Kein Einzelfall: Ein Ort sorgt sich um seinen Laden

Stefanie Gärtner ist eine von denen, die sich dafür stark machen, dass es mit „Müller“ in Crainfeld weiter geht
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Stefanie Gärtner ist eine von denen, die sich dafür stark machen, dass es mit „Müller“ in Crainfeld weiter geht

Ein Ort kämpft um seinen Laden: Seit vielen Jahren schon ist die „Bäckerei Müller“ mitsamt integriertem Nahversorger im Grebenhainer Ortsteil Crainfeld und weit über den Vogelsbergkreis hinaus eine Institution. Die Menschen gehen dort gerne einkaufen und schätzen dank des persönlichen Kontakts auch sehr die familiäre Atmosphäre. Nun aber droht diese Möglichkeit wegzubrechen, denn Bäcker und Konditor Heiko Müller muss seiner schweren Krankheit Tribut zollen und will schließen.

Grebenhain. Gerade die Produktpalette der Bäckerei reicht weit über den Vogelsberg hinaus, denn wie auch „Fulda aktuell“ vor Längerem schon berichtete, hat Müller zwei Brote kreiert, die im besten Wortsinne „weggingen wie warme Semmeln“. Die Nachfrage nach der Hanf-Dinkel-Kruste und dem „Hippokrat“ hatte auch den Kreis Fulda erreicht, wo beide Brotsorten verkauft werden.

Müller führt die Bäckerei in dritter Generation nach Großvater Heinrich und Vater Karl. Nun aber soll Schluss sein – eine Nachricht, die nicht nur die gut 400 Einwohner ratlos macht. Grebenhains Bürgermeister Sebastian Stang auf Anfrage: „Die drohende Schließung des Ladens und der ,Bäckerei Müller‘ in Crainfeld ist sehr schade. Leider ist dies auch die Folge immer weiter reichender Konzentrierungsbemühungen aller Marktpartner und der Regionalpolitik, die nur noch in große Einkaufszentren investieren beziehungsweise diese durch die Regionalplanung befördern“. Die Konditionen, die kleine Läden bekommen, machten einen Weiterbetrieb nur unter hohem persönlichen Einsatz und geringer Wirtschaftlichkeit gegebenenfalls möglich, aber sehr unattraktiv.

Stang: „Insofern ist es auch kein Wunder, warum sich für die Nachfolge dieser kleinen Geschäfte und Handwerksbetriebe immer weniger junge Menschen finden, die den Betrieb übernehmen. Hinzu kommt, dass wir in allen Bereichen den Generationenwechsel in den Betrieben durchleben und – leider! – hier nicht immer ein Nachfolger direkt gefunden wird, was auch an den fehlenden Handwerkern, vor allem aber den Handwerksmeistern, liegt“. Dabei spiele auch eine große Rolle, dass jeder Unternehmer selbst und ständig nicht nur für sich, sondern auch für seine Mitarbeiter arbeiten müsse. Auch hier würden es immer weniger Menschen, die diese Verantwortung übernehmen wollten, nicht zuletzt auch wegen der ganzen Hürden, die den jungen Unternehmern auf den Weg zur Selbständigkeit gestellt würden.

Heiko Müller versucht derzeit natürlich, einen Nachfolger zu finden, was aus den vom Bürgermeister beschriebenen Gründen nicht einfach ist. Auch Stang sieht konkret im Moment noch keine Lösung zur Rettung des Geschäfts beziehungsweise der Bäckerei, will aber in den kommenden Wochen nochmal das Gespräch mit den Eigentümern suchen. Bewerber könnten sich auf einen treuen und großen Kundenstamm verlassen und sollen sich direkt bei Heiko Müller melden.

Dass es in Crainfeld bald nicht mehr die Möglichkeit geben soll, Brot und Brötchen beziehungsweise viele andere Dinge des täglichen Bedarfs einzukaufen – diese Botschaft hatte auch Stefanie Gärtner erreicht, die darauf aktiv geworden war und die Öffentlichkeit mobilisiert hatte. Gärtner ist mit ihrer Familie (noch) im Fliedener Ortsteil Rückers zu Hause, wird aber bald in den Vogelsberg ziehen. Sie hatten nach einem Ort gesucht, in dem es neben dem Kindergarten für Söhnchen Jonathan auch einen Laden und eine Bäckerei geben sollte – und den in Crainfeld gefunden.

Umso härter habe sie die Nachricht vom angekündigten Aus getroffen, schildert Gärtner im Gespräch mit unserer Zeitung. Die 37-Jährige macht sich nun mit vielen anderen Bürgern Gedanken, denn was solle aus Crainfeld ohne „Müller“ werden? Den Menschen, gerade den Älteren, werde ein wichtiger Nahversorger und kommunikativer Treffpunkt fehlen, zudem verlören die Mitarbeiter ihren Job.

Kräftig die
Werbetrommel rühren

„Ich konnte da nicht untätig abwarten. Die Werbetrommel zu rühren und die Menschen aufrütteln, schadet nie“, sagt sie. Nachdem ein hessischer Radiosender über die Problematik berichtet hatte, sei die Resonanz sehr gut gewesen. Viele hofften jetzt, dass sich jemand findet, der Bäckerei und Laden übernehmen möchte und so dem Dorf, das direkt am „Vulkanradweg“ gelegen ist, ein Stück Lebensqualität erhalten bleibt. Auch wenn die jetzt schon sehr hoch ist, denn neben „Müller“ gibt es unter anderem noch zwei Metzgereien, Erlebnisgastronomie, Schreinerei, Zimmerei.

Und vielleicht nimmt man sich in Crainfeld ja auch ein Vorbild an Läden, die von den Bürgern selbst betrieben werden. Beispiele gibt es auch in unserer Region.

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