Hitzige öffentliche Debatte zu den Übergriffen auf Frauen

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Urteile und Vorurteile – auch im Kontext der Flüchtlingskrise zu den Themen Selbstverteidigungskurse, Pfefferspray und "private Selbstaufrüstung".

Osthessen. Köln brachte das Fass quasi zum Überlaufen. Die Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht am Dom haben dem Thema sexuelle Gewalt immer mehr Raum in der öffentlichen Debatte gegeben. Und zunehmend rücken in diesem Zusammenhang Flüchtlinge und Asylbewerber in den Fokus.

Selbstverteidigungskurse für Frauen schießen aus dem Boden, in manche Schulen raten Lehrer den Kindern, sich bei Gewaltangriffen und Aggressivität unter den Mitschülern zu wehren und gegebenenfalls sogar zurückzuschlagen, der Umsatz von Gaswaffen zur "privaten Selbstaufrüstung" ist merklich angestiegen und viele junge Mädchen trauen  sich ohne Pfefferspray in der Handtasche nicht mehr auf die Straße. Das Thema Gewalt beherrscht derzeit alles und jeden – mehr denn je, wie es scheint.  Eine Bestandsaufnahme für die Region...

"Der Umsatz von Gas-Signalwaffen zum Abfeuern von Tränengas, Platzpatronen und Leuchtkugeln hat merklich zugenommen, auch der Verkauf von Elektroschockern und Pfefferspray  ist seit Ende vergangenen Jahres deutlich angestiegen", sagt Werner Leitsch.  "Die Leute haben ein erhöhtes Sicherheitsgefühl und gestiegenes Sicherheitsbedürfnis", so der Geschäftsführer von "Waffen-Leitsch" in Fulda. Dabei sieht Leitsch das ganze durchaus unter zwei Aspekten, mit einem "lachenden und einem weindenden Auge" sozusagen. Als Geschäftsmann freut er sich über die höheren Verkaufszahlen. Als Privatmann bedauert er sehr, dass dies die Käufer mit der angeblich gestiegenen Gefahr durch Flüchtlingsübergriffe begründen. "Diese ist nach meiner Auffassung nicht gegeben, das ist definitiv nicht so", sagt Leitsch.

Christian Stahl, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Osthessen, sieht in diesem Kontext eine andere Gefahr. "Den Einsatz von Pfefferspray können wir nicht empfehlen. Das schafft zwar auf der einen Seite ein trügerisches Gefühl der Sicherheit. Auf der anderen Seite kann es bei missbräulichem Einsatz zu straf- und zivilrechtlichen Sanktionen kommen." Etwa dann, wenn aufgrund drehender Windrichtung oder falscher Sprührichtung unbeteiligte Personen durch das Pfefferspray geschädigt würden. Die Fehlerquellen des als "Tierabwehrspray" deklarierten Mittels seien einfach zu groß, das Spektrum eines rechtmäßigen Einsatzes äußerst gering. "Wir betrachten das sehr kritisch", sagt Stahl,  der bessere und wirksamere  Alternativen für eventuelle Gefahrenlagen vorschlägt: laut rufen, direkte Hilfe bei umstehenden oder sich in der Nähe befindlichen Personen einfordern, weglaufen.Rebecca Berger, Studentin der "Sozialen Arbeit", hat an einem zweitägigen Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs teilgenommen. "Von meinen Vater wurde ich gefragt, ob dafür die aktuelle Lage ausschlaggebend war. Meiner Meinung nach nehmen Flüchtlinge dabei eine zu große Rolle ein. Für mich ist es egal, welche Herkunft die Männer haben, die mich belästigen. Ich will, dass kein Mann mich ohne mein Einverständnis berührt – egal ob ein Fremder in der Disco, ein ,Freund’ oder ein Kollege. Meine Antwort auf die Frage meines Vaters ist somit ein klares ,Nein’".

