Hiobsbotschaft: Schließt die „Wella“ in Hünfeld zum Ende 2018?

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Der Standort Hünfeld des Konzerns „Coty“ droht zum Ende des Jahres 2018 geschlossen zu werden.

Hünfeld. Die Hiobsbotschaft erreichte Belegschaft, Betriebsrat und Bevölkerung am Dienstag: Das Unternehmen „Coty“ plant, zum Ende 2018 den Standort Hünfeld zu schließen. Dies wäre dann das Aus für die „Wella“. Diese hatte zuletzt im Juli 2015 für Schlagzeilen gesorgt, als sie innerhalb von zwölf Jahren zum zweiten Mal verkauft worden war: von „Procter & Gamble“ an den amerikanischen Parfüm- und Kosmetikkonzern „Coty“.

Begründet wird die Überlegung, den Standort Hünfeld zu schließen, von „Coty“ mit dem Ergebnis einer so genannten „Produktionsstätten-Studie“: Diese habe erbracht, dass es für Hünfeld „keine langfristige nachhaltige Perspektive“ gebe. Betriebsrat Norbert Herr indes hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: „Coty“ habe bisher nur eine Absichtserklärung, einen Vorschlag gegeben. Es sei noch keine Entscheidung gefallen. Gleichwohl bildete sich nur kurze Zeit nach Bekanntwerden der „Coty“-Pläne eine breite Front der Solidarität. Unter anderem soll auch Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) mithelfen, dass die Unternehmensleitung ihren Plan vielleicht doch noch ändert.

Bürgermeister Stefan Schwenk (CDU): „Ich bin sehr enttäuscht über die Entscheidung von ,Coty’, den Produktionsstandort Hünfeld bis Ende 2018 aufgeben zu wollen. Das ist sicher ein schwerer Schlag für die Mitarbeiter und ihre Familien aber auch für die Stadt Hünfeld insgesamt. Grundlage ist offenbar eine Studie des Konzerns, nach der der Produktionsstandort zu teuer sei. Ich kenne diese Studie nicht, bin aber sehr verwundert über die Ergebnisse. Auch unter dem vormaligen Eigner ,Procter & Gamble’ war Hünfeld einem harten Wettbewerb mit anderen Standorten weltweit ausgesetzt und hat sich letztlich immer wieder behaupten können. So sind Produktionen von anderen Werken sogar nach Hünfeld verlagert worden. Hünfelds Stärke war immer die hohe Qualität und Flexibilität auch bei kleineren Chargen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass in solchen Studien internationaler Konzerne das wichtigste Kapital deutscher Standorte keine Rolle zu spielen scheint, die Qualität, die gute Ausbildung, die Innovationsfähigkeit der Mitarbeiter. Es wird kaum der Wert von gut ausgebildeten Facharbeitern, Kaufleuten und Ingenieuren gesehen.“

Brand: "Tiefschlag für die Beschäftigten"

Für Michael Brand (CDU), den Wahlkreisabgeordneten für Fulda, Rhön und Vogelsberg, ist die Absicht der Unternehmensleitung „ein Tiefschlag für die Beschäftigten. Nach zahlreichen Gesprächen mit Betriebsrat, Beschäftigen, Bundesagentur für Arbeit, IHK und Region muss ich sagen, dass das Vorgehen dieser Unternehmensmanager Anstand und Moral vermissen lässt.“ Es gebe viele offene Fragen, die Hintergründe der Entscheidung seien bislang nicht bekannt, es mangele absolut an Transparenz. Dass noch nicht einmal das Gespräch gesucht wurde, zeige eine Verrohung des Umgangs durch den Konzern, so verspiele man Grundvertrauen – ein familiengeführtes Unternehmen hätte so nie gehandelt. Dass vor wenigen Monaten bei der Übernahme die Beschäftigten zu Recht gelobt wurden, sogar die Stärkung des Standorts angekündigt wurde und jetzt das krasse Gegenteil getan wird, sei ganz offensichtlich ein abgekartetes Spiel, so Brand. Jetzt müsse alle Kraft darauf gesetzt werden, die Unternehmensentscheidung zu hinterfragen, auf Änderungen zu drängen und gute Alternativen für die Beschäftigen auszuloten. Dazu gehöre auch die Prüfung zur Forstsetzung der Produktion am Standort durch ein anderes Unternehmen.

