Gelebte Deutsche Einheit - schon vor  der Wende

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1970 im tristen Ost-Berlin.
                                       
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Zeitgeschichte in Briefen
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Geheime Silvesterfeier Anfang der Siebziger in Dingelstädt.
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Und heute (mit Künzells Gemeindevertretungsvorsitzendem Herber an gleicher Stelle) Partner-Gemeinde.
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Vor 1989 undenkbar: Dingelstädt
                                      
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Von Fulda ging alles aus: Aktuelles Treffen des "Harten Kerns" von damals.
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Von Fulda ging alles aus: Aktuelles Treffen des "Harten Kerns" von damals.

Die Geschichte einer Ost-West-Freundschaft, die schon vor der Wiedervereinigung begann.

VON HANNELORE UND ALOIS HOFMANN

Fulda. Es war im Jahr 1970, neun Jahre nach dem Mauerbau in Berlin, noch gab es keinen innerdeutschen Grundlagenvertrag, noch lebten wir in Deutschland in den Umständen des Kalten Krieges mit all ihren Bedrohungen und Einschränkungen. Das Bischöfliche Jugendamt Fulda warb damals in notwendigem internen Rahmen bei katholischen Jugendlichen des Bistums für Kontaktaufnahmen mit jugendlichen Partnern im damaligen abgeschnittenen „Ostteil“ der Diözese Fulda (heute Bistum Erfurt).

So fanden sich acht junge Menschen aus der Region Fulda und ebenso viele aus dem Eichsfeldstädtchen Dingelstädt (das Eichsfeld war in DDR-Zeiten und ist bis heute eine katholisch geprägte Region in Thüringen, aktuelle Wahlergebnisse von Links- und Rechtspopulisten liegen hier deutlich unter dem Landesdurchschnitt) und ließen sich auf ein nicht ungefährliches Experiment ein. Dem Projekt kam zugute, dass man im Fuldaer Generalvikariat finanzielle Mittel des damaligen Bonner Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen nutzen konnte, so dass die jetzt beginnenden Begegnungsfahrten von West nach Ost für uns mit keinerlei Unkosten verbunden waren.

Für die jungen Dingelstädter waren damals allerdings nicht nur materielle Hilfen wichtig. Um an den Treffen, die der Geheimhaltung wegen zunächst durchweg in Ost-Berlin stattfanden, teilnehmen zu können, nahmen sie Strapazen und Risiken auf sich. Wir alle waren damals geprägt von einem religiösen und politischen Bewusstsein gegenseitiger Verantwortlichkeit in der besonderen Situation des geteilten Bistums und des gespaltenen Deutschlands.

Der konkrete Ablauf der Ost-Berliner Treffen erfolgte immer nach ähnlichem Muster. Die Termine wurden brieflich abgesprochen. Dabei gaben sich die jeweiligen Schreiber als „Cousins“/“Cousinen“ aus, der Treffpunkt war bei „Tante Hedwig“, in Wirklichkeit die katholische St. Hedwigskathedrale. Wir Fuldaer fuhren per Pkw oder per Flugzeug (von Hannover aus) nach West-Berlin, nahmen dort Quartier und nutzten den Grenzübergang Friedrichstraße mit dem berüchtigten „Tränenpalast“ für Tagesbesuche im Osten. Unsere Dingelstädter Freunde trafen sich in einem Pfarrzentrum im Stadtteil Oberschöneweide, wo sie Unterstützung (auch streng verbotenerweise Zivilkleidung statt NVA-Soldaten-Uniform) bekamen. Im Jahre 1972 wagten wir erstmals ein Treffen in Dingelstädt. Als „Verwandte“ feierten wir damals ein erstes innerdeutsches Silvester, wobei das Meldeverfahren bei der Volkspolizei nicht ganz unproblematisch verlief.

Der jugendlichen Unbekümmertheit, die wir heute in der Rückschau durchaus etwas kritisch sehen, tat das allerdings keinen Abbruch. Jetzt kannten wir das örtliche Umfeld unserer Partner und die besondere – religiös geprägte – Situation des Eichsfeldes im DDR-System, die unsere Motivation weiter positiv bestärkte. Silvester 1989/90 haben wir viele Jahre später in Künzell und Fulda gefeiert, gemeinsam sind wir am Neujahrstag über den offenen „Point Alpha“ hinunter nach Geisa in die Kirche gegangen, haben dort die vorausgegangenen Aufrufe zu den Montagsdemonstrationen gesehen, an denen in Dingelstädt unsere Freunde natürlich auch beteiligt waren. Im Jahre 1972 war das nicht einmal in Ansätzen vorstellbar gewesen. Verbindung blieb bestehen

