Interview mit Anna-Lena Bieneck vom Biosphärenreservat Rhön

Reizvolles vor der Haustüre: Die Rhöner Naturlandschaft im Dreiländereck Hessen, Bayern und Thüringen

Rhön. Während der Corona-Pandemie merken viele Menschen, wie wertvoll die Natur ist. Wälder, Wiesen, Felder, Parks und andere Grünanlagen bieten auch in Krisen die Möglichkeit, sich mit Abstand außerhalb der eigenen vier Wände zu bewegen und leisten somit einen positiven Beitrag für das Wohlbefinden.

Seinen Urlaub oder seine Freizeit muss niemand eingeschlossen im eigenen Haus verbringen. Die Rhön bietet viele Optionen, um auch in der Heimat wohltuende Stunden zu erleben. „Fulda aktuell“ hat mit Anna-Lena Bieneck vom Biosphärenreservat Rhön gesprochen.

FULDA AKTUELL: Besucher sollten momentan Orte mit hohem Besucheraufkommen meiden, was für Ausweichmöglichkeiten bietet die Rhön?

ANNA-LENA BIENECK: Unser Tipp: Die Vielfältigkeit des Rhöner Wanderwegenetzes entdecken, indem man nicht unbedingt die bekannten Strecken wie den Hochröhner und die Extratouren wählt. Diese werden durch zahlreiche abwechslungsreiche Rhön-Rundwege ergänzt, und auch der Rhönklub pflegt ein umfangreiches Wanderwegenetz, Auf der Internetseite des Klubs (https://www.rhoenklub.de/wanderungen) können die Leute sich informoeren.

FA: Gibt es wie in anderen Bereichen, auch für Wanderer Verhaltensregeln?

BIENECK: Für den Aufenthalt im öffentlichen Raum gelten die entsprechenden Verordnungen der Bundesländer Bayern, Hessen und Thüringen. Auch in der Natur ist zum Beispiel darauf zu achten, dass beim Aufeinandertreffen mehrerer Wanderer der gebotene Mindestabstand eingehalten wird. Zudem sind die Infostellen des „UNESCO-Biosphärenreservats Rhön“ seit März geschlossen worden und öffnen nun erst nach und nach unter Auflagen wieder.

FA: Was hat die Natur gerade in dieser schweren Zeit für einen Stellenwert?

BIENECK: Während der ersten Wochen der Corona-Pandemie hat sich in der Rhöner Natur bemerkbar gemacht, dass sich die Menschen im Landkreis Fulda an die Verordnungen halten und eher zu Hause bleiben. Auf den sonst hoch frequentieren Wegen waren trotz des schönen Wetters kaum Wanderer unterwegs. Seit den ersten Lockerungen der Corona-Maßnahmen stellen wir aus Sicht des Biosphärenreservats und des Naturparks nun eher das Gegenteil fest: Der Besucherandrang nimmt zu. Das mag zum einen daran liegen, dass deutschlandweite bzw. internationale Reisen gar nicht beziehungsweise nur stark eingeschränkt möglich sind. Zum anderen aber steht die Rhöner Natur bzw. das Land der offenen Fernen – im Vergleich zu Innenstädten mit ganz anderen örtlichen Bedingungen – für viel Platz und (Bewegungs-)Freiheit. Und diese Freiheit liegt für die Fuldaer nun mal direkt vor der Haustür. Das schöne Wetter der vergangenen Wochen hat seinen Teil dazu beigetragen, dass es zahlreiche Einheimische und Besucher auf die Rhöner Wanderwege und zu beliebten Ausflugszielen wie die Wasserkuppe gezogen hat. Das momentane Aufkommen an Wohnmobilen und Motorradfahrern ist besonders hoch und führt an einigen Hotspots bereits zu Problemen, weil nicht genügend Parkkapazitäten und Stellplätze vorhanden sind.

FA: Wie reagieren Besucher?

