Fuldas OB: „Das Vertrauen nicht enttäuschen“

Redaktionsgespräch unter Corona-Bedingungen im Fuldaer Stadtschloss: Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld, „Fulda aktuell“-Verlagsleiter Michael Schwabe und „Fulda aktuell“-Redaktionsleiter Bertram Lenz von links).
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Redaktionsgespräch unter Corona-Bedingungen im Fuldaer Stadtschloss: Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld, „Fulda aktuell“-Verlagsleiter Michael Schwabe und „Fulda aktuell“-Redaktionsleiter Bertram Lenz von links).

Ein Gespräch mit dem wiedergewählten Fuldaer Oberbürgermeister Dr. Heiko Wingenfeld

Fulda. Eiligen Schrittes ist Dr. Heiko Wingenfeld an diesem Dienstagmittag Richtung Bahnhof unterwegs. Um 14.10 Uhr soll Fuldas Oberbürgermeister am Vorplatz einen Bodenaufkleber anbringen und damit den Startschuss für eine großangelegte Aktion geben, mit der sich Politik, Wirtschaft und die Kirchen gegen Rassismus und Gewalt wenden. Das Wetter ist – höflich formuliert – mistig, und dennoch findet Wingenfeld für all‘ jene ein paar freundliche Worte, die ihn trotz Maske und Schneeregens erkennen und zu seinem Wahlsieg gratulieren. Den 47-Jährigen freut dies sichtlich, denn der CDU-Mann versteht sich als überparteilich wirkender Politiker, als ein Oberbürgermeister aller Bürger. Rückblick: Es war kurz nach 21 Uhr am Sonntagabend, als alle 101 Wahlbezirke ihre Auszählung beendet und die Stimmen übermittelt hatten.

Dann stand das Ergebnis der Fuldaer Oberbürgermeisterwahl fest: Amtsinhaber Wingenfeld kam auf 64,66 Prozent, sein Herausforderer Jonathan Wulff von der SPD auf 35,34 Prozent. Beide weilten vor Ort im Fürstensaal des Stadtschlosses, wo Journalisten – bestens organisiert zu den derzeit vorgegebenen Corona-Bedingungen – über den Ausgang informiert wurden. Lob für Mitbewerber „Mit dem Ergebnis bin ich hochzufrieden und ich bin dankbar dafür“, formuliert Wingenfeld beim Gespräch mit „Fulda aktuell“ am Dienstag in seinem Dienstzimmer. Er habe ein Resultat „60 plus“ erhofft, so der wiedergewählte OB, der mit Respekt von einem „ernst zu nehmenden und starken Mitbewerber“ spricht. Was seine Partei, die CDU angeht, die sich derzeit auf Bundesebene starker Kritik ausgesetzt sieht, so betont Wingenfeld, dass sich die Unzufriedenheit mit dieser Politik nicht in seinem Ergebnis widerspiegele. „Ich bin nicht abgestraft worden, weil es einen Unterschied gibt zu dem persönlichen Wirken hier vor Ort, wo ganz andere Themen behandelt werden“.

Heiko Wingenfeld und sein Herausforderer Jonathan Wulff am Wahlabend.

Der Wahlkampf unter Corona-Bedingungen sei Kräfte zehrend und lang gewesen, was auch daran gelegen habe, dass es keine „Fünfte Jahreszeit“ gegeben habe. Denn normalerweise sei über Fasching Schonzeit, „und erst danach folgt die heiße Phase“. Er habe alles gegeben, tatkräftig unterstützt von seiner Familie. Seine Philosophie könnte mit dem Begriff „Behutsames Wachstum“ am besten skizziert sein, und der Verwaltungschef gerät ins Schwärmen, wenn er von der großen Wohlfühl- und Lebensqualität spricht, die „seine“ Stadt mit ihrer zentralen Lage besitzt. Sein Hauptaugenmerk wird in den kommenden sechs Jahren natürlich darauf liegen, wie sich die Innenstadt mit ihrem Mix aus Handel, Gastronomie und Kultur nach der Krise weiter entwickelt. Aber auch die Themen Bildung, Digitalisierung, Radwegebau und Wohnen sollen im Fokus bleiben, „zumal wir mit dem Gebäude von ,Galeria Kaufhof‘ mitten in der Stadt über eine großartige Entwicklungschance verfügen. Beispielsweise für die Schaffung von Wohnraum“.