In der zweiten Hälfte der Siebziger begann für uns auf beiden Seiten die Zeit des Entwachsens aus dem Jugendalter: Studium und berufliche Ausrichtung, Heiraten und Familiengründungen, daraus resultierend auch Wohnortwechsel. Die Berliner Treffen gab es jetzt bis zur Wende nicht mehr, aber die menschlichen Verbindungen blieben, zumal sich zwischenzeitlich auch die eine oder andere Reiseerleichterung ergeben hatte (z. B. Tagesreisen in die DDR über den „Kleinen Grenzverkehr“). Der Stasi waren wir noch immer ein Dorn im Auge: Die „Kleine Grenzverkehr-Tagestour“, die wir während unseres Urlaubs 1988 an der Ostsee mit unseren kleinen Kindern hinüber nach Bad Boltenhagen machten, um uns dort mit einer Dingelstädter Familie aus unserem „Kreis“ zu treffen, wurde von Morgens bis Abends in allen Abläufen beschattet und als Akte protokolliert. Zum Glück war die Wende nicht mehr weit! Wir selber wohnten mittlerweile in Künzell und konnten hier in unsere bestehenden Kontakte Menschen aus unserem neuen Umfeld einbeziehen. So nutzten wir als Neu-Künzeller die im Eichsfeld traditionellen großen Wallfahrten (die Männer-Wallfahrt zum Klüschen Hagis bei Dingelstädt mit ihren um die 20.000 Teilnehmern war zu DDR-Zeiten eine machtvolle politische Demonstration, gegen die die DDR-Führung kein Mittel fand) und die alten Verbindungen zu Anknüpfungen von neuen Kontakten über die beiden Pfarrgemeinden.

Eine neue Situation entstand in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, als auch jüngeren Einzelpersonen bei familiären Anlässen von Angehörigen im Westen die kurzzeitige Ausreise aus der DDR erlaubt wurde. So kamen Dingelstädter Freunde erstmals zu uns; die Besuche mit ihnen am „Point Alpha“, der damals noch in militärischer „Funktion“ war, und an der Rhöner Grenze waren emotional und bleiben unvergesslich. Und auch eigentlich banale Begebenheiten bleiben in Erinnerung, wie die in einem Fuldaer Möbelgeschäft, als Norbert G. aus Dingelstädt das für ihn bisher unvorstellbare Luxusangebot als Foto mit nach Hause nehmen wollte und von einem Kaufhaus-Detektiv der Geschäftsspionage verdächtigt wurde. 1987 kam es im Mitteilungsblatt der politischen Gemeinde Künzell durch den damaligen Bürgermeister Herrmann Brück zu einer Absichtserklärung, eine Partnerschaft mit einer Gemeinde in der DDR einzugehen. Entsprechend „vorbelastet“ gingen wir auf unseren Bürgermeister zu, erläuterten ihm unsere Verbindungen nach Dingelstädt, allerdings nicht ohne ihn darauf hinzuweisen, dass es sich zu dieser Zeit, was eine offizielle Partnerschaft anging, um eine völlig irreale Vorstellung handelte.

Obwohl niemand damals ahnte, was 1989/90 möglich sein würde, boten wir Bürgermeister Brück eine Tagesfahrt nach Dingelstädt mit einem „geheimen“ Treffen bei einer Familie aus „unserem“ Freundeskreis an. Die Fahrt war denkwürdig, weil wir wieder mit taktischen Finessen arbeiten mussten, um unsere Dingelstädter Partner nicht zu gefährden. Unvergessen bleibt die Szene vor dem Dingelstädter Rathaus, als der West-Bürgermeister nicht begreifen wollte, dass er dieses nicht betreten durfte, zumal der historische Spruch über dem Eingangsportal „Wer mit Gott geht ein und aus, dem steht offen dieses Haus“ wie eine Einladung wirkte und die Situation auf den Kopf stellte. 17 Monate später sollte sich alles wenden, und der Weg für die Partnerschaft Künzell-Dingelstädt war im Jahre 1990 auf der Grundlage unserer alten Beziehungen frei.

Die Gemeindepartnerschaft profitierte in den neunziger Jahren von der allgemeinen Euphorie der Wendezeit und dem damals vorhandenen zeitgeschichtlichen Bewusstsein. Vereine, kirchliche Gruppen oder Familien besuchten sich und tauschten sich aus. Je weiter die Ereignisse der deutschen Teilung zeitlich zurück liegen und leider mehr und mehr gerade bei jungen Menschen aus den Köpfen verschwinden, was die Notwendigkeit von Gedenkstätten wie am „Point Alpha“ bestätigt und nicht nur an einem Gedenktag wie dem aktuellen 30. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung reflektiert werden sollte, desto mehr schwindet in unserer Zeit bedauerlicherweise auch der Sinn für den besonderen Charakter einer innerdeutschen Partnerschaft. Für uns Jugendliche von damals, die wir jetzt im siebten und achten Lebensjahrzehnt stehen, gilt das nicht. Weiterhin treffen wir uns regelmäßig, ob in Berlin – der gemeinsame Gang durch das bisher verschlossene Brandenburger Tor bei unserem ersten Berliner Treffen nach der Wende bleibt eingeprägt –, in Leipzig, Kassel oder an einem anderen unserer heutigen Wohnorte, und natürlich am Ausgangspunkt unserer „50 Jahre gelebten deutschen Einheit“ in Fulda.

Für uns – und Gott sei Dank für viele andere in unserem Land auch – ist die Wiedervereinigung Deutschlands vor 30 Jahren nach den langen Jahren schmerzlicher Teilung das bedeutendste politische Ereignis, das wir erleben durften, und auch persönlich für uns als Christen, um mit Papst Johannes Paul II. zu sprechen, ohne den es das Wunder von 1989/90 nicht gegeben hätte, ein „Geschenk des Himmels“.

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