Gewaltexzesse: Immer mehr Angriffe auf Polizisten

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Die Gewerkschaft der Polizei schlägt Alarm: Es gibt immer mehr Angriffe auf Polizisten. Auch wird die Forderung nach besseren Schutzwesten lauter.

Region. "Die Polizei, dein Freund und Helfer" – ein Spruch, der offenbar für viele Menschen – auch bei uns in der Region – nicht mehr gilt. Denn immer häufiger werden Polizisten eher als eine Art Feind gesehen. Sie werden bespuckt, gebissen, geschlagen.

Am Heiligabend dann der furchtbare Angriff auf einen Polizisten in Herborn: Ein 27-Jähriger wollte sich einer Fahrkartenkontrolle im Zug entziehen, der Zugbegleiter rief daraufhin die Polizei zu Hilfe. Eigentlich ein Routine-Einsatz für die Beamten. Kaum angekommen, stach der Mann jedoch unvermittelt mit einem Messer auf einen der Polizisten ein. Der 46-Jährige konnte noch auf den Angreifer schießen, starb aber an seinen schweren Verletzungen.

Immer mehr Gewalt

"Die Gewalt nimmt zu", sagt auch die "Gewerkschaft der Polizei" (GdP) in Hessen.Karsten Bech, Personalratsvorsitzender im Polizeipräsidium Osthessen und Vorsitzender der "GdP Bezirksgruppe Osthessen", erklärte: "Die Problematik der Gewalt gegen Polizeibeamte ist sehr facettenreich. Der Begriff Gewalt selbst beschreibt nicht umfangreich genug, was die Polizisten jeden Tag erleben. Angriffe auf Polizeibeschäftigte ist die bessere Begrifflichkeit. Während vor einiger Zeit Angriffe gegen Polizisten nur bei konkreten Diensthandlungen gegen bestimmte Personen (meist Täter) und Einsatzlagen zu verzeichnen waren,  registrieren wir heutzutage immer mehr Angriffe von Unbeteiligten, die mit dem polizeilichen Einsatz direkt nichts zu tun haben. Pöbeleien, Anspucken oder Angriffe, Filmen mit dem Handy und die ausschnittsweise Veröffentlichung  in sozialen Netzwerken, sind an der Tagesordnung. Deshalb fordern wir als ,Gewerkschaft der Polizei’, dass diese Handlungen ins Strafgesetzbuch normiert und unter Strafe gestellt werden."

Was ist nur mit den Menschen los? Wann haben so viele den Respekt vor Polizisten verloren? "Die Polizei als Vertreter des Staates verkommt immer mehr zum Fußabtreter einer Politik überdrüssig gewordenen Gesellschaft", beklagt die "GdP".  Außerdem gebe es große Probleme wegen des Stellenabbaus. "Viele polizeiliche Leistungen sind kaum noch zu erbringen oder stehen bereits hinten an. Aufgaben wie Terrorismusbekämpfung, Ermittlungen im Internet, die Bewältigung von Flüchtlingssituationen, Demonstrationsgeschehen, Begleitung von Fußballspielen – all das ist aufgrund des Stellenabbaus in der Polizei nur noch mit größten Anstrengungen zu gewährleisten. Der tägliche Dienst am Bürger leidet ebenso darunter."

Forderung nach Stichschutz

Durch den immer gefährlicher werdenden Job, müsste auch der Schutz der Beamten besser werden. "Bei der hessischen Polizei hat jeder Beamte eine persönlich zugewiesene Schutzweste, was leider noch nicht überall in den Ländern der Fall ist", so Bech. "Auch die sonstige Ausrüstung ist gut. Natürlich gibt es noch bessere Schutzwesten. Wir müssen aber darauf achten, dass der Polizeibeamte diese auch während des gesamten Dienstes (mitunter zwölf Stunden) tragen kann", sagt Bech. Allerdings: "Basierend auf den Fall in Herborn, bekräftigen wir als ,GdP’ die Forderung, dass die Schutzweste auch einen Stichschutz haben muss." So könne etwa ein stichhemmendes Gewebe in die Weste eingearbeitet werden. Klar sei aber auch, dass in diesem Fall, dem 46-jährigen Familienvater ein Stichschutz nicht das Leben gerettet hätte.

Verschiedene Schutzwesten

Recherchen von "Fulda aktuell" haben ergeben, dass die Polizisten in Hessen verschiedene Schutzwesten tragen. Teils ältere (stellenweise älter als 15 Jahre), teils neuere. Problem: Bei den älteren Modellen fehlt der seitliche Schutz. Das heißt, dass das Schutzpaket der Weste nicht um die Hüfte herumläuft und somit an den Seiten nur Westen-Hülle und Klettverschluss vorhanden sind.