Grund zur Zuversicht biete auch die „Tradition des soliden Haushaltes“: So seien in den vergangenen fünf Jahren ohne fremde Hilfe die Schulden um 50 Prozent abgebaut worden. Sorgen bereiteten ihm unter anderem der Fachkräftemangel, die geringe Anzahl an Unternehmensgründern und der Mangel an Gewerbeflächen. „Da sind noch dicke Bretter zu bohren“, prophezeit der 47-Jährige. Der frühere Erste Beigeordnete des Landkreises Fulda konstatiert, „dass jede Zeit ihre Herausforderungen hat“. Für ihn war es vier Tage nach seinem ersten Amtsantritt 2015 die Flüchtlingskrise, als er gerade im Hamburger Büro der Unternehmensgruppe „Greve“ saß, um sich über die Zukunft des „Löhertors“ auszutauschen. Da erreichte ihn der Anruf aus dem Hessischen Innenministerium, wonach in Fulda eine große Zeltstadt für Flüchtlinge errichtet werden müsse. Doch weil er in seinem Amt „mit voller Leidenschaft“ dabei sei und den Anspruch habe, „stets das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen“, war konkretes und schnelles Handeln angesagt, um die Vorgaben umzusetzen.

Und Corona? Hier wird der 47-Jährige spürbar nachdenklich, wenn er an sein bislang wohl einprägsamstes Erlebnis denkt: Das war im Frühjahr 2020, als ZDF-Mann Andreas Postel über die Zustände in Krankenhäusern im italienischen Bergamo berichtete und sich Wingenfeld die Frage stellte: „Sind wir für so was mit unserem Klinikum gut genug aufgestellt?“ Das sei ein Punkt gewesen, der ihn umgetrieben habe, bekennt der OB und erinnert sich in diesem Zusammenhang an einen Satz seines 90-jährigen Vor-Vor-Vorgängers Dr. Wolfgang Hamberger: „Dieses Amt ist Lust und Last zugleich“. Die Gestaltungsmöglichkeiten seien sehr groß, „doch dann gibt es eben Dinge, die mich umtreiben und die ich abends nicht im Büro lassen kann“. Apropos Klinikum: Hier ist Wingenfeld stolz darauf, dass Fulda über dieses Krankenhaus der Maximalversorgung verfügt, das einen Einzugsbereich mit rund 450.000 Menschen besitzt. Eine wichtige Rolle spiele auch das Herz-Jesu-Krankenhaus.

Deutlich wird im Gespräch mit dem dreifachen Vater auch, dass er sehr viel Wert darauf legt, dass die Bürger Vertrauen haben können. So sei es ihm auch sehr wichtig gewesen, dass die Stadt die Ankündigung von Bund und Ländern habe umsetzen können, ab dem 8. März kostenlose Schnelltests anzubieten. Was an jenem Montag in der Innenstadt zunächst mit der „Bonifatius-Apotheke“ und dem ehemaligen Kleiderladen des „Deutschen Roten Kreuzes“ DRK) Am Rosengarten habe realisiert werden können. „Wir dürfen die Leute nicht enttäuschen“, argumentiert der 47-Jährige, der den verantwortlichen Stellen bei Kreis und Stadt attestiert, sehr gut zusammen zu arbeiten und gut aufgestellt zu sein.

Wenn Wingenfeld die „große Politik“ betrachtet, dann übt er Kritik an der „großen Diskrepanz zwischen Ankündigung und Umsetzung“, wie sie etwa seit Mitte Dezember zu erkennen sei. Er würde dazu raten, im Zweifelsfall lieber vorsichtig zu sein und Dinge erst dann öffentlich zu kommunizieren, wenn die Konzepte auch ausgereift seien. Und er gerät ins Schwärmen, wenn er die „wahnsinnige Errungenschaft der Wissenschaft“ lobt, binnen neun Monaten verschiedene Impfstoffe auf den Markt gebracht zu haben. „Ich persönlich habe damit nicht gerechnet. Das ist grandios“, so der Fuldaer OB. Dies gebe den Bürgerinnen und Bürgern trotz erkennbarer Ermüdungserscheinungen eine „klare Perspektive“. Die Lage sei objektiv besser als sie vielfach subjektiv wahrgenommen werde, betont Wingenfeld, der sich dafür ausspricht, nach Überwinden der Pandemie eine Debatte auch darüber zu führen, ob unser Verhältnis zum Datenschutz möglicherweise nicht ein überzogenes sei.

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