Kampf für die Liebe: Fuldaer Liebespaar trotzt Anfeindungen

+
Ein ganz normales Liebespaar: Malvina und Diaa

Über dieses Liebespaar spricht ganz Deutschland. Fulda aktuell hat persönlich mit Malvina und Diaa gesprochen.

Fulda - „Kinderschänder“, „psychische Misshandlung“, „Unterdrückung“, „Betrüger“, „Mörder“: Diese Kommentare sind derzeit unter diversen „Facebook“-Posts zu Malvinas und Diaas Liebesgeschichte zu lesen. Die inzwischen 17-Jährige und der 20-Jährige aus dem Raum Fulda hatten sich als Protagonisten für die im „KIKA“ laufende Sendung „Schau in meine Welt“ zur Verfügung gestellt. Thema war ihre Beziehung – eine Beziehung zwischen einem deutschen Mädchen und einem geflüchteten Jungen aus dem syrischen Aleppo. Die Sendung wurde am 26. November 2017 um 20 Uhr auf „KiKA“ ausgestrahlt. Der „hr“ produzierte die Sendung für den „Kinderkanal“.

Knapp sieben Wochen später breitet sich ein Shitstorm über die Sendung aus. Grund dafür: Blogger zogen nach dem Mord an einer 15-Jährigen in Kandel Parallelen zum Liebespaar aus Fulda. (siehe Zwischenruf). Nachträglich änderte der Sender die Altersangabe von Diaa. Auch diese Korrektur nahmen Blogger zum Anlass, eine Hetzkampagne gegen das Paar und den Sender zu starten. Dem 20-jährigen Mohammed Diaa, der bei seinem zweiten Vornamen genannt wird, wird vorgeworfen, seine drei Jahre jüngere Freundin Malvina zu unterdrücken. Die „Bild“-Zeitung titelte: „Aufregung um Flüchtlings-Doku im ,Kinderkanal’“ und zogen mit vier weiteren Artikeln zum Thema nach.

Viel Hass prasselt auf die junge Liebe ein. „Fulda aktuell“ hat persönlich mit dem Paar, mit Mutter Katja und Malvinas bestem Freund Pascal gesprochen. „Was ich nicht verstehe, ist, dass die Menschen mein Kindeswohl gefährdet sehen, aber mich im gleichen Zug beleidigen. Gefährden sie nicht dann mein Kindeswohl?“, fragt sich die Schülerin. Auf Kommentare waren die Protagonisten vorbereitet. Aber diese mediale Aufmerksamkeit sieben Wochen nach der Ausstrahlung war ein Schock.

„Reporter der ,Bild’ standen vor unserer Tür“, so Mutter Katja. Die ebenfalls in den Sozialen Medien angegriffen wird. „Eine Mutter sollte ihr Kind schützen“, heißt es beispielsweise von einem User. „Ich gehe damit ganz entspannt um, vor der Liebe ist eben kein Halt zu machen.“ Gemeinsam mit ihrer Tochter engagiert sie sich in der Flüchtlingshilfe. Bei ihrer Arbeit haben sie Diaa kennengelernt. „Ich habe Malvina gesehen und mich in sie verliebt“, erklärt Diaa. Und Malvina fügt an: „Ich habe ihn gar nicht wahrgenommen.“ Die selbstbewusste Malvina gab in der Flüchtlingsunterkunft, in der Diaa lebte, Sprachunterricht und spielte manchmal mit ihrer Gitarre. „Sie weiß ganz genau, was sie will, und das liebe ich an ihr“, so Diaa.

Ganz schnell wird klar. Malvina hat einen Plan für ihr weiteres Leben. „Ich werde nach meinem Abitur nach Luxemburg gehen und dort meinen Bachelor in Psychologie machen. Meinen Master mache ich in Schottland an der University of Glasgow in Rechtspsychologie. Später möchte ich auch in Schottland leben“, erklärt Malvina. Diaa darf Teil dieses Plans sein, aber: „Ich möchte meine Studentenzeit genießen, neue Freundschaften schließen und auch Partys feiern. Nach dem Studium können Diaa und ich gemeinsam leben“, weiß Malvina. Der 20-Jährige hat keine andere Wahl, als auf die Pläne seiner Freundin einzugehen. „Das ist nicht diskutabel“, so Diaa. Auch für seine Zukunft gibt es einen Plan, und natürlich hat Malvina auch ein Wörtchen mitzureden. „Ich möchte entweder Informatik oder Logistik studieren. Malvina ist eher für Logistik“, erklärt er schmunzelnd. Zurzeit besucht er einen „Pre-Study“-Kurs an der Hochschule Fulda.

Seit 2015 lebt Diaa in Deutschland, lernt schnell die Sprache und möchte nach seinem Abschluss an der Hochschule Fulda in Marburg studieren. „Irgendwann möchte ich mit meinem Beruf auch reisen können. Vielleicht auch in Dubai arbeiten, bis Malvina mit ihrem Studium fertig ist“, so Diaa über seine Pläne.

