"Die Hamburger Krankheit": Einst Fiktion, heute Realität

 
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Film über Todes-Virus wurde 1979 auch in Fulda und der Rhön gedreht / Gespräch mit Regisseur Peter Fleischmann

Fulda - Vor über 40 Jahren, 1979, hat Regisseur Peter Fleischmann einen damals als Science fiction eingestuften Film gedreht, der spätestens 2020 von der Wirklichkeit eingeholt worden ist. Das Werk hieß „Die Hamburger Krankheit“. Das Besondere daran war, dass der Streifen zu einem großen Teil in Fulda und der Rhön gedreht wurde. Mit dabei als Standfotograf und Regieassistent war der aus Fulda stammende Günter Zint, der sich bundesweit einen Namen gemacht hat als Chronist der Nachkriegszeit und unter anderem bekannt gewesen ist mit den „Beatles“ und Jimi Hendrix.

Auf Bitten von „Fulda aktuell“ stellte Zint, der inzwischen im Landkreis Stade zu Hause ist und dem 2019 die Ausstellung „Wilde Zeiten“ im „Vonderau Museum“ gewidmet war, verschiedene Motive der Drehtage in Fulda und der Rhön zur Verfügung. Und er vermittelte den Kontakt zu dem inzwischen 81-jährigen Fleischmann. Mitwirkende in dem Film waren unter anderem Tilo Prückner, Rosel Zech, Helmut Griem, Evelyn Künnecke und Peter von Zahn.

Und darum geht es: In Hamburg bricht ein unbekanntes Virus aus. Menschen, die infiziert sind, verfallen plötzlich in Embryonalhaltung und sterben. Das Virus breitet sich landesweit aus. Politik und Militär greifen ein, errichten Quarantänestationen und entwickeln einen Impfstoff, der allerdings hohe Risiken birgt. Wer mit den Toten in Kontakt kommt, wird zum Teil unter heftigstem Widerstand in die Quarantänestationen eingeliefert. Aus eben dieser Situation heraus fliehen ein Arzt, ein Würstchenverkäufer, ein Rollstuhlfahrer und eine junge Frau durch das von Endzeitstimmung geprägte Land und landen unter anderem in Fulda beziehungsweise in der Rhön.

Der Regisseur erinnert sich

„Was war an diesen Dreharbeiten besonders? Während meine drei ersten Spielfilme jeweils an einem einzigen Ort entstanden, war ,Die Hamburger Krankheit‘ ein Roadmovie, in dem eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe von der Stadt Hamburg bis zu den Alpen flieht, um der Seuche zu entkommen. Es gab mehr als ein Dutzend verschiedene Drehorte quer durch die Bundesrepublik.

Fulda war ein wichtiger Drehort. Der Tod des Bundeskanzlers sollte dort der Bevölkerung mitgeteilt werden: ein großer Platz, gefüllt mit tausenden von Menschen, die dort in ihrer Verwirrung zusammenkommen, singen und zum Teil protestieren, da es kein Wasser mehr gibt. Wie sollte ich all diese Leute zusammenbekommen? Ich war nicht in der Lage, allen ein Honorar zu zahlen.

Wie war ich überhaupt auf Fulda gekommen? Unser Standfotograf Günter Zint, mit dem ich bereits meine beiden vorausgegangenen Filme gedreht hatte, war gebürtiger Fuldaer. Er hatte seine Heimatstadt, mit der ihn eine Art Hassliebe verband, als Drehort vorgeschlagen und sie uns mit Hilfe vieler Fotos näher gebracht. Er war es auch, der mich mit einem Freund – ich glaube, es war ein Redakteur der Lokalzeitung – zusammenbrachte. Der fragte seine Leser, ob sie nicht mal in einem Film mitwirken wollten. Alle, die rechtzeitig einträfen, können mitmachen.

Als Drehzeit wählten wir den Sonntagvormittag, weil da die meisten Leute Zeit haben, ich glaube der gestrenge Bischof war nicht sehr erbaut. Es kamen sehr viele. Es gab Suppe mit Frankfurter Würstchen für alle. Per Lautsprecher begann ich die verschiedenen Gruppen auf dem Platz zu verteilen. „Und nun machen wir eine Probe“, rief ich. Es wurde totenstill, als der (Film-) Bürgermeister, ebenfalls über Lautsprecher, verkündete: „Liebe Mitbürger, der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland ist tot!“ Obwohl sie wussten, dass sie in einem Film mitwirkten, spürte ich, wie ein Schauer durch die Menge ging. „Auf die Knie!“ rief ich ins Mikro, und auf dem weiten Platz sanken alle auf die Knie. Viele, auch innerhalb der Crew, hatten nun Tränen in den Augen.

Für mich war das bis jetzt nur eine Generalprobe, doch mein Kameramann, Colin Mounier, flüsterte mir ins Ohr: „Dreh! Dreh! Die machen das kein zweites Mal!“ und ich befahl „Ton ab!“ - „Ton läuft“ - „Kamera!“ - „läuft“. Ich gab dem Bürgermeister das verabredete Zeichen, der jetzt mit seinen Stadträten ein frommes Lied intonierte. Unter ihren Masken sangen die Bürger auf dem Platz mit. Nach dieser Aufnahme ging tatsächlich ein Gutteil der Mitwirkenden nach Hause zum Mittagessen. Doch ich hatte die Szene im Kasten.

Dank der Intervention meines Kameramannes und vor allem Dank der vielen freiwilligen Statisten aus der Stadt Fulda. Als sehr patenten Menschenschlag habe ich ihre Bürger erlebt, neugierig und spielfreudig, ohne Komplexe. Danke auch noch 40 Jahre danach, danke dem Metzgermeister und seiner Frau, die richtige Rollen gespielt haben, danke den Müllmännern, danke den (damaligen) Kindern und vielen anderen. Danke fürs Mitspielen“.

Im Netz zu sehen

Fleischmann abschließend: „Den Film ,Die Hamburger Krankheit‘, der nun plötzlich so prophetisch wirkt, weil aus Science Fiction Realität geworden ist, habe ich übrigens ins Netz gestellt, weil man zur Zeit nicht ins Kino gehen kann.

Man kann ihn finden unter vimeo.com/ondemand/diehamburgerkrankheit .

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