Hochwasserkatastrophe auch in unserer Region möglich?

Dr. Martin „Wetter“ Gudd wurde in Fulda geboren und wuchs auch hier auf. Jetzt ist der Wetterexperte von „Hit Radio FFH“ in Bad Kreuznach zu Hause.
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Dr. Martin „Wetter“ Gudd wurde in Fulda geboren und wuchs auch hier auf. Jetzt ist der Wetterexperte von „Hit Radio FFH“ in Bad Kreuznach zu Hause.

FULDA AKTUELL befragte den FFH-Wetterexperten Dr. Martin Gudd zum Thema Wetter und Hochwasser in Osthessen.

Fulda. Die Starkregenereignisse, die zu den Hochwasser-Katastrophen geführt haben, rücken auch die Rolle der Wettervorhersage stärker ins öffentliche Interesse. Was lag für „Fulda aktuell“ daher näher, als Dr. Martin „Wetter“ Gudd verschiedene Fragen zu stellen? Dieser ist Metereologe bei „Hit Radio FFH“, geboren in Fulda und auch hier aufgewachsen.

FULDA AKTUELL: Wie bewerten Sie als Metereologe die Starkregen-Ereignisse der jüngsten Zeit?

DR. MARTIN GUDD: Als etwas völlig Außergewöhnliches. Einerseits sind solche Dauer-Starkregen in Mitteleuropa zwar grundsätzlich nicht allzu selten, und gerade in der Zeitspanne zwischen Mitte Juli und Mitte/Ende August tritt diese spezielle Form von Wetterphänomenen immer mal wieder auf. Dazu kommen die Ereignisse, die durch örtliche, schwere Gewitter verursacht werden und die von den großflächigen sommerlichen Dauer-Starkregen unterschieden werden müssen. Diese wiederum sind in der Zeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juni recht häufig. Von meteorologischer Seite her gesehen kennen wir also solche Hochwasserereignisse zur Genüge. Dass sich aber ein solches Ereignis zu einer derartigen Mega-Katastrophe entwickelt, die alle anderen bei Weitem überragt, das hat sich wohl niemand vorstellen können. Erst mit einiger Zeit Abstand werden wir wohl konkret einordnen können, wie überwältigend diese historische Katastrophe im Vergleich zu anderen Vorkommnissen dieser Art ist.

FA: Können diese Ausdruck des viel zitierten Klimawandels sein?

GUDD: Es ist davon auszugehen. Zumindest in der Zukunft müssen wir uns aufgrund der anthropogenen Klimaerwärmung auf häufigere sowie stärkere Niederschläge einstellen und damit verstärkt auf das Auftreten solcher Flutereignisse. Welchen Anteil die Erwärmung des Klimas jetzt genau auf die Eifelkatastrophe hat, das können wir erst feststellen, wenn wir die entsprechenden Untersuchungen durchführen. Das wird aber noch eine Zeitlang dauern. Festzuhalten ist, dass wir aufgrund der Klimaerwärmung seit einigen Jahren eine verstärkte so genannte „Meridionalität“ der Windströmung in der Atmosphäre feststellen. Das ist unmittelbare Folge der Tatsache, dass sich die Arktis in den letzten Jahren so unfassbar stark erwärmt hat, viel stärker als der Rest der Welt. Eine geringere Temperaturdifferenz zwischen Nord und Süd führt aber zu mehr meridionalen Wetterlagen. Das wiederum begünstigt die Entwicklung oft stationärer Hoch- und Tiefdruckgebiete und das wiederum zu mehr Hitze und Dürre bei den Hochs und mehr Niederschlägen bei den Tiefs. Ob sich Tief „Bernd“ ohne die bisherige Erwärmung der Erde anders entwickelt hätte, kann man nur vermuten. Vielleicht wären nur 180 Liter Regen auf den Quadratmeter gefallen statt 200, vielleicht wäre „Bernd“ in Richtung Tatra oder Riesengebirge gezogen, wie die Tiefs das sonst häufig tun. Auf jeden Fall waren Eifel und Bergisches Land die denkbar schlimmsten Regionen, in denen so ein Sommerregentief aufschlagen konnte. Denn die Täler dort sind von vornherein von ihrer Anlage her tief eingeschnitten, großes Einzugsgebiet) sehr hochwassergefährdet, der Boden war dort durch vorherigen Regen schon gesättigt – und außerdem sind die Tallagen dort stark besiedelt. Diese soziale Komponente gilt es auch zu berücksichtigen, denn die Werte, die durch Fluten und andere Naturkatastrophen vernichtet werden können, werden von Jahr zu Jahr alleine durch die stärkere Bebauung immer größer. So gesehen ist die Katastrophe unser meteorologisches 9/11. Wer jetzt nicht für den Klimaschutz aufwacht, versündigt sich an unseren Kindern.