Für die, die das Paar kennen, sind die meist negativen Artikel völlig unverständlich. „Diaa unterdrückt Malvina nicht, wenn, wäre das anders rum“, scherzt Pascal. Er unterstützt das Paar in dieser Zeit. „Ich bin zur Polizei und habe eine Anzeige wegen Volksverhetzung aufgegeben“, erzählt der 17-Jährige. Seit vielen Jahren kennt er Malvina und weiß: „Bei Malvina ist alles geplant und sie setzt ihre Ziele auch durch, komme was wolle.“

Auch die Familie hat Anzeige bei der Polizei erstattet. „Wir fühlen uns von der Politik und der Polizei allein gelassen. Einzig der ,KIKA’ steht hinter uns“, erzählt Malvina. So wirklich realisieren könne sie den ganzen Trubel noch nicht es sei, als wäre jemand gestorben: „Man funktioniert nur noch.“

Redakteurin Tanja Nadig vom „hr“ stellt klar: „Diaa hat sich nie jünger ausgegeben. Die falsche Altersangabe war ein Missverständnis zwischen den Redaktionen.“ Auf die Ausstrahlung der Doku im November soll es keine Reaktionen gegeben haben. Erst die Posts haben diese meist negativen Kommentare ausgelöst.

Die „Fulda aktuell“-Redaktion hat ein junges Paar kennengelernt, das mit ganz normalen „Problemen“ einer jungen Liebe kämpft. Die Liebe zwischen den beiden sei nicht anders als zwischen Menschen, die aus dem selben Kulturkreis stammen. „In der Liebe gibt es keine Hautfarbe und keine Grenzen“, fasst Malvina zusammen.

Zwischenruf von Bertram Lenz: Übelste Hetze

Eine tödliche Beziehungstat und die Folgen: Das Geschehen in Kandel (Rheinland-Pfalz), bei dem ein – mutmaßlich – 15-jähriger Flüchtling aus Afghanistan seine gleichaltrige frühere deutsche Freundin erstochen haben soll (die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen), bestimmt mittlerweile auch die Beziehung zwischen einem deutsch-syrischen Paar in Osthessen. Seit Tagen wird, vornehmlich in den sozialen Netzwerken, aber auch in Printmedien und deren Onlineausgaben, über einen Film im „KiKA“ debattiert. Der öffentlich-rechtliche Kinderkanal von „ARD“ und „ZDF“ hatte im vergangenen November die Dokumentation „Schau in meine Welt – Malvina, Diaa und die Liebe“ gezeigt.

Das Werk hätte außer den unmittelbar Beteiligten wahrscheinlich niemanden großartig interessiert, wenn nicht vor Kurzem auf der Website des „KiKA“das Alter des syrischen Flüchtlings nach oben korrigiert worden wäre. Seitdem stehen die beiden im medialen Kreuzfeuer. Zudem befassen sich Politiker, vornehmlich der AfD, mit der Liebe des Mannes aus Aleppo zu der 17-Jährigen aus dem Raum Fulda. „KiKA“ hat inzwischen mit einer Stellungnahme reagiert und sich für das falsche Alter in der Bildunterschrift entschuldigt. Damit, so meine Ansicht, sollte man es gut sein lassen. Abgesehen höchstens von der Frage, ob der „Kinderkanal“ das geeignete Medium ist, eine solche Beziehung zu thematisieren. Obendrein ohne einen Kommentator, der Fakten hätte einordnen oder bewerten können. Erschreckend an dem Vorgang aber ist, wie hasserfüllt sehr viele Zeitgenossen reagieren und das anfangs erwähnte Verbrechen von Kandel dazu nutzen, alle jungen (männlichen) Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen. Und sei es nur, dass diese angeblich ihr wahres Alter verschleierten. Dies beweist, wie sehr die unheilvolle Saat des rechtspopulistischen Gedankenguts in unserer Gesellschaft angekommen ist.

Belegen lässt sich dies unter anderem mit der menschenverachtenden Sprache, mit der sich Politiker, Kommentatoren und viele Leserbriefschreiber äußern. Was manchmal pointiert sein soll, ist nichts weiter als übelste Demagogie und Hetze, getränkt von Vorurteilen. Wichtig ist die schnelle Rückkehr zur sachlichen Diskussion. Unsere Redaktion hat ihren Beitrag geleistet, indem wir das Paar eingeladen und mit den beiden gesprochen haben. Um ihre Sichtweise kennenzulernen, denn noch immer ist es besser, mit jemandem zu reden als über jemanden. Wenn es im Übrigen der Wahrheitsfindung dienlich ist: Der junge Mann aus Syrien ist 20 Jahre alt.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesene Artikel

Rund ums Spiel: Neuer Verein „Meeples of Mayhem“ in Fulda

Ein Verein, der sich Brett- und anderen Spielen widmet, wurde jetzt in Fulda gegründet.
Rund ums Spiel: Neuer Verein „Meeples of Mayhem“ in Fulda

Hünfelder Juwelier misstrauisch: Wem gehört der Goldschmuck? 

Schmuckgegenstände könnten aus einer Straftat stammen: Polizei erbittet Hinweise
Hünfelder Juwelier misstrauisch: Wem gehört der Goldschmuck? 

Gebäudebrand im Museumsdorf Tann

Aus einem Haus im Museumsdorf Tann/Rhön stieg Rauch auf, die Feuerwehr konnte den Brand schnell löschen. Der Dachstuhl des im Jahre 1818 erbauten Gebäudes wurde …
Gebäudebrand im Museumsdorf Tann

Autobahnpolizei Petersberg sucht Zeugen eines äußerst rabiaten Vorfalls auf der A 66

Unbekannter wurde gewalttätig und verbal beleidigend / Aggressive Fahrweise
Autobahnpolizei Petersberg sucht Zeugen eines äußerst rabiaten Vorfalls auf der A 66

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.