Die FULDA-AKTUELL-Weihnachtsgeschichte: Eine Holzwurmkolonie feiert Weihnachten

Die Weihnachtsgeschichte von FULDA AKTUELL stammt dieses Jahr wieder aus der Feder von Wolfgang Lambrecht mit Illustrationen von Patrick Romanowski.

Geschichte: Wolfgang Lambrecht / Illustrationen: Patrick Romanowski

Kalt war es draußen, Anfang Dezember. Eine leichte Schicht Schnee hatte sich auf die Bäume und den Waldboden gelegt. Die Heizung in der kleinen Halle lief auf Hochtouren und so waren die Temperaturen für die Holzwurmkolonie zumindest hier erträglich. Als es zu dämmern begann, blies Friedel, der Vorarbeiter, in sein Horn und es ertönte das Signal zum Feierabend. Überall wurden die Werkzeuge zur Seite gelegt, für diesen Tag konnte die Arbeit ruhen.

Einzig an einem Platz wurde noch geschafft: dort stand ein Holzwurm mit einem Kopfhörer auf den Ohren, schwang seine Hüften im Takt der Musik, die nur er hören konnte, hin und her und ging seiner Tätigkeit nach. Nicht etwa, weil er Überstunden machen wollte oder ihm die Arbeit so viel Freude bereitete. Nein, das war es nicht. Die Arbeit machte ihm keinen Spaß. Er hatte einfach nur das Signal nicht gehört. Er genoss es, wenn die unterschiedlichsten Beats in sein Hirn dröhnten und ihn glücklich machten. So merkte er nicht, was er jeden Tag vor sich hinschaffte.

Ein Glück, dass er sich auf Friedel verlassen konnte! Der ließ niemanden durcharbeiten und achtete auf die Einhaltung der Arbeitszeiten. Auch das gehörte zu seinen Aufgaben. Von hinten klopfte er, wie jeden Tag, Hans auf die Schulter. Wenn dieser sich umdrehte, den Kopfhörer von den Ohren nahm und ihn um seinen nicht vorhandenen Hals hängte, nickte Friedel nur knapp und sagte: „Feierabend!“. Sonst nichts. Das reichte ja auch.

Kurz darauf war es holzwurmleer in der kleinen Halle des Baumstumpfes, wo gerade eben noch geschäftiges Treiben herrschte. Am nächsten Morgen, wie täglich zur selben Zeit, ertönte das Signal zum Arbeitsbeginn und eine Gruppe Holzwürmer kroch an die Plätze. Auch Hans war wieder dabei, zwickte sich, kaum dass er an seinem Platz angekommen war, den Kopfhörer auf die Ohren, begann mit den Hüften hin und her zu schwingen und erledigte seine Arbeit – bis ihm Friedel von hinten auf die Schulter klopfte, knapp nickte und sagte: „Pause“. Das war alles, sonst sagte er nichts. Aber das reichte ja auch.

Gemeinsam gingen sie gutgelaunt hinüber zum Aufenthaltsraum, in dem – wie immer zu dieser Zeit – noch zwei der vielen Stühle frei waren. Kaum hatten sie Platz genommen, beugte sich Willi nach vorne in Richtung Hans und meinte: „Bist wieder reichlich spät heute. Musst dich jetzt ganz schön beeilen mit Futtern, damit du uns noch eine schöne Geschichte erzählen kannst.“ Üblicherweise erzählte Hans Geschichten, manchmal erlebte, manchmal ausgedachte. Aber alle waren toll.

An diesem Tag allerdings grinste Hans nur und antwortete: „Nein, heute werde ich euch keine Geschichte erzählen.“ Bevor er weiterreden konnte, schauten ihn über 50 entsetzte Augenpaare an. Keine Geschichte? Das war doch das Beste des ganzen Tages! Und jetzt? Manche schlugen sich die Hände vor den Mund, andere saßen wie versteinert auf ihren Stühlen, die meisten vergaßen zu kauen.

