Kassenbon-Irrsinn ab 2020: Das sagen IHK Fulda und osthessische Unternehmer

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Patrick Melzer, Inhaber des "Edeka"-Marktes in der "Fulda Galerie"
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IHK-Geschäftsführer Hermann Vogt

"Bürokratischer Schildbürgerstreich": Teilweise massives Unverständnis über Neuregelung ab Januar

Fulda - Auf Deutschland wartet ab 2020 der „Zettel-Irrsinn“: Mit Beginn des neuen Jahres gibt es für alle Handelsunternehmen die Verpflichtung, ihren Kunden einen Kassenbon auszuhändigen. Gedacht ist diese Maßnahme, um gegen Steuerbetrug vorzugehen. Der Einzelhandel indes befürchtet erhebliche Probleme mit der Umstellung, einen enormen bürokratischen Aufwand und hohe Mehrkosten. Das „Forschungs- und Beratungsinstitut EHI“ rechnet mit mehr als zwei Millionen Kilometern zusätzlichem Bonpapier pro Jahr im Handel, für das pro Stunde etwa eine Fichte gefällt werden müsse.

Das sagt die IHK Fulda

Wie Fuldas „IHK“-Geschäftsführer Hermann Vogt auf Anfrage von „Fulda aktuell“ sagt, verwenden die meisten Einzelhändler heute ein elektronisches oder PC-gestütztes Kassensystem. Offene Ladenkassen gebe es nur noch vereinzelt. Deshalb werde die ab Januar geltende Vorgabe schon heute in den meisten Fällen erfüllt. Vogt: „Nur beim Verkauf von Waren an eine Vielzahl nicht bekannter Personen – praktische Beispiele sind Brötchen, Eis oder Bratwürste – entsteht ein zusätzlicher Kostenaufwand. Und der ist teilweise erheblich. Denn laut Gesetz muss jetzt in jedem Fall ein Beleg ausgegeben werden. Das gilt selbst dann, wenn der Kunde ihn nicht verlangt und in der Regel auch nicht mitnimmt, sondern wegwirft“.

Auf die Nachfrage, wie der Einzelhandel in der Region die Änderung aufgenommen habe, antwortet Vogt: „Weil der Einzelhandel die Vorgaben bereits weitestgehend erfüllt und auch die Anbieter von Kassensystemen ihn dabei unterstützen, wurde die Änderung relativ geräuschlos aufgenommen. Bislang gab es bei der ,IHK‘ keine größeren Nachfragen zu diesem Thema“. Die „IHK“-Organisation setze sich allerdings gegenüber Politik und Finanzverwaltung für eine Nachbesserung der Regelung ein. Denn eine verpflichtende Belegausgabe sei aus ökologischen und ressourcenschonenden Gründen nicht vertretbar. Eine Härtefallregel werde allerdings nur in Ausnahmefällen greifen, weil die Finanzbehörden reine Kostenaspekte nicht akzeptierten.

Das sagt die Bäckerei "Pappert"

Thomas Bertz, bei der „papperts GmbH & Co. KG“ mit Stammsitz in Poppenhausen zuständig für Kommunikation und Marketing, schreibt auf eine entsprechende Nachfrage, dass man sich natürlich mit der Bonpflicht befasst habe: „Für uns ist es technisch kein großer Aufwand. Aber wir müssen all unsere Mitarbeiter im Thema schulen. Und jede Menge Bon-Rollen bestellen“. Investitionen hielten sich eher in Grenzen, „weil wir bereits ein elektronisches Kassensystem haben und auch jedes Fachgeschäft mit einem Bondrucker ausgestattet ist. Die Investition wird beim Verbrauchsmaterial massiv steigen“, so Bertz, der den Mehraufwand als „hoch“ einstuft. Der Grund: „Wir müssen künftig bei jedem Kunden einen Bon rauslassen. Aktuell machen wir das nur auf Wunsch des Kunden“.

