"Ich dachte, das war's jetzt mit mir!"

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Fulda. Der brutale Raub-Überfall auf eine Frau im Schlosspark beschäftigt die Richter am Landgericht Fulda. Ein Urteil soll im kommenden Jahr fallen.

Fulda. "Mit einer solchen Eisenstange könnte man jemanden umbringen." Mit diesen Worten machte Unfallchirurg Dr. Rainer Roth am dritten Prozesstag um den Überfall im Fuldaer Schlosspark deutlich: Dass Olga T. den Angriff eines 17-Jährigen mit einem Zündkerzenschlüssel  überlebt hat, war reine Glückssache.

Am ersten Prozesstag hatten sich beide Angeklagten bei der 48-Jährigen entschuldigt."Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Es tut mir sehr leid und ich hoffe, dass Sie schnell wieder psychisch genesen", so die Worte des 17-jährigen Hauptangeklagten. Er muss sich wegen versuchten Mordes vor Gericht verantworten.

Schwere Verletzungen

Der Jugendliche soll die 48 Jahre alte Frau am 19. Juni dieses Jahres brutal mit einem Zündkerzenschlüssel zusammengeschlagen haben. Sie erlitt dabei eine gebrochene Nase, einen Bruch im Handgelenk, Kapselrisse in den Händen und mehrere Platz- und Schnittwunden.

Der Mitangeklagte Steven W. ließ seinen Anwalt eine Stellungnahme verlesen. Demnach hätte der Hauptangeklagte den Zündkerzenschlüssel in seinem Rucksack dabei gehabt. Er habe gesagt: "Lass' mal jemanden zusammenschlagen!" W. habe darauf nur scherzhaft mit: "Jaja. Na klar." geantwortet und zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht geglaubt, dass der 17-Jährige es ernst meinen könnte.Viel Alkohol im Spiel

Am dritten Verhandlungstag hat Streetworker Christoph Eisermann ausgesagt, der mit Kindern und Jugendlichen, die auf der Straße leben oder "abhängen", zusammenarbeitet und versucht, sie wieder auf die richtige Bahn zu bringen.

Er beschrieb die Lebensumstände des Mitangeklagten Steven W., mit dem er seit Juli dieses Jahres intensiv zusammenarbeitet. W. hatte lange Zeit in einer Pflegefamilie gelebt, bis er sich mit ihr zerstritt und auszog. Dann war er einige Zeit obdachlos, völlig verwahrlost und trank sehr viel Alkohol. "Auch seine Hygiene ließ sehr zu wünschen übrig und er hat stark gerochen", erklärte Eisermann.

Seit er W. helfend zur Seite steht, habe dieser eine große Wandlung durchgemacht: "Wenn man sich den Steven anguckt, der heute hier im Gerichtssaal sitzt, ist das ein ganz anderer Mensch als noch vor einem halben Jahr". W. wohne jetzt wieder bei seiner Mutter in der Nähe von Gießen und habe sein Leben langsam wieder im Griff.

"Ich fühlte mich nicht bedroht."