Hans fuhr fort: „Denn – ich habe da eine Idee und mich interessiert, was ihr dazu sagen werdet.“ „Oh, eine Idee!“, rief Paul entzückt. Xaver rief hinterher: „Da bin ich aber gespannt!“ und Michael meinte ungeduldig: „Erzähl!“ Hans begann: „Ihr könnt euch bestimmt noch erinnern, dass ich ein ganzes Jahr weggewesen bin. Damals, als dieser Mensch namens Koschi in den Wald kam und den Baumstumpf absägte, in dem wir arbeiteten.“

Auch wenn alle Zuhörer wussten, dass es sich manchmal so leicht vergisst, an dieses Jahr ohne Hans konnten sie sich alle erinnern. Einige der Holzwürmer glaubten immer noch, er sei absichtlich im Holz geblieben, um neue Abenteuer zu erleben – so, wie er es immer erzählt hatte. Dass es nicht so war, wussten sie nicht und Hans hatte sie darüber auch nicht aufgeklärt.

„Von diesem Jahr habe ich euch viel erzählt.“ Er nickte, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Aber über eine Sache habe ich bisher noch nicht mit euch gesprochen. Es geht um ein Fest, das die Menschen jedes Jahr im Winter feiern. Vielleicht sollten wir das auch tun?“ Skeptische Blicke warfen sich Hans entgegen. Menschen feierten, okay, aber Holzwürmer? Die mussten Menschen nichts gleichtun. Entsprechend warf Karl ein: „Seit wann machen wir den Menschen etwas nach? Die machen so vieles, was nichts taugt.“ Karla, seine Frau, hob die rechte Hand: „Hans wird sich schon etwas dabei denken, lass ihn.“

Sie drehte sich zu Hans: „Was ist das für ein Fest?“ „Die Menschen nennen es Weihnachten.“ Gemurmel im Aufenthaltsraum. Weihnachten? Was sollte das denn sein? Willi sprach etwas lauter als sonst, damit man es hören konnte bei diesem Krach: „Weihnachten? Das habe ich noch nie gehört. Kannst du uns sagen, weshalb die Menschen das feiern?“ Hans antwortete: „Nun ja, das habe ich Koschi auch gefragt. Er meinte, manchmal könne man den Eindruck haben, einige Menschen wüssten es selbst nicht. Er sagte, viele Familien schienen das Wesentliche von Weihnachten zu vergessen. Eigentlich sei es das Fest der Liebe und der Harmonie. Die Menschen haben dazu auch eine Geschichte, aber die habe ich nicht so wirklich verstanden. Das ist für einen Holzwurm sehr schwierig. Aber bei Koschi war Weihnachten wunderschön.“

Michaela rief: „Oh, ein Fest der Liebe und der Harmonie! Das hört sich schön an. Was macht man da?“ Hans antwortete: „Zusammen sein, Zeit für die anderen haben, Musik machen, singen...“ Karl unterbrach: „Aber das machen wir doch immer, jeden Tag. Wir sind zusammen, haben Zeit füreinander, machen Musik wenn wir es möchten, singen. Was ist an Weihnachten anders?“ „Wisst ihr“, versuchte Hans zu erklären, „zu Weihnachten werden auch Geschenke geschenkt. Die bringt der Weihnachtsmann. Ich habe Bilder gesehen, auf denen er einen dicken Sack trug und auf einem Schlitten durch die dunkle Nacht flog. Er soll auf den Häusern der Menschen landen und dann heimlich Geschenke verteilen. Die meisten Kinder schreiben vor dem Fest Wunschzettel. Das ist eine Art Liste mit Wünschen. Und manchmal, mit etwas Glück, erfüllt sie der Weihnachtsmann sogar.“

Johanna klatschte in die Hände: „Ein Weihnachtsmann! Kommt der dann auch zu uns? Und dürfen wir auch einen Wunschzettel schreiben?“ Karl rief hastig: „Oh ja, das mache ich!“ „Ich auch“ – „Ich auch“ – „Meine Liste wird ganz schön lang!“ – „Ich fange heute damit an!“ Hans hob die rechte Hand und es wurde wieder still: „Okay, dann werde ich mir etwas überlegen. Unseren Aufenthaltsraum, in dem wir Weihnachten feiern, werden wir ein wenig schmücken. Mit einem kleinen Bäumchen mit glitzernden Kugeln und Lametta daran, mit Lichtern...“ Willi unterbrach ihn: „Wie willst du denn einen ganzen Baum in unsere kleine Behausung bringen? Der passt doch gar nicht rein.“ Ludwig stimmte zu: „Ja, genau! Und wer könnte den überhaupt tragen und hierher schleppen?“

