Klartext: Antisemitismus in Deutschland

Redaktionsleiter Bertram Lenz zum Thema Antisemitismus.
+
Redaktionsleiter Bertram Lenz zum Thema Antisemitismus.

Redaktionsleiter Bertram Lenz zum Thema Antisemitismus.

Wer vielleicht gemeint hat, der der im Nahen Osten eskalierende Konflikt zwischen Israel und der Hamas ginge in Deutschland niemanden etwas an, der irrt. Denn immer öfter zeigt sich eine erbärmliche Facette dieser kriegerischen Auseinandersetzung auf unseren Straßen, werden diese immer mehr zum Schauplatz von antisemitischen Demonstrationen. Jüdische Mitbürger müssen wieder um ihr Leben fürchten – eine erschreckende Tatsache 76 Jahre nach dem Untergang des „Dritten Reiches“, das den Antisemitismus fest in seiner offiziellen Politik, in der Gesellschaft und somit in den Köpfen seiner Bürger verankert hatte. Mit dem Ziel, jüdisches Leben für immer zu vernichten.

Fakt ist, dass sich bereits vor der aktuellen Eskalation in Nahost immer mehr jüdische Mitbürger in Deutschland bedroht fühlten. Denn die Formen des Antisemitismus in unserem Alltag sind vielschichtig und reichen von Hakenkreuzschmierereien und offenem Rassismus über eine Verharmlosung beziehungsweise Relativierung des Holocausts bis hin zur Kritik an der Politik des Staates Israel. Auch wenn diese mitunter gerechtfertigt sein mag.

Traurig aber ist, dass mittlerweile viele jüdische Einrichtungen in Deutschland unter Polizeischutz stehen und nicht nur wegen Corona an ein geordnetes gemeindliches Leben kaum mehr zu denken ist.

Zugleich aber macht es sehr nachdenklich, dass unter den Migranten, die in Deutschland Zuflucht gesucht und gefunden haben, der Hass auf Juden anscheinend weit verbreitet ist und sich nach den Ereignissen im Nahen Osten neue Bahn bricht. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble ist daher uneingeschränkt zuzustimmen, der mehr Anstrengungen in der Integrationsarbeit gefordert hat. Deutschland müsse muslimischen Migranten klarmachen, dass sie „in ein Land eingewandert, in dem die besondere Verantwortung für Israel Teil unseres Selbstverständnisses ist“. Da ist es gut, dass auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, eindeutig Stellung bezieht: „Wer unter dem Vorwand von Kritik an Israel Synagogen und Juden angreift, der hat jedes Recht auf Solidarität verwirkt.“

Die Frage indes bleibt, wie jener wabernde Hass zu stoppen ist, der sich auf unseren Straßen zu entladen droht, und mit dem immer mehr rechts- und querdenkende Gruppierungen ihr braunes Süppchen kochen. Denn nichts wäre schlimmer als ein zweites Halle, wo im Oktober 2019 ein 27-Jähriger aus rechtsextremistischen und antisemitischen Motiven heraus zwei Menschen tötete und zwei weitere verletzte. Der Täter hatte versucht, in eine Synagoge einzudringen und wollte offenbar die Menschen, die dort den jüdischen Feiertag Jom Kippur begingen, töten.

Bertolt Brechts mahnende Worte aus seinem Parabelstück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ sind aktueller denn je.

Das könnte Sie auch interessieren

Meist Gelesen

QR-Code statt des gelben Hefts: Wie und wo kommt an den digitalen Corona-Impfpass?

Seit Donnerstag können vollständig Geimpfte den Nachweis darüber per App auf das Smartphone laden lassen.
QR-Code statt des gelben Hefts: Wie und wo kommt an den digitalen Corona-Impfpass?

Sehr positive Resonanz auf Veranstaltungen des "City Marketing Hünfeld"

Mitgliederversammlung in der "Stadthalle Kolpinghaus" / Kein Frühlingsmarkt wegen Coronavirus
Sehr positive Resonanz auf Veranstaltungen des "City Marketing Hünfeld"

Kirchenmusik im Advent: Es wird leiser, aber nicht still

Interview mit dem Fuldaer Dimkapellmeister Franz-Peter Huber zur derzeitigen Situation der Kirchenmusik in der Advents- und Weihnachtszeit.
Kirchenmusik im Advent: Es wird leiser, aber nicht still

Missbrauch an Kindern: 75 Fälle im Bistum Fulda

Bistum Fulda benennt 75 Missbrauchsfälle und 29 Beschuldigte im Zuständigkeitsbereich
Missbrauch an Kindern: 75 Fälle im Bistum Fulda

Kommentare

Hinweise für das Kommentieren

Von Mo. bis Fr. in der Zeit von 18 bis 9 Uhr und am Wochenende werden keine neuen Kommentare freigeschaltet.
Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.