Das Geheimnis des "Rhöner Kartoffelschweins"

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Drei der Hauptakteure beim Projekt "Rhöner Kartoffelschwein": Michael Zimmermann, Stefan Nüchter und Matthias Zentgraf (von links).
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Vielversprechendes Projekt: Aus der Rhön, für die Region / Gesundes Fleisch von gesunden Tieren

Rhön - Zugegeben, als ich den Begriff „Rhöner Kartoffelschwein“ zum ersten Mal hörte, wusste ich damit nichts anzufangen. Das hat sich nach einem dreiviertel Tag in der Rhön grundlegend geändert. Nun weiß ich über die Nahrungs-, Liefer- und Produktionskette Bescheid und über die Motivation, die die Beteiligten bewogen hat, seit ungefähr zwei Jahren bei diesem vielversprechenden Projekt mitzumachen, dessen Wertschöpfung fest in der Region verankert ist.

Und dessen Basis gegenseitiges Vertrauen, eine hohe Verlässlichkeit bei der Preisgestaltung und ein ehrlicher Umgang miteinander sind. Ohne dieses wäre es auch schwer, an einem Strang zu ziehen, um gemeinsam eines zu erreichen: Gesundes Fleisch von gesunden Tieren auf die Teller der Gäste zu bringen. Was aus keiner Massenproduktion stammt und letztendlich beweist, dass es auch anders geht. Das „Rhöner Kartoffelschwein“ ist übrigens auch Mitglied bei der „Dachmarke Rhön“.

Ausgangspunkt der Tour unter Führung von Matthias Zentgraf aus Batten ist der Gasthof „Haunetal“ von Bettina und Michael Zimmermann in Steinhaus. Danach geht es nach Hofbieber zur Ölmühle von Mechthild und Winfried Rehberg, anschließend zu Ferkel-Lieferant Heiko Greis nach Mollartshof, nach einem Abstecher über Batten zum Schlachtbetrieb Lothar Kümpel in Wickers und anschließend zurück nach Steinhaus. Dort kommt dann noch Stefan Nüchter vom Gasthof „Altes Casino“ in Petersberg hinzu, der auch dem – noch kleinen – Verbund angehört. Weil er ebenfalls von der Zielsetzung sehr überzeugt ist.

Eine treffliche Definition für das „Rhöner Kartoffelschwein“ findet sich auf der sehr informativen Homepage www. rhoener-kartoffelschweine.de., auf der sogar auf einen entsprechenden „YouTube“-Film verwiesen wird. Also: „Was hat ein Schwein früher gefressen? Na klar, gedämpfte Kartoffeln vom Acker nebenan! – Und was frisst ein Schwein heute? Soja aus Südamerika, nachdem man dort den Urwald abgeholzt hat!“

Zentgraf, der in Batten unter anderem Kartoffeln direkt vermarktet und Schweine hält und gemeinsam mit Zimmermann die Idee für das Projekt hatte, betont: „Bei uns werden die Schweine wieder mit Kartoffeln gefüttert. Denn erstens fallen die Kartoffeln – als aussortierte Ware – bei uns jede Woche an und zweitens, weil es einfach eine tolle Fleisch- und Speckqualität ergibt“. Und als man einen Namen gesucht habe für diese leider selten gewordene traditionelle Haltung, „da haben wir einfach auf das Lieblingsfutter unserer Schweine geschaut: gedämpfte Kartoffeln“. Und schon hatte es das Licht der Welt erblickt, das „Rhöner Kartoffelschwein“.

Im Gespräch formulieren alle Beteiligten dessen Vorzüge: Das Futter stammt aus der Rhön (Raps-Schrot, Raps-Öl, Getreide), es wird kein Soja verfüttert. Zentgraf: „Die Futterumstellung auf das Raps-Schrot wurde 2016 erfolgreich gemeistert. Es ist zwar nicht so eiweißhaltig wie Soja, aber es kommt aus Deutschland. Die schwarzen Rapskörner werden hier zu Schrot weiter verarbeitet und schmecken den Schweinen sehr gut.“

Gefüttert wird eine Mischung aus Mineralfutter, eine Mischung aus Roggen und Weizen, Gerste und Hafer. Dazu kommt noch Rapsöl von der erwähnten Ölmühle Rehberg in Hofbieber. Dieses Öl liefert die nötige Energie und befeuchtet das Schrot etwas, so dass es nicht mehr staubt. Auch Mechthild Rehberg hat festgestellt, dass die Kunden wieder verstärkt Wert auf nachhaltige Produkte aus der Region legen: „Daher ist unser Öl sehr gefragt. Denn im Vordergrund unseres Handelns stehen Nachhaltigkeit und gute Qualität“. Zudem seien die Transportwege kurz, was Vorteile für die ökologische Produktion mit sich bringe.

Doch zurück zur Fütterung: Wie Zentgraf betont, ist die Futtermischung aus Getreide und gedämpften Kartoffeln morgens und abends identisch. Mittags gebe es eine dritte Mahlzeit, die aber ausschließlich aus Raufutter bestehe. Seine Schweine in Batten betrachtend, erläutert er weiter: „Der Nährwert dieser dritten Mahlzeit ist nicht besonders hoch, der Wert als Beschäftigungs-Material umso höher. Wenn das Futter im Auslauf einfach auf den Boden geworfen wird, sind die Rangkämpfe in der Gruppe besonders gut zu beobachten. Wie bei den Menschen gibt es hier auch Alpha-Tiere, die sich bei der Futtersuche durchsetzen. Zum Glück ist die Box groß genug, so dass alle was abbekommen können“.

