Einer der letzten großen Heimatforscher: Ferdinand Stein gestorben 

Der 93-Jährige war weit über die Grenzen seines Heimatortes Bad Salzschlirf hinaus geachtet

Bad Salzschlirf - Der weit über die Grenzen der Region Fulda hinaus  bekannte Heimatforscher Ferdinand Stein ist in seinem Heimatort Bad Salzschlirf im Alter von 93 Jahren gestorben.

Stein wurde am 23. April  1928 in Alsfeld geboren. Mit gerade 16 Jahren, also als Teenager, wurde er noch Soldat. Die letzten Kriegsjahre des Zweiten Weltkrieges hinterließen in ihm seine Spuren. Die Erlebnisse und Erfahrungen des Krieges prägten Stein in seinem demokratischen Gedankengut.

Ursprünglich wollte er Geschichte und Geografie studieren, aber nach Kriegsende war er dann als Handelsvertreter in Deutschland unterwegs. In die Weberei seines Vaters wollte er nicht eintreten. In seinen Pausen las er viele Geschichtsbücher und eine seiner Lektüren war das Buch „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“. Dieses Buch veranlasste ihn nicht nur zum Lesen, sondern auch seine freie Zeit während der Termine  dazu zu nutzen, die jeweilige Gegend geschichtlich zu erforschen. Überall, an welchen Orten auch immer, ging Ferdinand Stein auf die Suche nach der dortigen Geschichte. Und immer wenn er auf ein Bodendenkmal stieß, wurde dies erfasst und in die Landkarte eingetragen.  Die Früh- und Vorgeschichte wurde seine Passion.

In der Hochkonjunktur des Heilbades Bad Salzschlirf betrieb er zusammen mit seiner Frau Elvira über viele Jahre auch noch das Lokal „Weinstadl“. Bereits früh kritisierte er, dass es in der Region keinen hauptamtlichen Bodendenkmalpfleger gab und setzte sich für die Schaffung einer entsprechenden Stelle ein. 1989 wurde mit Matthias Müller ein Stadt- und Kreisarchäologe für Fulda eingesetzt. „Daran hat Herr Stein großen Anteil“, so die Stadt- und Kreisarchäologin Milena Wingenfeld.

Stein arbeitete stets gerne mit anderen Gleichgesinnten zusammen, darunter den bereits verstorbenen Heimatforschern Heinrich Leister und Christian Aschenbrenner, mit denen er teilweise gemeinsame Projekte durchführte und Fundstellen erschloss.

Zu einer ganz besonderen Arbeit kam es 1997, als der Archäologische Arbeitskreis des Geschichtsvereins Fulda unter der Leitung des Stadt- und Kreisarchäologen und mit der Sachkenntnis des Diplom-Ingenieurs Helmut Volz die Wallanlage auf dem Sängersberg in Bad Salzschlirf erstmals einer Vermessung unterzog. Diese bildete 23 Jahre später die Basis, auf der die ersten modernen Untersuchungen der Anlage stattfinden konnten. Der Frankfurter Loewe-Schwerpunkt „Prähistorische Konfliktforschung“ grub an mehreren Stellen und konnte Nachweise für eine kriegerische Auseinandersetzung in der Bronzezeit erbringen – Ferdinand Stein war sichtlich erfreut über die Würdigung „seines“ Berges und der Bemühungen des Arbeitskreises, er besuchte die laufende Grabung auf dem Gipfel trotz seines fortgeschrittenen Alters regelmäßig.

"Als wir kürzlich davon erfahren haben, dass es Herrn Stein gesundheitlich nicht gut geht, haben wir seitens der Heimatfreunde kurzfristig noch eine Informationstafel zu der vorgeschichtlichen Höhensiedlung auf dem Sängersberg erstellt“ so der erste Vorsitzende der Heimatfreunde Bad Salzschlirf Christian Bornträger. „Ich wollte, dass Herr Stein es noch erlebt, dass dies geschieht! Mit Hilfe der Stadt- und Kreisarchäologin Milena Wingenfeld ist es uns gelungen, dass wir die Tafel noch erstellen konnten und sie Herr Stein wenige Tage vor seinem Tod noch gesehen hat.

1996 wurde Ferdinand Stein vom Geschichtsverein für seine Verdienste in der Archäologie und sein Engagement als Heimatforscher mit der Cuno-Raabe-Plakette geehrt.

2011 erhielt er den Ehrenbrief des Landes Hessen. Mit dieser Ehrung wurden seine Leistungen und Kenntnisse in der Heimatforschung und der Geologie gewürdigt.

2014 wurde Ferdinand Stein, als Mitbegründer der Heimatfreunde Bad Salzschlirf e.V im Jahre 1984, zum Ehrenmitglied ernannt. 2018 wurde ihm für seinen unermüdlichen Einsatz für die Gemeinde Bad Salzschlirf, seine Geschichte und seine Menschen als einem der Ersten der Dr. Martiny- Ehrenpreis für bürgerschaftliches Engagement verliehen.

Aber nicht nur die Forschung war ihm eine Herzensangelenheit, sein Wissen teilte er auch gerne mit seinen Mitmenschen. Unter anderem auch bei den historischen Ortsführungen. Hierfür war er über 47 Jahre ein bis zwei Mal pro Woche zuständig. Viele Gäste lernten durch sein detailreiches Wissen den Kur- und Urlaubsort Bad Salzschlirf kennen und verstehen. Bis Mitte diesen Jahres hat er die Ortsführungen mit Begeisterung durchgeführt.

„Seine Kenntnisse und Forschungen zur Heimat und Kirchengeschichte, den geologischen Strukturen sowie die kritische Begleitung der lokalen Politik haben ihm weit über die Ortsgrenzen hinaus Anerkennung verschafft“ so der Bürgermeister von Bad Salzschlirf, Matthias Kübel. „Wir verlieren mit ihm einen treuen, zuverlässigen und langjährigen Wegbegleiter, der in Bad Salzschlirf große Spuren hinterlassen hat“, so der Bürgermeister.

Ferdinand Stein war auch ein langjähriges und hochgeschätztes Mitglied des Geschichtsvereins Fulda. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Archäologischen Arbeitskreises Fulda, der später als Sektion dem Geschichtsverein angegliedert wurde und für den er sich sehr engagiert hat. Noch bis kurz vor seinem Tod besuchte er regelmäßig und mit größtem Interesse die Vortragsreihe des Geschichtsvereins.

„Der Tod von Ferdinand Stein ist ein großer Verlust für alle Geschichtsinteressierten im Landkreis Fulda. Mit seinem Wissen über die Heimat war er breit aufgestellt: von altsteinzeitlichen Werkzeugen, vorgeschichtlichen Grabhügeln über historische Wegeforschung, der zeitlichen Einordnung von Steinkreuzen und der Ersterwähnung von Ortschaften, all diese Themen interessierten ihn und er bearbeitete sie mit einer beispiellosen Akribie.“ so Dr. Frank Verse, der Leiter des Vonderau Museums.

„Mit Ferdinand Stein ist einer der letzten großen Heimatforscher von uns gegangen; er hinterlässt eine große Lücke“, so die Stadt- und Kreisarchäologin Milena Wingenfeld.

„Noch im Mai hat er die Grabhügel am Strangelsberg begangen und aufgezeichnet, um diese zumindest kartografisch zu sichern. Sein Einsatz für Bad Salzschlirf, im geschichtlichem wie auch im geologischen Bereich war stets sachlich und fundiert. Wer hier in unserer Region über Heimatforschung spricht, kommt an Ferdinand Stein nicht vorbei“, sagt Adelheid Eurich von den Heimatfreunden.

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