Friedel gab zu bedenken: „Wir müssen dabei selbstverständlich die Sicherheitsvorschriften beachten.“ Hans blickte in die Runde: „Natürlich keinen ganzen Baum! Den könnten wir gar nicht tragen. In der Größe angepasst muss er sein. Ich werde mir Gedanken machen, mich um alles kümmern und entsprechend organisieren. Vorausgesetzt, ihr seid bereit mitzuhelfen und Friedel gibt sein Okay.“

Jubel brach aus und natürlich wollten alle das Fest der Liebe und Harmonie feiern. So etwas hatte es in der Kolonie noch nie gegeben. Ein echtes Weihnachtsfest, vielleicht sogar mit Geschenken. In den kommenden Tagen war Hans damit beschäftigt, einen Plan zu erarbeiten. Er wollte mehr Bäume als nur einen aufstellen, diese schön geschmückt haben und das Holzwurmorchester sollte Weihnachtslieder spielen.

Weil er die Dinge, die er vorhatte, nicht alleine erledigen konnte, musste die gesamte Kolonie mit anpacken. Manche waren verantwortlich dafür, dass kleine Babytannenzweige herbeigeholt wurden, die als Baum dienen sollten. Andere mussten den Schmuck dafür besorgen. Draußen in der Kälte. Auf den Wegen und am Rand danach suchen und aufsammeln, anschließend sauber machen und ins Lager bringen.

In der holzwurmeigenen Entwicklungsabteilung, in der nach Verbesserungen und Erleichterungen des Lebens geforscht wurde, sollten extra Lampen gebaut werden – natürlich mit Endlos-Akku wie ihn der Kopfhörer hatte. Einige Holzwürmerinnen meldeten sich freiwillig für die Herstellung gebackener Leckereien wie gerösteten Zedernstückchen. Und Paula, Paula durfte für Hans eine rote Hose, eine rote Mütze mit weißem Rand, eine rote Jacke mit weißem Kragen und einen großen Sack nähen. Na ja, was halt für einen Holzwurm groß war. Dazu einen weißen Bart, den er mit Hilfe eines Gummibands, das um seinen Kopf reichen sollte, unter dem Mund platzieren wollte. Schwarze Stiefel gab es bei Holzwürmern nicht, aber die Sportschuhe wären bestimmt prima. Das würde eine Überraschung werden!

Der Weihnachtsmann passte ja leider nicht in einen Baumstumpf, um Geschenke vorbeizubringen. Also wollte er, Hans, das selbst in die Hand nehmen. Davon durfte Paula nichts verraten, denn es sollte für die anderen ein Geheimnis bleiben. Die Arbeit zum Auflösen des Baumstumpfs zu Staub ruhte in dieser Zeit, weil jeder für die Vorbereitungen gebraucht wurde und seine Aufgabe bekam.

In eine Box mit Schlitz, die Hans eigens in der Werkstatt fertigen ließ, warfen die Holzwürmer und Holzwürmerinnen ihre aufgeschriebenen Wünsche ein und warteten gespannt darauf, ob sie erfüllt werden würden. 23. Dezember, der Tag vor dem Fest. Heute sollte der Raum geschmückt werden. Die Tannenzweige wurden aufgestellt und Hans höchstpersönlich hatte für jede Spitze in absoluter Feinarbeit eine hölzerne Sternschnuppe ausgesägt und sie anschließend mit essbarer Bioleuchtfarbe gelb angemalt. So strahlten sie sogar, wenn der Raum fast dunkel war. Als Christbaumkugeln wurden Samen von Walderdbeeren aufgehängt und hier und da konnte man eine vertrocknete Heidelbeere entdecken. An jedem Zweig leuchteten bis zu zwanzig Lampen in den verschiedensten Farben - die Entwicklungsabteilung hatte gute und schnelle Arbeit geleistet –, es sah alles wunderschön aus. Noch einmal schlafen, dann würde es soweit sein.

Endlich, 24. Dezember, der Tag des Festes. Tagsüber noch die letzten Kleinigkeiten erledigen und am Abend sollte das erste Weihnachten in der Holzwurmkolonie gefeiert werden. Irgendwie verging die Zeit bis dahin unglaublich langsam. Kein Holzwurm und keine Holzwurmin hatten dafür eine Erklärung. Die Spannung stieg mit jedem Augenblick, mit jedem Atemzug. Während kurz vor der Bescherung das Orchester unter der Leitung von Hans ein letztes Mal übte und ein extra für den Abend komponiertes Weihnachtslied probte, schlichen sich einige junge Holzwürmer heimlich in den Aufenthaltsraum.