BIENECK: Die meisten Besucher verhalten sich besonnen und rücksichtsvoll – gegenüber der Natur, aber auch gegenüber anderen Menschen. Es gibt aber leider auch negative Erfahrungen mit Personen, die sich nicht an die Regeln halten (wollen). Einige laufen querfeldein abseits der ausgewiesenen Wanderwege und Pfade durch Schutzgebiete und gefährden dadurch zum Beispiel bodenbrütende Vogelarten. Einige sind auf der Suche nach seltenen Tieren und Pflanzen und wollen diese fotografieren oder im schlimmsten Fall sogar abschneiden oder ausgraben. Besonders ärgerlich sind aber auch die Hinterlassenschaften der Besucher, die ihren Müll in der freien Natur liegen lassen bzw. entsorgen. Generell ist festzustellen, dass sehr viele Leute in der Natur unterwegs sind, der Druck in der Fläche zunimmt und man vermehrt dort Leute antrifft, wo vorher kaum jemand unterwegs war. Zudem sind auch Menschen in der Rhön unterwegs, die hier sonst weniger oft anzutreffen waren – seien es nun jüngere Menschen, die wandern, oder ältere Personen, die jetzt mit dem E-Bike die Rhön erkunden.

FA: Wie Reagieren die Tiere auf die veränderten Bedingungen?

BIENECK: Hoch frequentierte Wanderwege und Ausflugsziele waren während der Corona-Pandemie für einen gewissen Zeitraum fast menschenleer – das hat sich auch in der Tierwelt bemerkbar gemacht. So haben sich zum Beispiel bodenbrütende Vogelarten auf Flächen niedergelassen, auf denen sie sich sonst durch Wanderer und Freizeitsportler gestört fühlen. Mit dem wieder steigenden Besucherandrang werden diese „neu entdeckten“ Lebensräume wieder schwinden und sich das Wild und die Vögel wieder zurückziehen.

FA: Wie sieht das Biosphärenreservat Rhön in die Zukunft?

BIENECK: Aus der Corona-Krise nehmen wir auch eine Menge positive Anstöße mit. So besteht zum Beispiel die Hoffnung, dass die Rückbesinnung zur Natur und zur Heimat Rhön auch noch lange nach der Corona-Pandemie anhalten und der nachhaltige Tourismus in der Rhön gestärkt wird – auch wenn sich hieraus selbstverständlich neue Herausforderungen für den Naturschutz ergeben. Die Menschen entdecken einerseits, dass sie zum Wandern nicht in die Alpen und für einen abwechslungsreichen Urlaub nicht an die Ostsee fahren müssen. Bei ihren Ausflügen in die Rhön kommen sie dann zum anderen mit der Geschichte der besonderen Kulturlandschaft und den zahlreichen schützenswerten Tier- und Pflanzenarten in Berührung.

Außerdem haben die vergangenen Wochen gezeigt, dass es hinsichtlich digitaler Angebote im Biosphärenreservat noch viel Luft nach oben gibt. Ziel ist nun, das Biosphärenreservat künftig digital breiter aufzustellen und auf vielfältige Weise erlebbar zu machen – sei es durch virtuelle Rundwege, Online-Vorträge, Workshops für Kinder, Filme oder Podcasts. Das wiederum bietet die Chance, mit unseren Themen noch besser auch jüngere Zielgruppen zu erreichen. Schutzgebiete in ganz Deutschland haben sich – angestoßen durch die besondere Situation in der Corona-Zeit – bereits zusammengetan, um auf diesem Gebiet gemeinsam neue Wege zu gehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

15-Jährige aus Bad Salzschlirf vermisst

Junges Mädchen könnte sich im Bereich Darmstadt oder Erfurt aufhalten
15-Jährige aus Bad Salzschlirf vermisst

Laufzeit der Ökomodellregion Landkreis Fulda verlängert

Aktuell werden 17,3 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch bewirtschaftet
Laufzeit der Ökomodellregion Landkreis Fulda verlängert

Schnuppertag beim THW Hünfeld

Mit viel Begeisterung: Schnuppertag präsentierte Spaß und technisches Geschick.
Schnuppertag beim THW Hünfeld

Den Landkreis Fulda mit Bus und Bahn (neu) kennenlernen

Zahlreiche Reiseziele lassen sich auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen.
Den Landkreis Fulda mit Bus und Bahn (neu) kennenlernen

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.