Liebeserklärung an Fulda und die Rhön

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Matthias Altenburg alias Jan Seghers (rechts) im Gespräch mit "Fulda aktuell"-Redaktionsleiter Bertram Lenz

Begegnung mit dem Kriminalschriftsteller Matthias Altenburg alias Jan Seghers, dem Schöpfer des Kommissars "Marthaler"

Fulda - „Ich habe Hunger. Möchten wir denn nicht erst etwas essen gehen?“ – Diese Sätze stehen am Anfang der Begegnung mit dem Krimischriftsteller Matthias Altenburg am vergangenen Dienstagabend, zwei Stunden, bevor der 1958 in Fulda Geborene im Kulturkeller aus seinem neuen Werk „Menschenfischer“ lesen wird. Verfasst wiederum unter seinem Pseudonym Jan Seghers.

Altenburg holt einen Zettel mit dem Namen eines thailändischen Restaurants aus der Tasche. Dort aber stehen wir vor verschlossenen Türen. „Döner esse ich auch gerne“, bekennt der Autor dann beim Gang durch die Innenstadt, bei dem ihm auffällt, „dass hier ja alles so wunderbar nah beieinander liegt“. Bevor der Imbiss erreicht ist (der sich letztendlich ebenfalls als geschlossen erweist), kommt angesichts des in der Nähe liegenden Hotels „Goldener Karpfen“ die Rede auf Udo Lindenberg und auf „Tatort“-Star Ulrich Tukur, die beide schon in dem Haus genächtigt haben. „Gegessen habe ich da mal“, erinnert sich Altenburg, der augenscheinlich froh darüber ist, dass man im dritten Anlauf erfolgreich ist: Das Lokal in der Karlstraße hat geöffnet, und der Schriftsteller darf sich über seinen Dönerteller freuen. Und lässt sich beim Essen bereitwillig befragen, gleichwohl – noch unter dem Eindruck der gastronomischen Suche – zu Anfang eine Liebeserklärung steht: „Fulda ist ein Schmuckstück. Wenn man hier durch die Altstadt geht, dann kann man richtig durchatmen“.

Ein Sehnsuchtsort

Der Schriftsteller hat eine enge Bindung an diese Region: „Mein Vater stammt gebürtig aus Uttrichshausen. Ich selbst bin in Fulda zur Welt gekommen, doch sind wir nach gut einem dreiviertel Jahr zunächst in die Schwalm und dann nach Nordhessen in die Nähe von Kassel gezogen“. Der passionierte Radfahrer, der mit seinem Pseudonym neben der Schriftstellerin Anna Seghers dem Radsportler Jan Ullrich seine Reverenz erweist, erinnert sich an eine Tour, während der er aus Richtung Bad Hersfeld kommend, an der Fulda entlang fuhr und in die Nähe von Uttrichshausen gelangte: „Vorbei an blühenden Wiesen, da ging mir das Herz auf“.

Überhaupt sei die Rhön einer jener „Sehnsuchtsorte schlechthin, nach denen Du in der ganzen Welt suchst“. Seine Schwiegereltern hätten übrigens lange Zeit in Poppenhausen gewohnt, bis sie vor einigen Jahren ins Rhein-Main-Gebiet und damit in die Nähe von seiner Frau und ihm gezogen seien. Die Radfahrten zur Wasserkuppe seien ihm immer noch bestens im Gedächtnis, so Altenburg.

Der Krimiautor greift in seinem Werk „Menschenfischer“ einmal mehr einen realen Fall auf, und zwar den bislang ungeklärten Mord an dem 13 Jahre alten Tristan Brübach in 1998. „Seit damals habe ich die Sache Schritt für Schritt verfolgt“, erzählt Altenburg. Er selbst sei nicht fasziniert von Verbrechen, sondern halte diese für zutiefst verabscheuungswürdig und bestrafenswert. „Und ich bin immer froh, wenn ein Täter gefasst werden konnte und die Gerechtigkeit ins Lot kommt“.

„Marthalers“ Charakter

Der Autor, Schöpfer des Frankfurter Kommissars „Marthaler“, den der unter anderem in „Ein allzu schönes Mädchen“, „Die Braut im Schnee“, „Partitur des Todes“ oder „Die Sterntaler-Verschwörung“ hat ermitteln lassen, hält den Anfang und das Ende als ungemein wichtig für einen Krimi. „Der Einstieg ist dabei wie die Wurst an der Angel“, betont er. Dazwischen könne man die Fantasie walten lassen und sich ausdenken, in welchen Milieus und mit welchen Personen die Handlung vorangehe. „Wichtig aber ist, den Fall nicht aus den Augen zu verlieren und zugleich interessante und glaubwürdige Charakter zu zeigen“.

Altenburg bezeichnet sich selbst als „steten Beobachter von Menschen“ und als einen „besinnungslosen Voyeur“. Was übrigens die Hauptfigur des Kommissars angehe, so müsse dieser eine Projektionsfläche für den Leser sein. Sein „Marthaler“ sei ein solcher Typ: Eher durchschnittlich, bisweilen naiv und von bestürzender Ahnungslosigkeit, sympathisch, dann wiederum aufbrausend. „Ein Melancholeriker“, wie ihn einmal eine Journalistin genannt habe.

Gerne erinnert sich der Schriftsteller an den ersten Besuch einer Verfilmung seiner Romane: „Es war in einer sehr kalten Dezembernacht am Frankfurter Osthafen. Ich kam gerade an, als eine Szene fertig gedreht war. Ein Auto stoppte, und der Schauspieler Matthias Koeberlin sprang heraus, der Darsteller des ,Marthaler’. Und eigentlich hatte ich mir meinen Kommissar immer ganz anders vorgestellt, obgleich Koeberlin seine Sache schon sehr gut macht“. Ähnlich übrigens wie Anke Sevenich: Die Rolle der „Elvira“ sei mit der Schauspielerin ganz hervorragend besetzt.

Berlin-Krimi

Eigentlich habe er mit den Arbeiten an einem neuen „Marthaler“ beginnen wollen, doch seien unabhängig voneinander seine Frau und seine Verlegerin mit dem Vorschlag auf ihn zugekommen, er solle doch einen Krimi verfassen, der in Berlin spiele. „Aber ,Marthaler’ in Berlin ermitteln lassen, das konnte ich nicht. Dazu sind mir der Kosmos und die Atmosphäre, in denen er bislang zu Hause ist, zu sehr ans Herz gewachsen. Zumal Orte für mich sehr wichtig sind. Also wird es einen Berlin-Krimi mit einem anderen Ermittler geben“.

 Sprichts und macht sich auf zu seiner Lesung im (proppevollen) Kulturkeller. Nicht ohne seinem Gesprächspartner zuvor eine gute Heimfahrt gewünscht zu haben: „In Hünfeld, da habe ich auch mal gelesen. Im Rathaus. Dort, um die Ecke, gibt es doch auch einen Thailänder oder Chinesen. Und stammt aus Hünfeld nicht der Computererfinder Konrad Zuse?!“

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