Bereits am Montag war das Opfer Olga T. als Zeugin geladen. Zunächst sehr gefasst schilderte die Bauzeichnerin die Geschehnisse des 19. Juni: "Auf dem Weg von meiner Arbeit im Stadtschloss zu meinem Auto, das ich am Frauenberg geparkt hatte, bin ich wie immer durch den Schlosspark gegangen. Die zwei Angeklagten habe ich gesehen. Steven W. balancierte auf dem Geländer der dortigen Brücke, der Hauptangeklagte stand auf dem Weg. Als ich ankam, sprang W. vom Geländer hinunter. Ich fühlte mich nicht bedroht von den beiden, denn sie sahen nicht so aus, als wollten sie mir etwas antun." Olga T. ging weiter. Nach etwa 20 Metern soll der 17-Jährige zu W. gesagt haben: "Die!" Er soll strammen Schrittes hinter der Frau hergelaufen sein. Steven W. selbst sagt, er habe in diesem Moment mit dem Rücken zu der weggehenden Frau gestanden, weil er urinieren wollte. Er hätte das alles gar nicht mitbekommen. Als er sich wieder umdrehte schlug sein Freund schon brutal auf die Frau ein.  "Der erste Schlag ging auf den Rücken. Ich drehte mich um und sah vor mir den kleinen Blonden mit diesem starren Blick", so Olga T. "Dann schlug er mir mit einer Eisenstange ins Gesicht, wodurch mir das Blut in die Augen schoss und ich nichts mehr sehen konnte. Der nächste Schlag ging auf den Kopf. Dann muss ich hingefallen sein und habe nur noch meine Hände schützend über meinen Kopf gehalten. Ich habe in diesem Moment keine Angst mehr gehabt und auch keine Schmerzen. Ich dachte, das war's jetzt mit mir." Nach etwa zehn heftigen Schlägen soll der 17-Jährige plötzlich aufgehört haben. Er soll sich die Taschen seines Opfers geschnappt haben und zur Winfried-Schule gelaufen sein. Steven W. sagte, er habe alles nur mit angesehen, weil er geschockt und in Panik gewesen sei. Er habe sich nicht um die am Boden liegende und um Hilfe schreiende Frau gekümmert, weil er Angst gehabt hätte, mit der Tat in Verbindung gebracht zu werden und sei deshalb mit dem 17-Jährigen zusammen weggelaufen.

Opfer leidet noch immer

Bis heute leidet Olga T. unter den Folgen der Tat. Angstzustände, Panikattacken und Konzentrationsstörungen beherrschen zurzeit noch ihr Leben. Dennoch saß sie am dritten Verhandlungstag im Zuschauerraum und verfolgte aufmerksam, aber sehr ruhig die Geschehnisse im Gerichtssaal.Der 17-jährige Hauptangeklagte sitzt in Untersuchungshaft.Mit dem Urteil wird Anfang kommenden Jahres gerechtnet.

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Wenn ich mich auf einen Prozess am Gericht vorbereite, also die gekürzte Anklageschrift der Staatsanwaltschaft lese, stelle ich mir meist den oder die Angeklagten vor. Ohne, dass ich es unbedingt will, habe ich dann ein gewisses Bild von den Menschen vor Augen. So auch im Prozess um den Überfall im Schlosspark.

Als ich nun mit vielen anderen Journalisten und Zuschauern am Montag im Gerichtssaal I des Fuldaer Landgerichts saß und der erste der beiden Angeklagten, nämlich der 17-jährige mutmaßliche Haupttäter, in Handschellen hereingeführt wurde, dachte ich, ich gucke nicht richtig. Doch nicht nur ich. An dem Raunen, das durch die Bänke im Saal ging, konnte ich erkennen, dass auch andere Menschen dort erschrocken waren. Ein Junge, der harmloser nicht aussehen könnte, der noch in seinen Anzug reinwachsen muss, der mit gesenktem Blick und merklichem Unwohlsein zu seinem Platz gebracht wurde. Er sah eher aus, als wäre er 13 und nicht 17 Jahre alt. Ich weiß, das muss nichts heißen, aber ich kann das Opfer Olga T. verstehen: Vor dem 17-Jährigen  hätte ich auch keine Angst gehabt, wenn ich an ihm vorbeigegangen wäre. Auch der Mitangeklagte Steven W. sieht "harmlos" aus. Daran merkt man einmal mehr: Man darf Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilen.

Gruselig finde ich, dass das Opfer offenbar nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Sie wurde wohl zufällig ausgewählt, zusammengeschlagen und beklaut. Und warum? Ging es um Geld für Drogen? Für Alkohol? Oder war es sogar einfach nur Langweile? Oder wollte der 17-Jährige sich vor seinem älteren Freund "beweisen"? Das versuchen Richter und Staatsanwaltschaft nun im Prozess herauszufinden.

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