Tags zuvor, als die saftig frischen Zweige aufgestellt wurden, war ihnen bereits das Wasser in den Mündern zusammengelaufen. Noch nie hatten sie solch frisches Holz gesehen, gerochen oder gar geschmeckt. Bisher mussten sie immer nur an und in alten Baumstümpfen ihre Arbeit verrichten. Meist war das Holz trocken, teilweise modrig dazu, ekelhaft im Geschmack. Doch Holzwürmer erledigen ihre Aufgaben diszipliniert, ohne wenn und aber. Gewissenhaft noch dazu. Schließlich waren sie verantwortlich dafür, dass es im Wald ordentlicher aussah. Das ganze Leben lang hart gegen sich selbst! Normalerweise. Aber jetzt? Dieser unwiderstehliche Duft der frischen Zweige, der überall in der Luft hing und unaufhaltsam rief. Der nachdrücklich darum bat, gefressen zu werden. Sich in Nase und Ohren bohrte und sich dort einnistete.

Minütlich riefen die Zweige intensiver und lauter – nicht wirklich natürlich - und irgendwann war der Widerstand der jungen Kerle gebrochen. Nichts anderes hatten sie in ihren Köpfen, als das saftige Holz zwischen ihren Zähnen zu zerkauen und auf den Zungen zu schmecken. Die ganze Nacht hatten sie verschiedene Pläne geschmiedet und warteten auf eine günstige Gelegenheit. Natürlich waren die Zweige speziell für diesen Abend geholt und aufgestellt worden.

Und ja, ohne die kleinen Bäumchen würde die Bescherung bestimmt nicht so schön sein. Aber das interessierte die jungen Holzwürmer in Gedanken nicht mehr. Sie wollten sich über all das hinwegsetzen. So kam es, dass die Burschen sich nach drüben schlichen. Mit großen Augen betrachteten sie den Raum, der bunt geschmückt einem wahren Wunderwerk glich.

Durch ihre Nasen sogen sie den frischen, verführerischen Duft der jungen Zweige. So standen sie mit geschlossenen Augen davor und träumten davon, erstmalig in ihrem jungen Leben von diesem zarten Holz gegessen zu haben. Julian, einer der jungen Holzwürmer, ergriff das Wort: „Es ist spät genug, wir sollten zurück. Nicht, dass uns jemand sieht und glaubt, wir wollten die Bäumchen wirklich essen.“ Die anderen nickten, drehten sich um und schlichen wieder hinaus.

Ein Holzwurm – und sei er noch so jung – würde niemals etwas tun, was der Gemeinschaft schaden könnte. Darüber reden oder so tun als ob, im Spiel sozusagen, klar. Wer machte das nicht? Gerade rechtzeitig waren sie wieder verschwunden, denn das Orchester hatte die Probe beendet. Hans war zu Paula gegangen, um in die frisch genähte Kleidung zu schlüpfen. Wäre er größer und dicker gewesen, möglicherweise hätte er eine gewisse Ähnlichkeit mit dem richtigen Weihnachtsmann gehabt. Die Geschenke, um die er sich in den vergangenen Tagen gekümmert und in dem großen kleinen Sack verstaut hatte, wollte er unter die Tannenzweige legen.

Bunt eingepackt waren sie, mit Schleifen und schönem Papier. Hans wuchtete sich das alles auf den Rücken und quälte sich unter der schweren Last in den Aufenthaltsraum. Als er den Sack öffnete, um das erste Geschenk herauszunehmen, zuckte er kurz zusammen. Das waren nicht die Geschenke, die er besorgt hatte. Sie waren anders verpackt, viel schöner, bunter, leuchtender. Und obendrauf, da lag ein Zettel. Hans holte ihn heraus und faltete ihn vorsichtig auseinander.

