Fulda. Fuldas Homosexuelle kämpfen um Normalität.

Fulda. Die Vorurteile scheinen mehr und mehr zu brckeln. Auf jeden Fall drften sich Lesben, Schwule und mit ihnen alle aufgekl

Fulda. Die Vorurteile scheinen mehr und mehr zu brckeln. Auf jeden Fall drften sich Lesben, Schwule und mit ihnen alle aufgeklrten Brger in diesem Lande gefreut haben, als sich vor kurzem die Moderatorin Anne Will mutig und offen zu ihrer gleichgeschlechtlichen Liebe und Lebensgefhrtin Miriam Meckel bekannte. Beide blitzgescheite und humorvolle Frauen, Sympathietrgerinnen par excellence, die so gar nicht in die dmlichen Klischees von brstenkpfigen und verbiesterten Kampf-Lesben pas

Auch das Leben von Schwulen scheint sich zumindest in Grostdten zunehmend zu normalisieren, seit sich u.a. die Brgermeister von Paris, Hamburg und Berlin mit ihrer Homosexualitt outeten. Und das ist gut so, um Berlins Regierungschef Klaus Wowereit zu zitieren.

Vorurteile brckeln

Doch wre Anne Will die gleiche Karriere gelungen, wenn sie sich vor 15 Jahren zu ihren Gefhlen bekannt htte? Wre die Toleranz bei einer lesbischen Lehrerin in einem Rhner Dorf genauso gro wie bei einer prominenten Journalistin in Berlin? Fulda Aktuell sprach mit Vertretern der SchwuLesBischen Organisation Fulda e.V. ber die Situation der gleichgeschlechtlich Liebenden vor Ort, ber nach wie vor vorhandene versteck-te Anfeindungen und Diffamierungen, ber deren Leben in der Unaufflligkeit und Anonymitt, ber Enttuschungen bei Eltern und Ablehnung durch Bekannte, ber Diskriminierung in der Gesellschaft und Auswirkungen im Berufsleben.

Ich wrde gerne sagen, dass all diese ngste unbegrndet sind, aber dem ist leider noch nicht so, sagt Semjon Wendrich, einer der vier Vorstnde der SchwuLesBischen Organisation. Und Vorstandsmitglied Ulrike Koblenzer ergnzt: Es muss noch viel passieren, vor allem bei politischen und kirchlichen Einrichtungen, auf Fortbildungs- und Aufklrungsveranstaltungen, im Rahmen von Info-Kampagnen in Schulen und Altenzentren, um gleichgeschlechtliche Lebens- und Liebesweisen in der Region zu normalisieren.

Wendrich schtzt die Zahl der Homosexuellen in Fulda auf 5 bis 8 Prozent, Koblenzer glaubt, dass es so um die 6000 sind. Sich zum Schwulsein zu bekennen, ist fast schon in. Lesben hingegen sind diesbezglich unaufflliger und doch eher zurckhaltend.

Auch in der Fuldaer Gruppe ist das Geschlechter-Verhltnis eindeutig: Rund 50 Schwule und nur vier Lesben (auch aus den umliegenden Ortschaften der Rhn und des Vogelsberges) kommen zu den regelmigen Treffs in das Vereinsheim in der Knzeller Strae 15. Man sollte meinen, da wir doch alle irgendwie im selben Boot sitzen, dass wir besser verbrdert und verschwestert sein mssten das ist so aber leider nicht der Fall, sagt Wendrich, der den Wunsch mit einem eindringlichen Appell verbindet, dass sich doch wieder mehr Lesben verstrkt in unserem Verein engagieren.

Nach Leistung beurteilen

Wir wollen und mssen deutlich machen, dass es immer noch nicht selbstverstndlich ist, dass die Gesellschaft die Menschen so annimmt, wie sie nun mal sind, sie nach ihren Leistungen und nicht nach sexuellen Neigungen beurteilt. Das eine hat mit dem anderen berhaupt nichts zu tun, sagt Ulrike Koblenzer, die sich als kittendes Element in der SchwuLesbischenOrganisation sieht. Fr mich gibt es das Wort Vorurteil in meinem Sprachschatz berhaupt nicht, so die 52-jhrige Frhrentnerin und bekennende Heterosexuelle.

Gleichwohl sind Vorurteile in der brgerlichen Gesellschaft nach wie vor vorhanden. Wendrich berichtet von einem Fall aus dem doch eher liberal strukturierten Frankfurt, wo eine kirchliche Einrichtung einer Angestellten kndigte, weil die sich offen zu einer lesbischen Verpartnerung bekannte. Koblenzer wei von einem 16-Jhrigen, der zu Hause rausgeflogen ist, als er sich als homosexuell outete. In einem weiteren Fall habe ein Vater seinen Jungen nach dessen Offenbarung vom Arzt ber den Pfarrer bis hin zum Psychologen geschickt, weil er meinte, so etwas sei heilbar.

Coming out ein Kraftakt

Grundstzlich sei ein Coming out ein Kraftakt vor sich selbst, vor Eltern und Bekannten, sagt Wendrich, der sich im Alter von 18 Jahren zuerst einem Freund und dann der Familie offenbarte. Ich hatte Glck mit meinen Eltern, sie haben es mir leicht gemacht. Meine Mutter sagte: Schade fr die Frauen. Mein Vater meinte: Dann kriege ich halt keine Enkel.

