Kirche in der Krise: Bistum Fulda bleibt von Debatten nicht verschont

Der Dom zu Fulda: Auch im Bistum machen sich die aktuellen Debatten rund um die Krise der katholischen Kirche bemerkbar
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Der Dom zu Fulda: Auch im Bistum machen sich die aktuellen Debatten rund um die Krise der katholischen Kirche bemerkbar

Es gärt in der Römisch-Katholischen Kirche in Deutschland, und das nicht nur wegen der aktuellen Debatte um den Pflichtzölibat.

Fulda Viele Gläubige sind enttäuscht über die ihrer Ansicht nach sehr ungenügende Aufarbeitung des Missbrauchsskandals, die mit der Präsentation des Gutachtens im Erzbistum München und Freising vor Kurzem einen Tiefpunkt erlebt hat. Parallel dazu outeten sich 125 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Katholischen Kirche als „queer“ und forderten ein Umdenken. Die Diskriminierung müsse aufhören.

Da passt es, dass in diesen Tagen die dritte Vollversammlung des „Synodalen Weges“ in Frankfurt am Main stattfindet. Daran nehmen aus dem Bistum Fulda auch Bischof Dr. Michael Gerber und Weihbischof Dr. Karlheinz Diez teil. Im Vorfeld hat FULDA AKTUELL der Bistumsspitze verschiedene Fragen rund um die Themenkomplexe „Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs“ und „Synodaler Weg“ vorgelegt. Beantwortet wurden diese von der Pressestelle des Bistums.

„Die Veröffentlichung des Gutachtens in der Erzdiözese München und Freising hat auch im Bistum Fulda tiefe Emotionen und Fragen ausgelöst: Bei Priestern und Diakonen ebenso wie bei den zahlreichen hauptberuflich Beschäftigten sowie ehrenamtlich engagierten Frauen und Männern in der Kirche. Vor allem aber bei denen, die in der Vergangenheit geistlichen Missbrauch oder sexualisierte Gewalt erleben mussten“. Bischof Gerber stehe regelmäßig mit Betroffenen in Kontakt und habe nach der Veröffentlichung in München bereits einige Gespräche geführt – mit Betroffenen ebenso wie mit den haupt- und ehrenamtlich Beschäftigten im Bistum.

Wörtlich heißt es in der Stellungnahme weiter: „Klar ist und bleibt: Die notwendige Aufarbeitung kann nur mit und aus der Perspektive der Betroffenen erfolgen. Gleichzeitig muss sie durch unabhängige Gremien erfolgen und darf dabei keine Rücksicht nehmen auf prominente Namen oder Verdienste in anderen Zusammenhängen. Das Bistum Fulda wird dabei konsequent die Wege im Bereich Intervention und Prävention auf der Basis aktueller Erkenntnisse und geltender Standards weitergehen“.

Gleiches gelte für den Prozess der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Im Bistum Fulda wurde dazu nach den Maßgaben der Vereinbarung zwischen dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung und der „Deutschen Bischofskonferenz“ eine unabhängige Aufarbeitungskommission eingerichtet. Darin sitzen auch zwei Vertreter eines gemeinsamen Betroffenenbeirates der Diözesen Fulda, Limburg und Mainz.

Das Münchener Gutachten zeige einmal mehr und sehr deutlich die Notwendigkeit auf: „Wir müssen hinschauen und handeln!“, betont Bischof Gerber. „Vor allem gilt es, alle Fälle und den Umgang der Verantwortungsträger damit konsequent und ohne Rücksicht auf prominente Namen oder Positionen aufzuarbeiten. Dabei müssen wir die Perspektive der Betroffenen in den Mittelpunkt stellen.“

Hintergrund

Nach Veröffentlichung der bundesweiten Missbrauchsstudie im September 2018 hatten sich in Fulda weitere Betroffene gemeldet, derzeit geht man von 89 Opfern aus. Die Zahl der Beschuldigten liegt bei 34. Wie bekannt wurde, hat das Bistum Fulda zur Anerkennung des Leids den Opfern bislang in 26 Fällen 88.500 Euro gezahlt.