Darauf stand zu lesen: „Lieber Holzwurm Hans, es ist schön, dass du das Weihnachtsfest auch in deine Kolonie gebracht hast, darüber freue ich mich sehr. Du musst nicht meinen, nur weil ich so groß bin und nicht in euren Baumstamm passe, hätte ich keine Möglichkeit die Geschenke zu bringen. Bitte verzeih mir, dass ich sie ausgetauscht habe. Aber ich dachte, dass es schöner ist, sich nicht gegenseitig zu beschenken sondern diese auf wundersame Art und Weise zu erhalten. Das mache ich seit vielen, vielen Jahren so. Ich denke übrigens, einige Menschen könnten sich von euch Holzwürmern eine Scheibe abschneiden. Und wenn ihr euch ein wenig mit der Geschichte zu Weihnachten beschäftigt, werdet auch ihr sie verstehen, da bin ich sicher. Fröhliche Weihnachten euch allen, hohoho!“

Wie versteinert stand Hans da und hielt den geheimnisvollen Zettel in der Hand. Schließlich legte er ihn zurück in den großen kleinen Sack und drehte sich langsam hin und her in alle Richtungen. Er glaubte etwas zu sehen. Er wusste nicht was es war oder wie es aussah. Aber irgendwie glaubte er, es sei überall im Raum... So legte Hans den großen kleinen Sack mit den geheimnisvoll verpackten Geschenken und dem kleinen Zettel ab. Leise und behutsam ging er hinüber zum feinen Glöckchen, das er zuvor unter einem der Bäumchen abgelegt hatte, und läutete damit zart und sanft.

Die anderen Holzwürmer, die bereits seit einer ganzen Weile neugierig und wie gefesselt vor dem Aufenthaltsraum standen und hypnotisierend ungeduldig in Richtung Tür starrten, fingen die leisen Töne mit ihren empfindlichen Ohren auf. Sie konnten es nicht erwarten, eingelassen zu werden. Endlich öffnete Hans feierlich die Tür zum Aufenthaltsraum und bat die Kolonie herein. Aufgeregt, dennoch vorsichtig und langsam, betraten die Holzwürmer und Holzwürmerinnen den Raum, der ihnen völlig fremd vorkam.

Auf wundersame Weise hatte er sich zu einem unvergleichlich schönen Festsaal verwandelt. Und zum bunten Leuchten der vielen Lichterketten an den Zweigen kam nun das Strahlen der vielen Augenpaare hinzu. Niemand hätte sagen können, was das Licht mehr reflektierte: Die Kugeln und die hölzernen Sternschnuppen, die mit der Leuchtfarbe gestrichen waren, oder die Augen der Bewohner des Baumstumpfs. Von überall wurde das wenige Licht zurückgeworfen und zauberte eine unbeschreiblich schöne Atmosphäre. Das Holzwurmorchester nahm auf Zeichen von Hans Aufstellung. Kurz darauf ertönten verschiedene Weihnachtslieder, die feierlich und gefühlvoll durch die Rinde des Baumstumpfs hinaus in den Wald drangen.

Im Innern selbst gab es keinen einzigen Zuhörer. Denn alle Holzwürmer der Kolonie waren Bestandteil des Orchesters – auch die jungen Burschen, die bei der letzten Probe nicht dabei gewesen waren. Draußen allerdings versammelten sich die verschiedensten Tiere und erfreuten sich an den schönen Klängen. Schließlich war es Zeit für die Geschenke. Hans griff in seinen großen kleinen Sack und holte das erste Kästchen heraus. Bevor er schauen konnte, für wen es war, hatte er es bereits übergeben. So ging es mit allen Geschenken. In Windeseile waren sie verteilt. Hans wunderte sich ein wenig darüber, glaubte aber für sich eine Erklärung zu haben.

Beim Öffnen der Kästchen jubelte jeder einzelne Holzwurm, weil er seinen persönlich aufgeschriebenen Wunsch vom Wunschzettel darin vorfand. Jeder. Und seltsamerweise hatten alle Holzwürmer dasselbe auf ihren Wunschzettel geschrieben: „Ein frisches, lecker duftendes Stück Holz, Samen der Walderdbeere, eine getrocknete Heidelbeere.“ Niemand in der Kolonie wünschte sich etwas anderes. Als die Holzwürmer und Holzwürmerinnen sich am Tisch niedergelassen hatten, beugte sich Willi, der direkt gegenüber von Hans saß, nach vorne und sagte: „Da hattest du eine tolle Idee! Weihnachten ist richtig schön, auch für Holzwürmer. Was jetzt noch fehlt, wäre eine deiner Geschichten!“

Hans sah ihn an und grinste: „So, eine Geschichte willst du hören? Kann ich dir auch etwas erzählen, was ich erlebt habe?“ Jubel brach aus, alle freuten sich und klatschten. Hans begann: „Weihnachten ist ein ganz besonderes Fest. Ein Fest, an dem die tollsten Dinge passieren können. Sogar bei uns Holzwürmern.“ Er sah in die Runde und nickte. Dann begann er zu erzählen und er erzählte und erzählte.