Kömpel trifft Betriebsratsvorsitzenden

Die Bundestagsabgeordnete Birgit Kömpel (SPD) hat sich eigener Aussage nach „bereits mit dem Betriebsratsvorsitzenden Norbert Herr getroffen und mich mit ihm über weitere Schritte beraten.“ Dieser und Vertreter der Gewerkschaft „IGBCE“ würden bei den Verhandlungen mit der Unternehmensleitung hart für die Mitarbeiter kämpfen. „Und ich werde ganz sicher an der Seite der Beschäftigten stehen“, so Kömpel. Die Schließung des Traditionsunternehmens „Wella“ sei generell ein schwerer Schlag für den Standort Hünfeld und nicht in Ordnung seitens des Unternehmens „Coty“. Da sei bei der Übernahme im Herbst des vergangenen Jahres eine große Willkommensparty für „Coty“ gefeiert worden, nun sollen Ende nächsten Jahres schon die Lichter ausgehen. Letztlich gehe es der Unternehmensleitung wohl nur um die Reduzierung von Lohnkosten. „Gute Arbeit und gute Qualifizierung der Mitarbeiter erscheinen zweitrangig. Wenn man aber die Produktion in Billiglohnländer verlegt, heißt das nicht, dass die Produktivität gesteigert wird“, sagt die Bundestagsabgeordnete.

Für die SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Waschke ist die mögliche Schließung der „Wella“ zum Ende 2018 „aus der Sicht der Mitarbeiter katastrophal“. Schlimm finde sie, dass die Entscheidung so plötzlich gekommen sei und so für viele nicht nachvollziehbar sei. Waschke: „Für mich als Außenstehende wirkt es, als ob da ein Großkonzern am grünen Tisch ohne Rücksicht auf Beschäftigte eine Entscheidung getroffen hat. Nun wird es darauf ankommen für die Mitarbeiter einen vernünftigen Sozialplan auszuhandeln. Es bleibt zu hoffen, dass alle 380 Beschäftigten möglichst bald einen neuen Job in unserer Region finden werden.“

Der Standort Hünfeld des Konzerns „Coty“ droht zum Ende des Jahres 2018 geschlossen zu werden.

Klartext-Kommentar

Der 14. März wird als „schwarzer Dienstag“ in die jüngere Geschichte der Stadt Hünfeld eingehen – wenn denn nicht noch ein Wunder geschieht und das Unternehmen „Coty“ von seinen Plänen einer Schließung des Produktionsstandortes zum Ende des Jahres 2018 absieht. An diese Hoffnung klammern sich die 380 Beschäftigten, deren Arbeitsplätze akut bedroht sind, zumal das kleine Wörtchen „Vorschlag“ in der offiziellen Stellungnahme von „Coty“ auftaucht. Bis endgültig der Hammer fallen und die Unternehmensleitung final den Daumen über den Standort Hünfeld senkt, muss an einem Strang gezogen werden, um vielleicht das Undenkbare doch noch abzuwenden.

In Erinnerung kommen mir dabei die Jahre 1992 und 1998, als der Standort Hünfeld des Bundesgrenzschutzes von der Auflösung bedroht war und durch eine machtvolle konzertierte Aktion, an der Spitze Bundes- und Landespolitiker, mit starker Einbeziehung der Bürgerschaft, gerettet werden konnte. Der Unterschied zu heute ist freilich der, dass es sich damals um eine politische Entscheidung handelte, während diesmal nach rein unternehmerischen Gesichtspunkten beurteilt wird, ob der Produktionsstandort noch rentabel genug arbeitet. Global-strategische Überlegungen spielen da eine Rolle, und da interessiert es leider niemanden mehr, dass die „Wella“ lange Jahre DAS Sy-nonym für Hünfeld war. Will sagen, das Unternehmen und die Konrad-Zuse-Stadt gehören einfach zusammen. Eine Anstellung bei der „Wella“ galt jahrzehntelang als sichere Angelegenheit, die Beschäftigten waren wie eine große Familie. Die Zeiten aber ändern sich, und emotionale Befindlichkeiten spielen heuzutage keine Rolle mehr. Vielmehr die Tatsache, dass von einer Aufgabe des Standortes nicht nur viele Menschen betroffen wären, die in der Stadt selbst zu Hause sind, sondern auch in angrenzenden Regionen wie dem Wartburgkreis. Und dass es nicht nur diejenigen treffen würde, die direkt im Werk tätig sind, vielmehr auch kleinere Zulieferbetriebe vornehmlich aus dem Handwerksbereich und Leiharbeiter.

Sollte es zu einem Aus für den „Coty“-Standort Hünfeld kommen, dann wäre dies ein bitterer Rückschlag für die bislang so gute wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Was nicht zuletzt durch eine Arbeitslosenquote von 2,5 Prozent dokumentiert wird, die quasi Vollbeschäftigung bedeutet. Zudem würde Hünfeld bei einer Schließung auf einen schönen Batzen Gewerbesteuer verzichten müssen, der in den Haushaltsplänen natürlich fest eingeplant ist. Allerdings, und dies ist der einzige Trost bei dieser trostlosen Angelegenheit, können die politisch Verantwortlichen auf eine gesunde mittelständische Struktur bauen. Die bestens dazu geeignet ist, auch einen solchen Nackenschlag zu verkraften. Solidarität ist das Motto der Stunde, denn auch wenn es abgedroschen klingen mag, die Hoffnung stirbt zuletzt.

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