Es gäbe zwar Einzelfälle, würde aber immer auch vergessen, welche Schicksale die Flüchtlinge erlitten hätten. Sie kommen aus Ländern, die teilweise zerstört sind. Sie sehen dort keine Lebensperspektive, finden keine Arbeit und haben ihre Familie verloren. "Wer würde nicht dorthin gehen, wo er bessere Lebensbedingungen vorfindet?", so Bergers rhetorische Frage. In  Länder, in denen die Infrastruktur funktioniere, es Arbeit gebe, die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen besser seien als in der Heimat,  in denen man in Frieden leben könne.

Bergers primärer Grund für  den "WenDo"-Kurs war, sich besser in ihrem zukünftigen Beruf behaupten zu können. "In dieser Zeit habe ich wahrgenommen, dass ich meine Entscheidungen und mein Handeln standfest behaupten und verteidigen muss, damit die KlientInnen mich akzeptieren, ernst nehmen und mir nicht auf der Nase herum tanzen. Für mich stand die Selbstbehauptung im Vordergrund und nicht die Selbstverteidigung", sagt Rebecca.

"Ich kann jeder Frau und jedem Mädchen einen ,WenDo’ Kurs empfehlen. Denn es bestärkt das Durchsetzen der eigenen Interessen und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass man sich im Falle eines Angriffes, sei er verbal oder körperlich, wehren kann. Gegen jeden Menschen, egal welchen Geschlechts, welcher Herkunft oder welcher Hautfarbe." Derzeit spreche jeder über die Flüchtlinge, die angeblich reihenweise Frauen belästigten und vergewaltigten. "Doch wird vergessen, dass in Deutschland jeden Tag (!!) eine Frau durch Gewalt in der Partnerschaft stirbt. Ich finde es viel erschreckender, dass dies häufig im Verborgenen geschieht und niemand darüber redet", so Berger.*************************************************************************************************************************

Zwischenruf

Von Hans-Peter Ehrensberger

Gegen GewaltSexuelle Gewalt kann sich in Worten, Gesten und Handlungen ausdrücken, durch ausfallende Bemerkungen über Aussehen oder Privatleben, Erzählen anzüglicher Witze, Zeigen von pornographischen Darstellungen, taxierende Blicke, unerwünschte Berührungen und Annäherungsversuche bis hin zu strafrechtlich relevanten Tatbeständen wie Stalking, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Wahrscheinlich war jede Frau schon einmal Opfer von sexueller Gewalt. Frauen kennen die checkenden, süffisanten Blicke in der Disco oder auf offener Straße, die ein beklemmendes ungutes Gefühl hervorrufen. Dabei haben die meisten nichts falsch gemacht, der Andere, in aller Regel der Mann, hat sich nicht richtig verhalten. Denn die Grenzen eines anderen Menschen zu überschreiten, um diesen psychisch oder physisch zu verletzen, ist moralisch verurteilenswert, meistens sogar ein Straftatbestand. Jeder hat das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben und das Recht, in jeder Situation und zu jeder Zeit "nein" sagen zu können. Im Übrigen überschreiten diejenigen, die uns am nächsten sind, am meisten diese Grenzen. Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungkurse können Frauen und Mädchen    helfen, ihre Handlungs- und Verhaltensmöglichkeiten in grenzüberschreitenden Alltagssituationen  zu erweitern und die Abwehr und das Eingreifen bei körperlichen Angriffen zu stärken – gegen jeden Menschen, egal welchen Geschlechts, welcher Herkunft oder welcher Hautfarbe. "Gut" ist, dass sexualisierte Gewalt derzeit in der deutschen Öffentlichkeit thematisiert wird. Schlimm ist, dass in diesem Zusammenhang Flüchtlinge, Asylbewerber oder Menschen mit Migrationshintergrund in einem Atemzug benannt werden. Als würden diese die sexuelle Gewalt mitbringen. Sexuelle Gewalt gab es schon immer in Deutschland – und dagegen müssen wir alle vehement und solidarisch angehen.

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