Generell werde die Neuerung kritisch gesehen. „Natürlich begrüßen wir es als ehrliches Unternehmen, dass alles transparent werden soll. Aber die Herangehensweise halten wir – im Zeitalter der Digitalisierung – für falsch. Wir reden an jeder Stelle davon, dass wir Müll vermeiden wollen, dass wir etwas für die Umwelt tun wollen (und müssen). Hier produzieren wir Müll – einfach so. Und das in riesigen Mengen. Wir schätzen, dass wir dadurch Bons im Jahr mit einer Länge bis nach Australien produzieren werden“. Das stehe im Gegensatz zur Firmenphilosophie „goes green“, wo man auf das Thema Nachhaltigkeit schaue.

Das sagt Patrick Melzer (Edeka")

Deutliche Worte zur anstehenden Kassenbon-Pflicht findet Patrick Melzer, Inhaber des „Edeka“-Marktes in der „Fulda Galerie“, der seit nunmehr zehn Jahren besteht. „Was da eingeführt werden soll, ist ein bürokratischer Schildbürgerstreich“, empört sich Melzer im Gespräch mit „Fulda aktuell“. Vor gut sieben Jahren habe man es in seinem „Edeka“-Markt abgeschafft, jedem Kunden einen Kassenbon in die Hand zu drücken, weil der überwiegende Teil einen solchen nicht hatte haben wollen. Dass man ab Januar gesetzlich wieder dazu verpflichtet sei, „das stößt mir extrem sauer auf“.

Und er nennt Gründe: Bislang verbrauche man pro Jahr etwa 50 Kilometer Bonrolle, ab 2020 dürften es gut 150 Kilometer sein. Vor Kurzem erst habe man an der Hauptkasse einen Test gemacht, „und da wollten von 340 Kunden 136 einen solchen Bon haben. Also etwas mehr als ein Drittel“. Derzeit werde täglich etwa ein halber Fünf-Liter-Eimer mit weggeworfenen Bons gefüllt, „und ab 2020 wird das deutlich mehr werden“. Melzer verweist auch darauf, dass es aufgrund der elektronischen Bondatenpflicht schon jetzt möglich ist, Kassenbons zehn Jahre lang zu archivieren.

Im Lebensmittelhandel und auch in anderen Branchen wie der Systemgastronomie oder Baumärkten werde schon lange mit Warenwirtschaftssystemen (WWS) gearbeitet, die das Scannen jedes einzelnen Artikel notwendig machen. Melzer: „Eine Manipulation ist deshalb so gut wie ausgeschlossen und auch nicht sinnvoll, weil sonst die WWS-Daten nicht korrekt wären.“ Hauptziel der Neuverordnung seien Betriebe mit einfachen Registrierkassen oder Geldkassetten und praktisches aktuelles Beispiel Essensstände auf den Weihnachtsmärkten.

Wenn durch die Neuregelung Steuersünder aufgespürt werden sollen, „dann wird überdies jeder unter Generalverdacht gestellt, weil die neue Verordnung nach dem Gießkannenprinzip auf alle Branchen angewendet wird. Dabei sollte doch eigentlich immer die Unschuldsvermutung gelten“. 

Der Inhaber des „Edeka“-Marktes nennt noch einen weiteren Grund, weshalb er der neuen Verordnung mit großer Skepsis begegnet: „Was dann anfallen wird, ist kein Recyclingmüll, sondern Sondermüll. Denn die Kassenbons bestehen aus Thermopapier“. Zu einer Zeit, in der viel von Ressourcenvermeidung die Rede ist, werde hier das genaue Gegenteil praktiziert. „Bei uns werden die Investitionen in die Hardware gen Null tendieren, aber auf uns werden Mehrkosten bezüglich des Papiers zukommen“, so Melzer, der darauf verweist, dass zum Zeitpunkt des Inkrafttretens der neuen Verordnung jeder Markt automatisch von der „Edeka“-Zentrale aus umgestellt wird. Und er erinnert daran, dass ja nicht nur die großen Supermärkte betroffen seien, sondern jedes kleine Geschäft, jede Bäckerei- oder Fleischereifiliale und jeder Imbiss. „Und die Kleinen sind es letztendlich, die die Masse machen“.

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