Auch von dem Zettel, der auf den Geschenken gelegen hatte und dass diese beim Verteilen wie von selbst seine Hand führten und sich daraus lösten... Das also war das erste Weihnachten der Holzwurmkolonie. Alle waren zusammen, hatten Zeit für die anderen, machten Musik, sangen. Eigentlich ein Tag wie jeder andere bei den Holzwürmern. Und doch anders. Denn es hing etwas Heimliches in der Luft und schwebte spürbar im Raum herum: Dankbarkeit, Liebe und Harmonie. Ganz viel. Überall. Außerdem gab es Geschenke. Kleine Geschenke. Klitzeklein. Und doch machten sie glücklich. Sehr glücklich. So sollte Weihnachten sein! Zum Glück hatten die Holzwürmer verstanden...

ENDE

++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

DER AUTOR

Wolfgang Lambrecht, in Fulda geboren, lebt als Schriftsteller in Neuhof. Sein erstes Buch erschien 2006, seit 2009 ist er im Beruf des Schriftstellers und hat inzwischen 10 Bücher veröffentlicht, die allesamt im Michael Imhof Verlag, Petersberg, verlegt werden. Bereits mit seinem ersten Buch „Herr Bombelmann“ begann Wolfgang Lambrecht in Grundschulen im Rahmen der Förderung der Lesekompetenz zu lesen. Was ursprünglich nur für die heimische Region gedacht war, weitete sich schnell bundesweit aus. So hat Lambrecht bereits über 1.300 Grundschulen quer durch die Republik besucht, ist gern gesehener Gast und viele Schulen arbeiten mit seinen Büchern und den dazugehörenden Materialien im Unterricht. Neben den Büchern und dem Unterrichtsmaterial gibt es Rätselhefte, ein Hörbuch und auch eine Musik-CD, Postkarten, Sticker und Poster. Für sein neuestes Werk „Der Holzwurm Hans“ entsteht zurzeit ein animiertes Musik-Video durch Patrick Romanowski zum Song „Ich bin der Holzwurm Hans“. Diesen komponierte, schrieb und singt Konstantin Enders.

DER ILLUSTRATOR

Patrick Romanowski, 1978 in Fulda geboren, lebt mit seiner Frau Jenny und seinen beiden Söhnen Thore und Leif im Nüsttal. Er ist hauptberuflich Angestellter (Grafik und Vertrieb), aber schon seit vielen Jahren nebenbei selbstständiger Illustrator (www.pr-illustrations.de). Im Laufe der Zeit lernten seine Bilder auch das Laufen, und es gesellten sich zur Illustration noch Zeichentrick, Motion Graphics und 3D-Modellierung hinzu. Schon immer war er ein großer Disney-Fan, und so verwundert es nicht, das er mittlerweile hauptsächlich für Kinderbücher illustriert. Aktuell arbeitet er am Zeichentrick-Musikvideo zu „Ich bin der Holzwurm Hans“ und an den Illustrationen des zweiten Teils der englischsprachigen Kinderbuchserie „Afro-Kid“.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

3,3 Mio. Euro für Nahmobilität und ÖPNV in Fulda

Attraktiver öffentlicher Nahverkehr, sowie gute, sichere Fuß- und Radwege sollen entstehen.
3,3 Mio. Euro für Nahmobilität und ÖPNV in Fulda

Großbrände in Kohlhaus und Hünfeld: Keine Anhaltspunkte auf vorsätzliche Brandstiftung

Kripo Fulda äußert sich zum aktuellen Stand der Ermittlungen
Großbrände in Kohlhaus und Hünfeld: Keine Anhaltspunkte auf vorsätzliche Brandstiftung

"Rhöner Heimat Griller" holen zweiten Platz bei virtueller Deutscher Grill- und BBQ-Meisterschaft

"GBA Hotspot Wettbewerb": Gleichzeitig an sieben Orten
"Rhöner Heimat Griller" holen zweiten Platz bei virtueller Deutscher Grill- und BBQ-Meisterschaft

Brand in Lauterbacher Sägewerk: 300.000 Euro Schaden

Schwelbrand an Maschine breitet sich in Halle aus 
Brand in Lauterbacher Sägewerk: 300.000 Euro Schaden

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.