Lautertals scheidender Bürgermeister: "Ein großes Stück Erleichterung"

Eine mögliche Fusion mit Ulrichstein (links Bürgermeisterkollege Edwin Schneider) hat die letzten Monate der Amtszeit von Heiko Stock geprägt. 

"Fulda aktuell"-Gespräch mit Heiko Stock / "Die Segel mussten anders gesetzt werden"

Lautertal - Die Vogelsberggemeinde Lautertal hat ab 1. Juli einen neuen Bürgermeister: Dann tritt Dieter Schäfer aus Maar sein Amt an, das zwölf Jahre lang Heiko Stock innehatte. Im Interview mit „Fulda aktuell” hält Stock Rückschau. Für ihn steht nun zunächst eine gewisse „Auszeit“ an, er will sich aber auch ehrenamtlichen Tätigkeiten wie dem „Lionsclub Alsfeld-Lauterbach“ widmen.

Fulda aktuell: Sie waren vor Kurzem mit Landrat, Erstem Beigeordneten und Ihren Vogelsberger Bürgermeisterkollegen in Berlin. Quasi zum Finale als Lautertaler Verwaltungschef. Wehmut?

Stock: Natürlich kommt an der einen oder anderen Stelle auch Wehmut auf. Vor allem wenn Sie die Kollegen ansprechen. Mit einigen pensionierten und aktiven Bürgermeistern und deren Partnerinnen haben sich über die Jahre Freundschaften entwickelt. Diese Kollegen werde ich nun zwangsläufig weniger sehen als bislang.

FA: 2006 traten Sie Ihr Amt als Bürgermeister von Lautertal an. Wie hat sich diese Funktion im Laufe der vergangenen Jahre verändert?

Stock: Ich denke, auch wenn ich mit älteren Kollegen diese Frage diskutiere, dass alles schnelllebiger geworden ist. Erst vor Kurzem hat ein Gemeindevertreter mir um 12.47 Uhr in meiner Mittagspause eine „WhatsApp“-Nachricht geschickt und stand um 14.20 Uhr im Büro und fragte, ob ich denn die Einladung schon fertig habe. Das wäre früher undenkbar gewesen. Auch habe ich den Eindruck, dass es den allermeisten Menschen wirtschaftlich zwar besser geht als vor einigen Jahren oder Jahrzehnten, die Zufriedenheit aber wohl eher abgenommen hat.

FA: Auf welche Dinge sind Sie stolz, auf welche könnten Sie in der Rückschau eher verzichten?

Stock: Wenn ich auf etwas stolz wäre, hätte ich das ja alleine geschafft. Aber egal, was ein Bürgermeister auch umsetzt, es braucht der Unterstützung anderer. Seien es die Verwaltung und der Bauhof oder die Gemeindevertretung, die Mittel bereitstellen muss, oder der Gemeindevorstand, der Beschlüsse fassen muss. Und schließlich darf man die Vielzahl der weiteren ehrenamtlich Tätigen nicht vergessen: in den Ortsbeiräten, bei der Feuerwehr, die Hausmeister und Hausmeisterinnen oder auch die ehrenamtlichen Helfer und Helferinnen bei gemeindlichen Baumaßnahmen. Ich hätte auf die eine oder andere bösartige E-Mail, Beschimpfungen, Dienstaufsichtsbeschwerden oder staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren durchaus verzichten können.

FA: Wie haben Sie das Amt des Bürgermeisters verstanden, für sich selbst definiert?

Stock: Die Hauptaufgabe des Bürgermeisters ist es zunächst, mit Bauhof und Verwaltung die Abläufe in den gemeindlichen Einrichtungen so zu gestalten, dass diese bestmöglich von den Bürgern genutzt werden können. Als Lautertaler war es mir zudem wichtig, möglichst alle Zuschüsse zu generieren, um die Infrastruktur bestmöglich auszubauen, dass auch unsere Kinder und Kindeskinder hiervon noch profitieren können.

FA: Viele waren überrascht, dass Sie nicht mehr angetreten sind. Was sind die genauen Gründe hierfür?

Stock: Es gibt hierfür sicherlich mehrere Gründe. Bei meiner Verabschiedung habe ich schon Aristoteles zitiert: „Wenn man den Wind nicht ändern kann, muss man die Segel anders setzen”. Ich habe gespürt, dass ich den Wind in unserer Kommunalpolitik nicht ändern kann. Denken Sie beispielsweise an unsere Überlegungen zur Fusion oder der ehrenamtlichen Verwaltung der Bürgermeisterstelle. Man hat mich in der Gemeindevertretung darauf hingewiesen, dass mein Reformtempo zu groß sei und die Gemeindevertreter nicht mehr mitkommen würden. Insofern war es an der Zeit, gewesen, die Segel anders zu setzen.

FA: Sie sind im Amt bis zum 30. Juni, 24 Uhr. Ab 1. Juli, 0 Uhr, übernimmt Dieter Schäfer. Sind Sie erleichtert, dann keine Verantwortung mehr für „Ihre” Gemeinde tragen zu müssen?

Stock: Ja, da ist schon ein großes Stück Erleichterung dabei. Ein Außenstehender kann wahrscheinlich auch gar nicht ermessen, welche Verantwortung auf den Schultern eines Bürgermeisters lastet.

Dazu der Zwischenruf von "Fulda aktuell"-Redaktionsleiter Bertram Lenz:

"Lautertals (Noch)-Bürgermeister Heiko Stock ist stets ein Mann der klaren Worte gewesen. Einer, der immer einen Plan hatte, wohin sich die Gemeinde entwickeln sollte. Schon früh benannte der 48-Jährige Herausforderungen, die nicht nur seine Kommune, sondern generell der ländliche Raum würden bestehen müssen. Breitbandversorgung, Abwasser- und Klärschlammbeseitigung, Straßenunterhaltung oder auch zunehmender Leerstand, demografischer Wandel und mögliche Fusionen sind nur einige wenige Stichpunkte.

Nach zwölf Jahren an der Spitze der Verwaltung hat Stock vor einiger Zeit die Entscheidung getroffen, nicht mehr kandidieren zu wollen – sein Nachfolger Dieter Schäfer aus Maar übernimmt ab 1. Juli. Stocks Schritt nötigt Respekt ab und macht zugleich auch nachdenklich. Denn das Amt des Bürgermeisters hat sich in den letzten Jahren gewaltig verändert, und damit sicher auch die Dicke der Hornhaut, die man sich zulegen muss, um sich – beispielsweise – gegen die diversen Anfeindungen zur Wehr setzen zu können. Aber auch der Umgang mit Behörden ist im Laufe der Jahre bestimmt nicht einfacher geworden, die Flut der Verordnungen schon gar nicht.

Wahrscheinlich hat auch Frust eine Rolle gespielt, denn die Aussage Stocks im Interview mit unserer Zeitung, wonach sein Reformtempo wohl zu groß gewesen sei und die Gemeindevertreter nicht mehr mitgekommen seien, lässt einiges erahnen. Vielsagend auch sein Zitat des griechischen Gelehrten Aristoteles, dass man den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen könne. Für sich hat Stock, der bisherige Kapitän der Gemeinde Lautertal, dies getan, auch wenn ihm diese Entscheidung nicht leicht gefallen ist.

Letzten Endes aber wogen die Verpflichtungen und die Lasten des Amtes schwerer als die positiven Dinge, die das Bürgermeister-Sein mit sich bringt. Seine Amtskollegen, ob jetzt im Vogelsbergkreis oder auch im Landkreis Fulda, werden sicherlich ein Liedchen davon singen können".

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