12 Uhr in die Wilhelmstraße 10 in Fulda kommen. Oder man besucht dienstags die offene Informations- und Motivationsgruppe, die immer von 16 bis 17 Uhr im Gruppenraum der Wilhelmstraße 8 stattfindet. Ein erster Kontakt ist möglich unter Telefon 0661/2428-360 (Sekretariat).

Bei der Suchtberatung des „Diakonischen Werkes“ in Fulda ist der Kontakt möglich unter Telefon 0661/8388200. Hier ist jeden Donnerstag offene Sprechstunde von 9 bis 10 Uhr am Heinrich von-Bibra-Platz 14.

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