Zum „Synodalen Weg“

Im Hinblick auf die anstehende Vollversammlung des „Synodalen Weges“ besteht laut Bischöflicher Pressestelle die Hoffnung, dass auch über den „Synodalen Weg“ Anliegen in Prozesse auf nationaler und globaler Ebene eingespielt werden können, die hier bewegen. Bischof Gerber sei erfreut, dass die Veranstaltung in Frankfurt am Main trotz Pandemie in Präsenz stattfinden könne: In persönlichen Gesprächen ließen sich viele Dinge insbesondere mit und aus unterschiedlichen Perspektiven einfacher klären. In diesen Klärungsprozessen sei immer auch zu bedenken, welche Themen und Anliegen auf nationaler Ebene beispielsweise in einem Forum wie dem „Synodalen Weg“ bearbeitet werden können und welche Anliegen in globale Prozesse im Rahmen der Universalkirche einfließen müssen.

Eine weitere Chance, Anliegen auch aus dem Bistum Fulda über einen synodalen Prozess bis auf die Ebene der Weltkirche zu spiegeln, bestehe in einer von Papst Franziskus angestoßenen Initiative, dem „Synodalen Prozess der Weltkirche“: Dazu hat es im Bistum Fulda bereits Veranstaltungen gegeben, das Bistum hat eine Homepage eingerichtet: synodalekirche. bistum-fulda.de .

Austrittszahlen

Auf Anfrage bei der Stadt Fulda, ob es eine Übersicht über Kirchenaustritte gibt, gab es von Magistratssprecher Johannes Heller folgende Auskunft: „Die Auswertung der Daten aus dem Melderegister erweist sich als kompliziert und nicht sachgemäß, da die entsprechenden Rubriken fehlen und deshalb zu viele Fehltreffer entstehen. Eine Auswertung kann daher behelfsweise nur über die (für den Austritt nötige) Terminvereinbarung beziehungsweise die erhobenen Gebühren bei erfolgtem Kirchenaustritt erfolgen. Eine Statistik darüber, um welche Konfession/Religion es sich bei dem Austritt jeweils handelt, wird von der Stadt Fulda allerdings nicht geführt.

Nach Auswertung der Zahlen lässt sich aber jedenfalls sagen, dass seit November 2021 die Zahl der Austritte gestiegen ist. Derzeit sind es etwa 100 Austritte im Monat. In früheren Monaten waren es eher 60 bis 80, wobei die Zahlen durchaus größeren Schwankungen unterliegen. Bei diesen Zahlen handelt es sich jedoch wohlgemerkt nicht nur um Austritte aus der katholischen Kirche, sondern um Austritte aus allen steuererhebenden Religionsgesellschaften“.

Ein Vergleich zwischen Januar 2022 und Januar 2021 sei nicht zielführend: Im Januar 2021 bewegten sich die Austrittszahlen im einstelligen Bereich, was allerdings vor allem daran lag, dass aufgrund des strikten Lockdowns vom Bürgerbüro nur wenige Termine (für dringende unaufschiebbare Anliegen) angeboten wurden.

Unterstützung

Was die anfangs erwähnte Aktion #OutInChurch angeht, so hat die „Arbeitsgemeinschaft katholischer Verbände im Bistum Fulda“ die öffentliche Stellungnahme unterstützt sowie Anerkennung und Wertschätzung denjenigen ausgesprochen, die sich als „queere“ Mitarbeitende in der katholischen Kirche geoutet haben.

Die „AG Verbände“ schreibt: „Sich nicht länger zu verstecken, aus Angst gekündigt zu werden, sondern zur eigenen sexuellen Orientierung zu stehen, wird als regelrechter Befreiungsakt wahrgenommen. Dazu gehört sehr viel Mut in einer Kirche, deren Sexualmoral stehengeblieben zu sein scheint, und genug Selbstbewusstsein in einem System, das eine für alle zu geltende Norm festlegt.

Die „AG Verbände“ zolle nicht nur großen Respekt, sondern unterstütze ausdrücklich die Aktion, die in Zeiten von Finanzskandalen und Missbrauchsgutachten einen weiteren wunden Punkt in der katholischen Kirche anspricht. „Die Frage nach geschlechtlichen Identitäten ist ein Thema, das nicht mit Diskriminierung, Berufsverbot oder Verleugnung zu tun haben darf“, so Steffen Kempa („Kolping“), Vorsitzender der „AG Verbände“.

„Die Ebenbildlichkeit Gottes gilt für alle Menschen ohne Ausnahme“, erklärte Bettina Faber-Ruffing („kfd“), stellvertretende Vorsitzende. Dem müsse insbesondere auch das kirchliche Arbeitsrecht Rechnung tragen.

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