Doch nicht bei allen luft das Outing so problemlos ab wie bei dem 35-jhrigen Krankenpfleger. Das ist fr mich Hauptmotivation fr mein persnliches Engagement und fr den Verein die primre Funktion: Vor allem jungen homosexuellen Frauen und Mnnern Mut zu machen und ihnen Untersttzung und eine Anlaufstelle zu bieten, wenn sie beispielsweise neu sind in Fulda oder Probleme haben.Damit sie sich nicht in der Anonymitt verstecken, ein heterosexuelles Pseudoleben fhren oder in einschlgigen Schmuddel-Ecken treffen mssen, wie beispielsweise auf ffentlichen Toiletten und in Parkanlagen.

Kleines Jubilum

Am 15. Dezember feiert die SchwuLesBische Organisation um 19 Uhr in den Vereinsrumen in der Knzeller Strae ihr 15-jhriges Bestehen in Fulda. Eingeladen zu diesem kleinen Jubilum wurden im Prinzip alle vor Ort relevanten gesellschaftlichen und politischen Gruppierungen, ihre Zusage gegeben haben bis dato nur wenige. Man nimmt uns nach wie vor kaum zur Kenntnis, so dass wir fast ausschlielich auf die Untersttzung durch die wenigen Spenden und geringen Mitgliedsbeitrge angewiesen sind. Ein wenig mehr Anerkennung unserer Arbeit wrde uns schon gut tun und manchem gut zu Gesicht stehen, sagen Ulrike Koblenzer und Semjon Wendrich.

Aber vielleicht haben Anne Will und andere Prominente mit ihren Gestndnissen diesbezglich ja auch einiges auf den Weg gebracht... (ehr)

+++HINTERGRUND +++

Beratungsorganisation SchwuLesBische

Die SchwuLesBische Organisation Fulda e.V. wurde 1992 als Beratungsinitiative und Schwulenorganisation Fulda e.V. (kurz BiSchOF e.V.) gegrndet. Im Oktober 1997 wurde der Name gendert. Ziel des Vereins ist es, Schwule, Lesben und Bisexuelle bei deren Coming-Out zu untersttzen und in der ffentlichkeit eine grere Akzeptanz gegenber Homosexualitt und Bisexualitt zu erzielen. ISeit einigen Monaten findet im Regenbogentreff in unregelmigen Abstnden ein Transenstammtisch statt. Zudem besteht momentan ein starkes Interesse an der Grndung einer Jugendgruppe. Die SchwuLesBische Organisation engagiert sich fr ein attraktives Angebot an Informations- und Beratungs- Mglichkeiten sowie Freizeitgestaltungen. So wurden in der Vergangenheit regelmig Aktionen durchgefhrt, SchwuLesBische Feten erst an der Hochschule, dann im Kulturkeller und zuletzt im Regenbogentreff veranstaltet. Politisch tritt sie engagiert fr die Rechte der Schwulen und Lesben ein. So wurden in den vergangenen Jahren u.a. Mahnwachen, Demos, ein Christopher Street Day, politische Treffen mit Parteien und Brgermeistern durchgefhrt. Auerdem ist der Verein Mitglied im Schwulen Landesverband Hessen (SLH). Weitere Infos gibt es unter www.schwulesbi-fulda.de, Telefon/Fax 0661/90 14 447, oder im Vereinsheim der Organisation in der Knzeller Strae 15 in Fulda.

+++ Aktuell & Kurz +++

Berhmte Frauen, die Frauen lieben

Laut tz listet das Internetmagazin Frauennews.de (mit Stand 2003) u.a. folgende prominente lesbische oder bisexuelle Frauen auf: Joan Baez (Musikerin), Josephine Baker (Sngerin), Simone de Beauvoir (Schriftstellerin), Sandra Bernhardt (Comic-Zeichnerin), Chelsea Bono (Tochter von Cher), Joan Crawford (Schauspielerin), Marlene Dietrich (Schauspielerin), Elisabeth I. von England, Knigin), Melissa Etheridge (Rocksngerin), Jodie Foster, Greta Garbo, Judy Garland, Therese Giehse (alle Schauspielerinnen), Radclyffe Hall (Schriftstellerin), Katharina Hepburn (Schauspielerin), Kthe Kollwitz (Bildhauerin), Martina Navratilova, Jana Novotna (Tennisspielerinnen), Edith Piaf (Sngerin), Eleanor Roosevelt (Prsidentengattin), Jil Sander (Designerin), Dusty Springfield (Sngerin) und Virginia Woolf (Schriftstellerin). Berhmte Lesben im deutschen Fernsehen sind die Tat-ort-Kommissarin Ulrike Folkerts (46), das lesbische Vorzeige-Paar Hella von Sinnen (48) und Cornelia Scheel (47), Tochter von Ex-Bundesprsident Walter Scheel, sowie die zwangsweise und ziemlich bel von Harald Schmidt geoutete WDR-Moderatorin Bettina Bttinger. Zuletzt zeigte sich auch die hessische Kultusministerin Karin Wolff mit einer Lebenspartnerin in der ffentlichkeit.

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