Besuch bei einer alten Dame: "Wat kütt, dat kütt"

Zeitzeugen-Gespräch mit der 91 Jahre alten "Phil" aus Fulda 

Fulda - Sie ist „erst 91 Jahre alt“, hat mehrere politische Systeme kennengelernt (von denen eines am 8. Mai 1945 und damit vor genau 75 Jahren zusammenbrach) und die verschiedensten gesellschaftlichen beziehungsweise kulturellen Strömungen mitgemacht: „Phil“ aus Fulda. Die alte Dame, die sehr agil und mit einem gehörigen Schuss Selbstironie ausgestattet ist, stand – quasi als Zeitzeugin – „Fulda aktuell“ gerne für ein Gespräch bereit. Zumal wir uns bedingt durch die Coronakrise an einem Wendepunkt befinden. Zumindest sehen viele Menschen dies so.

Dass „Phil“, wie sie genannt werden möchte, über jede Menge Humor verfügt, mag auch daran liegen, dass sie in Köln geboren wurde und das rheinische Lebensmotto „Wat kütt, dat kütt. Et kütt wie et kütt“ (Was kommt, das kommt. Es kommt wie es kommt) pflegt.

Viele Jahre später war sie in Fulda sogar einmal Prinzenmariechen, während sich ihr seit Langem verstorbener Mann ebenfalls karnevalistisch betätigte. Abseits ihres feinsinnigen Humors aber zeigt sich mitunter jede Menge Ernsthaftigkeit und ein tiefes Nachdenken darüber, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe, „Faust“). Ihre Enkel und Urenkel wissen den Rat, die Lebensweisheiten und die Weltanschauung ihrer (Ur)-Oma sehr zu schätzen.

In Köln wuchs „Phil“ gemeinsam mit drei älteren Schwestern auf, alle großgezogen von der alleinerziehenden Mutter. Und noch heute ringt es ihr tiefen Respekt ab, wenn sie sich daran erinnert, wie es die Mutter immer wieder geschafft habe, ihre Kinder mit dem Nötigsten zu versorgen. „Und sie hat uns immer alle satt bekommen!“ Ihr Opa, erinnert sie sich, habe einen Schrebergarten gehabt, „und ich bin damals immer den Pferdefuhrwerken hinterhergelaufen und habe die Pferdeäpfel aufgesammelt“.

Im Gedächtnis ist ihr aber auch die Zuflucht in den Luftschutzkellern geblieben, wenn über Köln die Bomben abgeworfen wurden. Am schlimmsten seien die Luftminen gewesen, die sich immer durch ein zischendes Geräusch ankündigten. „Das geht einem nicht mehr aus dem Kopf“, so die 91-Jährige. „Da ist es heute doch ein Klacks, auf was man wegen Corona verzichten muss. Man wird satt und hat ein Dach über dem Kopf“.

Als Ausgebombte wurden sie und ihre Mutter nach Schlesien geschickt, etwa 100 Kilometer südlich von Breslau. Dort galten sie als „Fremde“ und erlebten den Einmarsch der Roten Armee, der gerade besonders für Frauen schreckliche Erlebnisse mit sich brachte. „Ein junger Leutnant hat mich quasi unter seinen Schutz gestellt und mir auch Brot gegeben“, erinnert sich „Phil“.

Gemeinsam mit ihrer Mutter weigerte sie sich eines Tages, einem Befehl zum Sich-Versammeln zu folgen, der für die beiden höchstwahrscheinlich mit einem Transport nach Russland geendet hätte. „Das war die richtige Entscheidung“, betont „Phil“. Die beiden Frauen zogen mit einem Handkarren los, drei Tage durch den Wald, um zu einem Bahnhof zu kommen. „Die Zustände damals, das kann man sich heute gar nicht vorstellen“, sagt sie.

Fulda war das Ziel, wo mittlerweile die älteste Schwester mit ihren drei Kindern zu Hause war. „Die erste Wohnung war in der Petersberger Straße“, erinnert sich „Phil“, die später ihren Mann kennenlernte, der bei der Polizei beschäftigt war, und mit ihm zwei Kinder hatte.

Wenn sie das Fulda von damals mit dem von heute vergleicht, dann bedauert sie schon ein wenig, „dass viele der alten Bauten nicht mehr da sind. Das Gemütliche, das ist zu einem großen Teil leider verloren gegangen“. Etwas freilich stört sie ganz besonders: „Dieses alte Fabrikgebäude am Horaser Weg, das müsste endlich verschwinden. Das ist doch kein Aushängeschild für die Stadt“.

Durch ihren Mann, der sich als Stadtverordneter engagierte, war und ist „Phil“ stets politisch sehr interessiert gewesen. Jemand, der großen Eindruck auf sie gemacht hat, war Konrad Adenauer, der einstige Kölner Oberbürgermeister und spätere Bundeskanzler. „Einmal, bei einem Besuch in Rhöndorf, hat mein Sohn ihn fotografiert, wie er gerade mit Leibwächtern unterwegs war. Das war ein toller Mann, sehr volksnah und offen“.

 Auch heute noch legt die 91-Jährige sehr viel Wert darauf, informiert zu sein, was in der Region und in Deutschland vor sich geht. Dies ohne Handy, „denn das muss auch so gehen“. Die Technik drohe übermächtig zu werden und die Menschen drohten, den Blick für das Wesentliche zu verlieren. „Weil jeder nur auf sein Handy starrt. Dem will ich mich nicht aussetzen“, ist die alte Dame konsequent, die sich auch künstlerisch betätigt und unter anderem zwei Semester bei Jürgen Blum gelernt hat. Von Schwarzweiß-Fotografien, die sie als Bilder in Passepartouts gestaltet hat, habe sie übrigens viel verkauft.

Ein weiteres Hobby neben dem Restaurieren von Heiligenfiguren ist das Lesen, und hier besonders Biografien von Politikern. Gegenwärtig liest sie ein Buch von Rüdiger Nehberg, dem vor Kurzem verstorbenen Survivalexperten und Menschenrechtsaktivisten.

Wenn sich „Phil“ die Gesellschaft des Jahres 2020 betrachtet, dann fällt ihr auf, „dass viel verloren gegangen ist. Moral, Verständnis, Anstand, Toleranz und Rücksichtnahme“. Obgleich sie in diesem Zusammenhang der Coronakrise etwas Positives abzugewinnen weiß: „Man braucht einander wieder. Und das wiederum ist ja schon eine ganz schöne Sache!“

Spricht‘s und erwähnt zum Schluss ihr Lebensmotto, zitiert nach George Bernard Shaw: „Manche Menschen sehen die Dinge, wie sie sind, und fragen: Warum? Ich träume von Dingen, die es noch nie gegeben hat, und frage: Warum nicht?“

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