Die Beschaffung der Schutzwesten der Polizei läuft über öffentliche Ausschreibungen. Auch die Firma "Mehler Vario System" aus Fulda hat immer wieder den Zuschlag erhalten, Schutzwesten für die Hessische Polizei zu entwickeln. "Mehler Vario System" entwickelt Schutzprodukte für Militär, Spezialkräfte und Polizei. Geschäftsführer Siegfried Will erklärte gegenüber "Fulda aktuell", dass es schwierig sei, die Schutzwesten für Polizisten im Streifendienst schuss- und auch stichfest zu gestalten: "Sehr pauschal kann man sagen, dass mit zunehmendem Schutzniveau und zunehmender Körperabdeckung auch der Tragekomfort und die Bewegungsfreiheit stärker eingeschränkt werden. Da jedoch die Trageakzeptanz und die Bewegungsfreiheit für die Polizistin oder den Polizisten ebenfalls eine große Rolle spielen, wird schnell deutlich, dass hier, wie bei fast allen anderen Sicherheitsausrüstungen auch, ein gesunder Kompromiss zwischen Schutz und Bewegungsfreiheit getroffen werden muss."

Schutz bei allen Westen gleich

Georg Becker vom Präsidium für Technik, Logistik und Verwaltung (PTLV) der hessischen Polizei in Wiesbaden erläutert die Sicherheit der Schutzwesten: "Aufgrund der bestehenden technischen Anforderungen müssen Schutz-westenhersteller eine Mindestgarantie von zehn Jahren für die jeweilige Schutzklasse gewährleisten.  Darüber hinaus kann durch umfangreiche Erprobungen die Tragezeit über diese Mindestgarantiezeit hinaus verlängert werden", so Becker. "In Bezug auf die festgelegte Schutzklasse erfüllt eine ältere Weste somit die gleichen Schutzanforderungen wie eine neue Weste der gleichen Schutzklasse. Ein Tausch der Westen ist grundsätzlich nach einer Tragezeit von rund 15 bis 18 Jahren vorgesehen." Eine 100 prozentige Sicherheit gibt es nicht, sagt Becker: "Schutzwesten der hessischen Polizei bieten materialbedingt einen hohen Schnittschutz, jedoch nur einen eingeschränkten Stichschutz."

Bei Schutzwesten bestehen verschiedene Schutzklassen, die allgemeingültig festgelegt sind. "Richtigerweise sind mit einer höheren Schutzklasse grundsätzlich ein höheres Gewicht, eine höhere Festigkeit und damit ein geringerer Tragekomfort der Weste verbunden", erklärt Becker.

Neben der richtigen Ausrüstung kann auch das korrekte Verhalten in gefährlichen Situationen lebensrettend sein. In Einsatztrainings werden die hessischen Polizisten regelmäßig auf solche Situationen vorbereitet und trainiert.

***************************************************************************Wie kann es sein, dass Polizisten in unserer Gesellschaft – zumindest teilweise – einen so niedrigen Stellenwert haben? Überall kann man beobachten, wie respektlos sich viele  Menschen den Beamten gegenüber verhalten. Rührt es in Ansätzen vielleicht schon daher, dass einige als Kind von ihren Eltern erzählt bekommen haben, dass sie, wenn sie sich nicht benehmen, von der "bösen" Polizei geholt und eingesperrt werden?

Polizisten sind geschult, immer möglichst ruhig und "deeskalierend" zu agieren. Wenn ich so manche Geschichte aus Polizeikreisen höre, würde ich an der Stelle der Beamten wahrscheinlich in ziemlich regelmäßigen Abständen komplett ausrasten. Nicht so die (meisten) Polizisten. Sie reißen sich zusammen, auch wenn sie vollkommen respektlos behandelt, ausgelacht oder beleidigt werden. Bemerkenswert.

Auch mein Mann ist Polizist und  wenn er zum Dienst fährt,  verabschiede ich ihn meist mit einem mulmigen Gefühl und bin jedes Mal erleichtert, wenn er wieder heil nach Hause kommt. Bei ihm kommt hinzu, dass ich nicht nur Angst habe, dass ihm irgendein Vollidiot etwas absichtlich antut, sondern auch, dass ihn jemand auf der Autobahn unabsichtlich über den Haufen fährt. So wie es leider immer wieder passiert. Beispielsweise im August 2012 auf der A66 bei Neuhof, als ein Besoffener in einen Streifenwagen auf dem Standstreifen gekracht ist, in dem noch ein Polizist saß. Zuletzt ist es erst gerade am Montagmorgen wieder passiert, als eine 18-Jährige ebenfalls auf der A66 einen Polizisten umfuhr. Beide Beamte sind Kollegen meines Mannes und kamen zum Glück mit leichten Verletzungen davon.

Was ich damit sagen will: Polizisten sind auch Menschen. Sie haben Gefühle, sie haben Familien, die sie lieben, die auf sie warten und hoffen, dass ihnen nichts passiert. Polizisten erledigen ihren Job, sie führen das aus, was ihnen aufgetragen wird. Nicht immer entspricht das ihrer eigenen Meinung oder inneren Haltung, aber es ist nun einmal ihr Job. Und das sollten wir ALLE akzeptieren. Jeder Mensch, ob mit oder ohne Uniform und egal welcher Nationalität hat es verdient, respektvoll behandelt zu werden.

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