Würth-Entführung: Im Januar kam der Durchbruch

1 von 4
Pressekonferenz am Donnerstagvormittag in Fulda: Polizeisprecher Christian Stahl, Kriminaloberrat Daniel Muth (Leiter der „Soko Hof“), der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger und sein Kollege Oberstaatsanwalt Frank Späth (von links).
2 von 4
Lenz
3 von 4
Lenz
4 von 4
Lenz

Zeugin brachte Polizei und Staatsanwaltschaft auf die Spur des mutmaßlichen Täters / Verdächtiger schweigt zu Vorwürfen / Zweiter Erpressungsversuch 

Fulda - Markus Würth, der damals 50-jährige Sohn von Reinhold Würth, Inhaber der gleichnamigen Schrauben-Dynastie aus dem schwäbischen Künzelsau, war am 17. Juni 2015 vom Gelände der Behinderteneinrichtung des „Hofgutes Sassen“ bei Schlitz verschleppt worden, in dem er seit rund 30 Jahren wegen eines Impfschadens mit einem Handicap lebte. Nach umfangreichen Ermittlungen der Kriminalpolizei und der Staatsanwaltschaft befreite eine Eliteeinheit der Polizei den Entführten wohlbehalten in einem Waldgebiet des Guttenberger Forstes in Höchberg bei Würzburg. Die Übergabe des Lösegeldes in Höhe von drei Millionen Euro war damals gescheitert. 

Am Mittwoch konnten „Staatsanwaltschaft Gießen“ und „Polizeipräsidium Osthessen“ die überraschende Mitteilung verkünden, dass der mutmaßliche Entführer in Offenbach gefasst worden sei. Es handele sich um einen 48 Jahre alten serbisch-montenegrinischen Staatsangehörigen, der verheiratet ist und zwei Kinder hat. Nach seiner Festnahme durchsuchten Beamte der seit 2015 bei der „Kriminaldirektion des Polizeipräsidiums Osthessen“ bestehenden „Sonderkommission (Soko) Hof“ die Wohnung des Mannes nach Beweismitteln. Der Beschuldigte wurde unterdessen zum Polizeipräsidium Osthessen nach Fulda gebracht und dort polizeilich vernommen. Die Staatsanwaltschaft hatte beim Gießener Amtsgericht gegen den Mann Untersuchungshaft wegen des dringenden Tatverdachts des erpresserischen Menschenraubes und Fluchtgefahr beantragt. Der Ermittlungsrichter setzte den Haftbefehl in Vollzug. Der Beschuldigte befindet sich in Gießen in der JVA.

Wie am Donnerstagvormittag bei einer Pressekonferenz weiter ausgeführt wurde, schweige der Beschuldigte bislang zum konkreten Tatvorwurf, „quatsche ansonsten aber ausdauernd“. Der Durchbruch war im Januar 2018 durch den Hinweis einer Frau gekommen, bei der der 48-Jährige, der als Aushilfs-Handwerker tätig ist, Arbeiten ausgeführt hatte. Die Zeugin war durch ein Fahndungsplakat auf den Fall aufmerksam geworden und hatte dann "aus Langeweile" die Hotline mit einer Stimmaufzeichnung des Entführers angerufen.

Sowohl „Soko“-Leiter Kriminaloberrat Daniel Muth als auch der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger verwiesen auf die sehr umfangreiche öffentliche Fahndung, unter anderem mit Plakaten. Wichtigste Spur war eine Tonbandaufzeichnung mit der Stimme des Erpressers. Sprachwissenschaftler von Bundeskriminalamt und Uni Marburg hatten die gesprochenen Worte, sprachliche Eigenheiten sowie den Akzent analysiert und darauf aufbauend gemeinsam mit den Strafverfolgungsbehörden ein Täterprofil erstellt, das sich letztendlich als 100prozentig richtig erwies.

Erneute Erpressung

Bekannt wurde am Donnerstag auch, dass die Unternehmerfamilie Würth im April 2017 erneut bedroht worden sei. Der mutmaßliche Täter habe 70 Millionen in der so genannten Kryptowährung gefordert. Die Erpressung habe sich über verschlüsselten E-Mail-Verkehr eine geraume Zeit hingezogen; es sei nicht gelungen, die Kommunikation zu „knacken“. Der Verfasser habe in den Mails zahlreiche Details über den Entführungsfall aus dem Jahr 2015 verraten, so dass die von Anfang an eingeschalteten Strafverfolgungsbehörden annahmen, dass es sich bei dem Verfasser der Mails um einen einst Tatbeteiligten handeln musste. Zu der in den Textnachrichten angekündigten Entführung kam es genauso wenig wie zur Zahlung einer Geldsumme. Im Sommer 2017 endete der E-Mail-Kontakt.

Die weiteren Ermittlungen werden nun unter anderem zeigen müssen, ob der bislang nicht vorbestrafte 48-Jährige einen Komplizen hatte, wie die Tat genau ablief und ob der mutmaßliche Täter einen Bezug zur Einrichtung in Sassen hatte. "Soko"-Leiter Muth jedenfalls zeigte sich abschließend erleichtert darüber, dass sich der Aufwand gelohnt habe. Immerhin seien 60 Millionen Datensätze ausgewertet worden.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Auftakt zur Deutschen Bischofskonferenz in Fulda

Im Mittelpunkt der Beratungen steht bis Donnerstag eine Studie zum Sexuellen Missbrauch
Auftakt zur Deutschen Bischofskonferenz in Fulda

Sturmopfer: Feuerwehr versorgt gestrandete Reisende im Bahnhof Bad Salzschlirf

Regionalbahn war zwischen Lauterbach und Bad Salzschlirf mit einem auf die Gleise gestürzten Baum kollidiert
Sturmopfer: Feuerwehr versorgt gestrandete Reisende im Bahnhof Bad Salzschlirf

In Dietges: Hessens höchst gelegener Notarztstandort eingeweiht 

Malteser waren bislang in einer Behelfsunterkunft zu Hause / Zuständig für die Hessische, Bayrische und Thüringische Rhön
In Dietges: Hessens höchst gelegener Notarztstandort eingeweiht 

Gründerpreis: Mehrere osthessische Unternehmen im Finale am 7. November 

Gleich drei Finalisten kommen aus Fulda und erhoffen sich Erfolg im RheinMain CongressCenter Wiesbaden    
Gründerpreis: Mehrere osthessische Unternehmen im Finale am 7. November 

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.