Klartext: Was ist arm, was ist reich?

Redakteur Christopher Göbel macht sich Gedanken über das Thema Armut, vor allem im Hinblick auf eine neue Studie, die Hessen überdurchschnittlich arm sieht.

Armut. Dieses Wort an sich steht für einen Zustand, der ausschließlich negativ belegt ist. „Ich bin arm“ sagt man ungern von sich. Doch was heißt „arm“? Dass man sich nicht alle zwei Jahre ein neues Auto kaufen oder jedes Jahr in den Urlaub fliegen kann? Oder dass man die Beiträge zur Zahnspange von Kindern nicht zahlen kann? Oder dass man beim Geschenke-Shopping vor Weihnachten jeden Euro dreimal umdreht und überlegt, ob man das wirklich verschenken sollte? Oder dass man am Monatsende nicht mehr weiß, wovon man sein tägliches Essen bezahlen soll?

Ich glaube, dass „arm“ für die Menschen je nach Lebenssituation eine andere Bedeutung hat. Für einen Millionär dürfte jeder arm sein, der nicht dessen Lebensstandard genießen kann. Für die obere Mittelschicht ist arm, wer Hartz IV bekommt. Für ALG-II-Empfänger ist derjenige arm, der in der Fußgängerzone Pfandflaschen aus dem Müll zusammensucht. Aber egal, was für wen „arm“ bedeutet: Die Armut in Deutschland ist ein Problem.

Dass Hessen – insbesondere Mittelhessen – inzwischen laut „Paritätischem Wohlfahrtsverband“ zu einer der ärmsten Regionen Deutschlands gehört, hat mich überrascht. Bisher dachte ich, Hessen sei als Bundesland wohlhabend. Doch das ist nur in Teilen so. Denn auch im Rhein-Main-Gebiet, das bisher immer als reiches Finanzzentrum dastand, hat sich die Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet. Horrende Mieten in den Großstädten sind ein Grund dafür, dass vom Einkommen immer weniger übrig bleibt und Menschen arm macht. Daran haben politische Instrumente wie die Mietpreisbremse bis heute nicht viel ändern können.

Gründe für Armut

Warum sind oder werden Menschen sonst noch arm? Das kann durchaus unverschuldet passieren, wenn durch eine plötzliche Arbeitsunfähigkeit die AU-Rente einfach nicht ausreicht. Das kann auch mehr oder weniger selbst verschuldet geschehen, wenn durch eine Trennung ein Partner zum Alleinerziehenden wird und der andere Teil durch Unterhaltszahlungen ebenfalls weniger im Geldbeutel hat. Das kann aber ebenso unvermutet geschehen, wenn Firmen in Konkurs gehen, schließen oder Stellen abbauen. Dann müssten eigentlich unsere Sozialsysteme greifen und dafür sorgen, dass die Bürger genug Geld zum Leben haben.

Und hier stellt sich eine weitere Frage: Wie viel ist „genug zum Leben“ eigentlich? Ich kann diese Frage definitiv nicht beantworten. Ich denke, dass „genug zum Leben“ bedeutet, dass man jeden Monat genügend einkaufen kann, um sich und seine Kinder zu versorgen. Urlaubsreisen und Oberklasse-Wagen gehören für mich nicht dazu. Aber es sollte genug sein, um seinen Kindern und sich ordentliche Anziehsachen kaufen und an Geburtstag und Weihnachten Geschenke machen zu können, die „angemessen“ sind. Und es bedeutet für mich, dass auch ein Schulausflug und die Kosten für Schulmaterial aus der eigenen Tasche bezahlt werden können, ohne dass deswegen in der letzten Woche des Monats nur noch Toast mit Margarine auf dem Speiseplan stehen muss.

Zurück zur Armut in Hessen

Statt lediglich das Problem zu benennen, müssen Lösungen her, um die Armut der Bürger zu lindern. Hartz IV und alles, was dazugehört, sind ein Weg. Aber auch die Initiative derer ist gefordert, die an der Armutsgrenze leben. Arbeit gibt es genug. Und in den meisten Fällen reicht das Einkommen auch, um eben nicht „arm“ zu sein. Da, wo es nicht reicht, springt der Staat ein. Ich sehe sowohl die Unternehmen in der Pflicht, die statt 450-Euro-Jobs sozialversicherungspflichtige Stellen anbieten sollten, als auch diejenigen, die diese Arbeitsstellen besetzen müssten. Die Auswahl an offenen Stellen war selten so groß. Man muss nur den Willen haben, mit Arbeit genug zu verdienen, um den jeweiligen Wünschen entsprechend „gut“ zu leben.

Wenn staatliche Hilfen aber teilweise höher ausfallen als Löhne und Gehälter, dann stimmt etwas nicht. Die Motivation, das eigene Geld zu verdienen, muss bei manchen Zeitgenossen von der Politik vorgegeben werden, um sie aus der Hartz-IV-Ecke hervorzuholen.

Auch wenn das Thema Armut vor allem in der Weihnachtszeit jedes Jahr aufs Neue besonders präsent ist, so sind Werkzeuge nötig, um in unserem reichen Deutschland Armut zu verringern. Da ist tatsächlich die Politik am Zug. Man kann es niemals allen recht machen. Aber dass es Armut in Deutschland gibt, ist ein Fakt. Und dem muss entgegengetreten werden. Besser heute als morgen.

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