FA: Sind die rechtzeitigen Warnungen der Metereologen im Vorfeld der Katastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen ausreichend für die Bürger kommuniziert worden?

GUDD: Die Diskussion hierüber läuft momentan, und eine vorschnelle Beurteilung maße ich mir nicht an. Aber: Die Berechnungen und Warnungen der Wetterdienste waren sehr rechtzeitig und außerordentlich präzise. Seit dem Warnfiasko von Orkan „Lothar“ zu Weihnachten 1999 hat sich hier extrem viel getan. Diese Dauer-Starkregen im Sommer können inzwischen sehr, sehr genau vorhergesagt werden, viel genauer als die nur punktuell auftretenden Wolkenbrüche bei Gewittern. In dieser Hinsicht lief bei „Bernd“ also alles sehr gut. Die jetzige Diskussion wird wohl auch die Schwierigkeiten näher beleuchten, die eben bei der Kommunikation solcher Warnungen auftreten. Nur zwei Beispiele: So kann niemand im Vorfeld genau wissen, wie ein angekündigtes Regenunwetter sich in einer bestimmten Region genau auswirkt. Denn es gibt ja viele Faktoren, die lokal den Ablauf einer Flut bestimmen. In Braunschweig oder München wäre ein solcher Starkregen anders und wohl weniger tödlich verlaufen als in der Eifel. Niemand kann sich darüber hinaus vorstellen, dass bei einem Hochwasser die historischen Höchstwasserstände um locker das Zwei- bis Dreifache übertroffen werden. Bei dem Ereignis jetzt fehlten einfach die Vergleichsmöglichkeiten. Außerdem treten die Höchstwasserstände solcher Katastrophenfluten in den meisten Fällen in den Nachtstunden auf, wenn viele Menschen schlafen, so wie auch diesmal. Wie erreicht man in solchen Fällen wirklich alle, auch solche Menschen, die kein Handy besitzen und kein Fernsehen schauen?

FA: Ist es überhaupt möglich, künftige Extremwetterereignisse unter Kontrolle zu bringen?

GUDD: Bedingt. Wir können die Folgen dieser Ereignisse zu einem Teil wie bisher durch technische Verbauungen und Überwachung versuchen, zu minimieren. Damit haben wir schon ein Großteil aller möglichen Fälle gut im Griff. Aber die wirklichen Katastrophenereignisse wird es immer geben, die wie jetzt in der Eifel uns auch in Zukunft unsere Grenzen aufzeigen. Ich würde mir außerdem wünschen, dass ein Umdenken stattfindet. Denn in den letzten Jahrzehnten haben viele von uns verlernt, mit der Natur zu leben und sich von ihr entfremdet. Dass viele Straßen und Neubaugebiete in Wirklichkeit in Überflutungsregionen liegen, wird jetzt wohl zukünftig hoffentlich wieder ein größeres Thema. Denn auch wir im Fuldaer Land sind in der Vergangenheit nicht von Fluten verschont geblieben. Gewitter-Sturzfluten gab es beispielsweise Ende Mai 1698 in der thüringischen Rhön mit 27 Toten oder im Juli 1834 mit zahlreichen Toten in der Hochrhön. Auch katastrophale Dauer-Starkregen hatten wir auch schon, beispielsweise im Juli 1966 nördlich von Fulda, rund um Hünfeld und weiter bis Bad Hersfeld. Auch da kamen Menschen zu Tode.

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