Die Schweine würden bei jeder Witterung mit viel Auslauf ins Freie gehalten. Zentgraf: „Die Fläche ist dabei größer als bei der Bio-Haltung. Die Tiere können jederzeit draußen und drinnen auf Stroh liegen“. Es fällt keine Gülle an, sondern nur Festmist. Zudem betont er beim Besuch in Batten, dass pro Mastschwein etwa drei Quadratmeter Platz zur Verfügung stünden – gesetzlich vorgeschrieben sind 0,75 Quadratmeter. Ein weiteres Plus: „Die Ferkel kommen von Heiko Greis aus Mollartshof, und damit gibt es nur einen zehnminütigen Transportweg. Zudem vergehen vom so genannten Einstallen der neuen Ferkel bis zur Schlachtreife sechs Monate – im Gegensatz zu drei Monaten in der Intensiv-Mast“.

Michael Zimmermann ergänzt: „Die Schlachtgewichte liegen letztendlich bei 140 bis 160 Kilogramm anstatt bei 110 Kilogramm in der Intensivmast. Auch darf nicht vergessen werden, dass der Transportweg zum Schlachten gerade einmal fünf Minuten beträgt“. Die traditionelle Haltung sei also viel artgerechter als das, was heute vielfach praktiziert werde.

Ferkel-Lieferant Greis hält in seinem Betrieb gut zwölf Muttersauen. Alle zwei Monate wird der Vieh-Anhänger angespannt, um 18 Ferkel bei ihm abzuholen. Greis hält die Initiative „Rhöner Kartoffelschwein“ und die Netzwerk-Idee für eine gute Sache: „Gerade der Umgang mit Tieren und die Aufzucht machen Freude. Das Ganze ist gut, weil es direkt aus der Region kommt. Alle Beteiligten und letztendlich auch die Endverbraucher wissen, wo sie dran sind, also wo das Fleisch herkommt“. Und weil die Wege gläsern sein sollen, muss nach der Abholung der Ferkel bei einer zentralen Datenbank gemeldet werden, dass Landwirt Zentgraf 18 Tiere von Greis übernommen hat. Dabei verraten schon die Ohrmarken den Betrieb, auf dem die Ferkel geboren wurden.

Wie sieht nun der Transport zu Metzgermeister Kümpel in Wickers aus? Für die Tiere läuft das Ganze so ab: Erst gibt es etwas zu fressen für alle, damit sind alle abgelenkt. Die drei Schweine, die immer montags verladen werden, bekommen noch einen Tätowier-Stempel. Das ist die sechsstellige Betriebsnummer, die mit einem kurzen Schlag auf die Schulter der Schweine eintätowiert wird. Der Stempel muss auch nach dem Schlachten noch erkennbar sein, damit ein Herkunftsnachweis jederzeit möglich ist.

Zentgraf: „Es muss zu 100 Prozent sicher gestellt sein, dass unser Fleisch auch bei unseren Kunden landet!“ Danach werden die Tiere mit Treib-Brettern von den anderen getrennt und in den Auslauf des Stalls gesperrt. Und das ohne Stress für alle Beteiligten. Weil der Hänger groß genug ist und sich die Schweine auch an diese Umgebung erst gewöhnen müssen, bleiben die Tiere meist eine halbe Stunde im Anhänger und werden anschließend zum Metzger gebracht. Ein weiterer Vorteil: weil der Schlachtbetrieb Kümpel aus Wickers nur zwei Kilometer entfernt ist, beträgt die Transportzeit keine fünf Minuten. Die Wartezeit bis zum Schlachten verbringen die Schweine im Anhänger oder in der Wartebox beim Metzger.

Zentgraf: „Für uns ist es wichtig, dass wir selber die Schweine einladen und zum Schlachter fahren, das ist die beste Qualitätskontrolle, ob dort alles ruhig und geordnet abgeht“. Vom „Rhönmetzger Kümpel“ geht es dann einen Tag später (24 Stunden hängt das Schwein in der Kühlung) weiter zu Michael Zimmermann nach Steinhaus. Auch diesen Transport inklusive Ein- und Ausladen übernehmen die am Projekt „Rhöner Kartoffelschwein“ Beteiligten respektive Matthias Zentgraf selber. Dort werden die Schweinehälften dann zerlegt und die einzelnen Endprodukte wie Wurst, Schinken und vieles andere mehr verarbeitet.

 Der Gasthof „Haunetal“ steht derzeit übrigens im aktuellen Wettbewerb „Die 50 besten Dorfgasthäuser in Hessen“ und legt bei der Bewerbung großen Wert auf das nachhaltige Geschäftsmodell, wonach über 70 Prozent der Waren und vergebenen Dienstleistungen aus der Region generiert werden.

Ansprechpartner 

Bei Fragen zum „Rhöner Kartoffelschwein“ gibt es hier Auskunft: Familie Zentgraf, www.rhoener-kartoffelschweine.de, Telefonnummer 06681/919219; im „Gasthof Haunetal“, www.gasthof-haunetal.de, Telefonnummer 0661/62995, und im „Gasthof Altes Casino“, www.gasthof-casino.de, Telefonnummer 0661/96907-0.

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