„Ich musste handeln!“ Marie Keßler mit „Walter-Lübcke-Preis“ ausgezeichnet

Marie Keßler aus dem Hilderser Ortsteil Simmershausen in der Rhön ist am Donnerstagmittag in Fulda mit dem „Walter-Lübcke-Preis“ geehrt worden. Es gratulierten Christoph Lübcke, Michael Brand, OB Dr. Heiko Wingenfeld und Landrat Bernd Woide von links).
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Marie Keßler aus dem Hilderser Ortsteil Simmershausen in der Rhön ist am Donnerstagmittag in Fulda mit dem „Walter-Lübcke-Preis“ geehrt worden. Es gratulierten Christoph Lübcke, Michael Brand, OB Dr. Heiko Wingenfeld und Landrat Bernd Woide von links).

22-Jährige aus dem Hilderser Ortsteil Simmershausen hatte einem Mann in einer Notsituation geholfen

VON BERTRAM LENZ

Fulda/Hilders. Der von einem – inzwischen zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilte – rechtsextremistischen Täter im Juni 2019 ermordete ehemalige Kasseler Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke ist Namensgeber eines Preises, den der mit Lübcke freundschaftlich sehr eng verbundene Fuldaer Bundestagsabgeordnete Michael Brand CDU) augelobt hat. Am Donnerstagmittag wurde die Auszeichnung erstmals im Beisein von Lübckes Sohn Christoph in Fulda vergeben, und zwar an die 22 Jahre alte Marie Keßler aus dem Hilderser Ortsteil Simmershausen.

Die junge Frau hatte im April 2020 in Hannover, wo sie eine Ausbildung zur Notfallsanitäterin absolviert, eingegriffen, als sie gesehen hatte, wie mehrere Angreifer einen am Boden Liegenden traten und dabei schwer verletzten. Andere hätten zugesehen, während sie dafür gesorgt habe, dass der Rettungsdienst alarmiert wurde. Und sie habe sich um das Opfer gekümmert, die Täter seien geflohen.

Brands Ansatz war gewesen, den „Walter-Lübcke-Preis“ einmal im Jahr an Bürger zu vergeben, die sich in besonderer Art und Weise um ihre Mitmenschen verdient gemacht haben. „Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um große öffentliche Verdienste, sondern entsprechend der Haltung von Walter Lübcke auch um die vielen ehrenamtlichen und privaten Hilfen, die von vielen tausenden Menschen still und kontinuierlich geleistet werden, ohne dass sie dafür ein großes Tamtam oder ein Dankeschön wollen“, hatte Brand anlässlich der Vorstellung des Preises im Jahr 2020 erklärt. „Walter Lübcke fühlte sich gerade mit diesen sogenannten ‚kleinen Leuten‘, die doch im Alltag wichtige und große Dinge tun, besonders verbunden. Dies soll auch der Preis zum Ausdruck bringen.“

Der massive Glasquader Höhe 25 Zentimeter), geschaffen von einem Dresdner Künstler, zeigt einen offenen wie optimistischen Walter Lübcke in dreidimensionaler Ansicht und dazu die Inschrift „Für besonderen Einsatz um Menschlichkeit und Zusammenhalt in unserem Land“.

Mit Marie Keßler war nun die erste Preisträgerin aus knapp 50 beeindruckenden Vorschlägen von einer Jury unter Mitwirkung der Familie Lübcke ausgewählt worden. Die Verleihung war bewusst auf den 19. August und damit in zeitliche Nähe zu Lübckes Geburtstag am 22. August gelegt worden. Der frühere Regierungspräsident wäre 68 Jahre alt geworden.

Mit sichtlich bewegter Stimme erinnerte Brand an seinen langjährigen Weggefährten, der stets hilfsbereit, fröhlich und ehrlich gewesen sei, dabei offen für Kritik, und der „vom Pförtner bis zum Ministerpräsidenten jedem Respekt und Offenheit entgegengebracht hat“. Es gelte, die Demokratie zu stärken und sich gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus zur Wehr zu setzen. Dies sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Gekommen waren unter anderem auch OB Dr. Heiko Wingenfeld, der frühere OB Dr. Wolfgang Hamberger, Landrat Bernd Woide, Erster Kreisbeigeordneter Frederik Schmitt, Landtagsabgeordneter Thomas Hering, Weihbischof Professor Dr. Karlheinz Diez, IHK-Präsident Dr. Christian Gebhardt, der Hilderser Bürgermeister Ronny Günkel sowie Bella Gusman und Roman Melamed als Vertreter der Fuldaer jüdischen Gemeinde.

Marie Keßler, die das Domgymasium in Fulda besucht, sich zunächst freiwillig und danach auf Zeit bei der Bundeswehr verpflichtet hatte, war vom Verein „Simmershausen aktiv“ für die Ehrung vorgeschlagen worden. Dabei sei unter anderem zur Sprache gekommen, dass sie als bislang einzige Frau in dem Hilderser Ortsteil bei der Feuerwehr aktiv sei. Brand zufolge hat sie bei ihrem aktiven Eingreifen in Hannover ein hohes Maß an Zivilcourage gezeigt und „getan, was sie für richtig hielt“ – getreu dem Motto „Ich geh‘ dazwischen!“

Marie Keßler betonte, dass es für sie eine sehr große Ehre sei, den Preis zu bekommen. „Durch Zufall bin ich in eine Situation geraten, in der ich schnell handeln und funktionieren musste – eine Situation, in der jeder von uns geraten kann“. Sie habe „nicht auf andere warten können, sondern „Ich musste handeln!“

Christoph Lübcke sagte nur: „Wow! Sie sind die richtige Preisträgerin. Mein Vater hätte es toll gefunden, wie Sie gehandelt haben“. Er dankte dem Ideengeber Michael Brand und betonte, wie sehr Walter Lübcke der Familie fehle. Der Vater habe stets klar Position bezogen. Letztendlich sei der Hass über ihn gekommen und er sei mit seiner Haltung alleine gewesen. „Wir waren immer stolz auf meinen Vater“, so Christoph Lübcke. Der Preis sei Verpflichtung und Aufgabe, sich einzusetzen und demokratische Werte zu verteidigen.

OB Wingenfeld meinte, zu Marie Keßler gewandt: „Walter Lübcke wäre sehr froh über Sie als Preisträgerin. Und er wäre sehr stolz“. Die Auszeichnung solle zur Ermutigung beitragen und sei ein Zeichen dafür, sich nicht einschüchtern zu lassen. Walter Lübcke habe Humor, Lebenslust und Tiefgang ausgezeichnet, und er sei stets der Region verbunden gewesen. Der frühere Regierungspräsident habe über das dienstliche Maß hinaus Kontakt zu den Menschen hier gesucht. Auch deswegen habe man sich entschieden, eine Straße am Waidesgrund nach ihm zu benennen.

Für die musikalische Umrahmung sorgte das „Duo Zwei-Klang“ Daniela Röll-Diegelmann und Clemens Lutz).

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