Wie geht es dem Autohandel in Osthessen?

Umfrage bei Autohäusern der Region Fulda / Start mit Thorsten Krämer, zugleich Innungsobermeister

Osthessen - Die Coronakrise hat gerade auch dem stationären Autohandel sehr stark zugesetzt. Von Interesse ist daher die Frage, wie sich die Situation inzwischen, einige Wochen nach dem Neustart, darstellt. Eine Umfrage des „Zentralverbandes Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe“ (ZDK) hatte vor Kurzem eine „massive Kaufzurückhaltung“ der Kunden ergeben. Dies sei gerade bei den Neuwagenverkäufen der Fall, die teilweise um 50 Prozent und mehr unter den Vergleichszahlen des Vorjahres lägen. „Fulda aktuell“ hat bei verschiedenen Autohändlern der Region nachgefragt, wie sie die gegenwärtige Lage beurteilen. Dies ist in unserer Printausgabe nachzulesen und  wird,über das Wochenende verteilt, auch online zu finden sein.

Als Obermeister der Innung des Kraftfahrzeuggewerbes Fulda hat Thorsten Krämer konstatiert: „ Wir vertreten annähernd 140 Betriebe der Region und stellen fest, dass alle Kollegen, die ihren Schwerpunkt im Handel von Fahrzeugen haben, mit den gleichen Problemen konfrontiert sind. Auf uns lasten die Fahrzeugbestände, die wir für ein ,normales‘ Geschäftsjahr geordert haben. Dazu kommt, dass wir erhebliche Probleme haben, bereits verkaufte Fahrzeuge in die Zulassung zu bringen. Dadurch, dass die Zulassungsstellen ebenfalls geschlossen waren und jetzt nur mit Terminvergabe arbeiten, haben wir eine enorme Belastung der Liquidität. Wir hoffen, dass möglichst schnell weitere Kapazitäten seitens der Zulassungsbehörde geschaffen werden, damit wir schneller reagieren und ausliefern können“.

Wie beurteilt Thorsten Krämer, Inhaber des gleichnamigen Autohauses in Fulda und Obermeister der „Innung des Kraftfahrzeuggewerbes Fulda“, die Situation?

FULDA AKTUELL: Wie ist Ihr Autohaus bislang durch die Krise gekommen?

THORSTEN KRÄMER: Wie die meisten Kollegen auch, sind wir bis Mitte März gut in das Jahr gestartet. Seit 20. März und den darauffolgenden Maßnahmen des Lockdowns hat sich dies natürlich komplett gewandelt. Das After-Sales beziehungsweise Servicegeschäft konnte in geringerem Maße aufrecht erhalten werden, der Fahrzeugverkauf kam fast komplett zum Stillstand. Wir sind bereits mit ähnlichen Situationen konfrontiert gewesen, wie beispielsweise bei der Bankenkrise oder „Dieselgate“ und haben die entsprechenden Maßnahmen getroffen. Nach derzeitigem Kenntnisstand wird das Jahr 2020 sicher kein „Boom- oder Erfolgsjahr“ werden, aber wir schauen optimistisch in die Zukunft und planen auf entsprechend niedrigerem Niveau. Wichtig ist, dass wir alle Arbeitsplätze erhalten konnten und auch erhalten werden. Die Herausforderung schultern alle Mitarbeiter im Unternehmen gemeinsam.

FA: Halten Sie den Lockdown im Nachhinein für gerechtfertigt und sinnvoll?

KRÄMER: Nun, ich habe immer noch die Bilder aus Südtirol vor Augen und welch verheerende Auswirkungen das Coronavirus dort hatte. Ich glaube, dass die Strategie der Bundes- und Landesregierung – auch wenn sie schmerzhaft waren und sind – richtig war. Wir sind in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern recht glimpflich davon gekommen und ich hoffe, dass dies auch so bleibt. Allerdings bin ich weder Mediziner noch Virologe und kann keine fundierte Aussage darüber treffen, ob es auch andere Wege gegeben hätte.

FA: Welche Erfahrungen haben Sie in den ersten Wochen der Lockerung gemacht?

KRÄMER: Wir spüren immer noch eine Zurückhaltung unserer Kunden. Vielleicht wird sich das ändern, wenn nun weitere Lockerungsmaßnahmen durchgeführt werden und dann auch keine steigenden Fallzahlen zu verzeichnen sind.

FA: Können/Wollen Sie etwas dazu sagen, wie sich das Kaufverhalten Ihrer Kunden bezüglich Neu- beziehungsweise Gebrauchtwagen verändert hat?

KRÄMER: Wir führen keine Statistik oder befragen unsere Kunden explizit nach ihrem Verhalten. Wir spüren natürlich, dass eine Kaufentscheidung für Neufahrzeuge im Moment eher zweimal überlegt oder vielleicht auch vertagt wird. Bei Gebrauchtfahrzeugen konnten wir auch in den letzten Wochen eine starke Nachfrage verzeichnen und sehen hier keine große Veränderung zum Vorjahr.

FA: Wie bewerten Sie die Absage der Bundesregierung bezüglich Subventionen für den Kauf von Autos mit Verbrennungsmotor?

KRÄMER: Ich halte diese Art von Subventionen generell nicht für zielführend. Eine Kaufprämie führt nicht zu nachhaltigem Erfolg, sondern konzentriert das Kaufverhalten nur auf einen beschränkten Zeitraum. Es werden unter Umständen nur Käufe vorgezogen und das Problem auf einen späteren Zeitraum vertagt.

FA: Werden Sie die abgesenkte Mehrwertsteuer an Ihre Kunden weitergeben?

KRÄMER: Selbstverständlich geben wir die reduzierte Mehrwertsteuer weiter. Entsprechende Vorkehrungen und Softwareupdates haben wir bereits in unsere Systeme eingespielt und können ab 1. Juli mit der verringerten Steuer fakturieren.

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